Diskurs

Gleichwürdig nannte der Erziehungsexperte Jasper Juul das Ziel einer gelungenen Eltern-Kind- Beziehung.

Nach langem Zögern suchte der Vater für seinen jüngsten Sohn nach einem Psychotherapeuten, denn der Sohn litt an Schlafstörungen und hatte so starke Prüfungsängste, dass er das Studium an der Wirtschaftsuniversität nicht mehr weitermachen konnte. Nun saß der Sohn zu Hause herum. Der Beginn der Therapie war nicht einfach. Der Sohn war misstrauisch, weil der Vater für die Sitzungen bezahlte. Erst mit der Zusicherung, dass seine Eltern nichts über den Inhalt des Gesagten erfuhren und dass er alles aussprechen konnte, was ihm am Herzen lag, fasste der Sohn Vertrauen.

Er erzählte dem Therapeuten, wie unglücklich er über den Weg sei, der ihm von den Eltern vorgegeben wurde. Es war der Wunsch seiner Eltern, dass er rasch das Studium abschließen sollte, um gleich danach im Familienbetrieb einzusteigen. Später sollte er den Betrieb übernehmen. Es gab zwar einen älteren Bruder, doch dieser hatte sich für einen anderen Karriereweg entschieden und studierte Medizin. Daher lagen die Hoffnungen der Eltern auf dem jüngsten Sohn.

Als ihn der Therapeut nach seinen Wünschen fragte, sagte der Sohn, er würde am liebsten für ein Jahr weggehen – ganz weit weg – entweder nach Südamerika oder nach Asien. Diese Auszeit wollte er für eine Neuorientierung nutzen. Der Sohn dachte darüber nach, das Studium aufzugeben und etwas ganz anderes zu machen. Doch er hatte Angst, den Eltern die Wahrheit zu sagen. Denn: Der Sohn verdiente kein eigenes Geld. Er wohnte bei den Eltern und war damit finanziell von ihnen abhängig.

Der Therapeut ermutigte ihn trotzdem, dem eigenen Weg zu folgen. In der Therapie ging es fortan darum, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Schließlich traute sich der Sohn, dem Vater seine Wünsche zu offenbaren. Der Vater reagierte ablehnend und strich das Geld für die Therapiesitzungen. Doch der Sohn ließ sich nicht beirren. Er zog in eine Wohngemeinschaft und nahm einen Job in einem Restaurant an. Als er genug Geld hatte, reiste er nach Südamerika. Er nutzte die Zeit für sich, um herauszufinden, wie es mit ihm weitergehen sollte. Nach der Rückkehr lernte er ein Handwerk. Schließlich verbesserte sich auch das Verhältnis zu den Eltern, denn diese spürten, dass es ihm gut ging. Die depressiven Symptome waren verschwunden.

Mit Kindern auf Augenhöhe

Diese Geschichte zeigt, wie schwierig das Loslassen für die Eltern sein kann. Es gibt Väter und Mütter, die ihre Kinder nicht als eigenständige Geschöpfe sehen, sondern die ihre eigenen Erwartungen auf die Kinder projizieren. Oft geben die Eltern vieles vor. Sie suchen die beste Schule aus, sie organisieren die beste Nachhilfe, wenn die Schulnoten schlecht sind. Die Eltern tun das nicht in böser Absicht, sondern sie wollen das Allerbeste für die Kinder und Jugendlichen. Darunter verstehen sie eine möglichst perfekte Ausbildung, eine perfekte Freizeitgestaltung, später den perfekten Job und eine perfekte Partnerschaft. Solche Eltern sind überzeugt, dass die Ziele erreichbar sind, wenn die Kinder besonders ehrgeizig sind und sich nur genügend anstrengen.

Gleichzeitig wollen solche Väter und Mütter ihren Kindern ein perfektes Leben bieten, mit einer perfekten Erziehung, einem perfekten Haus und so weiter. Doch eine solche Haltung kann Druck, Stress, Essstörungen und Burn-out verursachen. Der Leistungsdruck hängt auch mit der zunehmenden Ökonomisierung der westlichen Gesellschaft zusammen. Die Kinder müssen sich früh darauf einstellen, dass sie bewertet und mit anderen verglichen werden – und dass sie daher mehr leisten sollen.

Aus buddhistischer Sicht wird in diesem Zusammenhang von einer Anhaftung gesprochen. Anhaftungen können verschiedene Formen annehmen, wie beispielsweise das Festhalten an bestimmten Vorstellungen, Erwartungen, Glaubenssätzen, an einem Besitz, an positiven und negativen Gefühlen. Hier kann es sinnvoll sein, sich achtsam mit den Anhaftungen auseinanderzusetzen und das Loslassen zu üben.

Es ist in Therapiesitzungen immer wieder überraschend, wie schnell sich die Heranwachsenden ändern, wenn sie einen Gesprächspartner finden, der sie nicht bewertet, sondern der sie einfach nur annimmt, wie sie sind. Vor Kurzem ist der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul verstorben. Dieser gehörte zu den bekanntesten Familientherapeuten in Europa. Einige seiner Leitideen sind gut mit dem Buddhismus vereinbar. Sein einfachster Grundsatz lautete: „Lieben Sie Ihre Kinder doch einfach.“

Doch das ist nicht immer leicht, denn Kinder stellen die Erwachsenen immer wieder auf die Probe und testen die Grenzen aus. Laut Juul geht es in der Erziehung darum, Kinder und Jugendliche „gleichwürdig“ zu behandeln. Mit „gleichwürdig“ meinte Juul, dass wir Kindern und Jugendlichen mit derselben Würde und mit demselben Respekt begegnen sollen wie erwachsenen Menschen. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Kinder sind eigenständige Geschöpfe, sie sollen mit ihren Gedanken, Gefühlen, Werten und Bedürfnissen ernst genommen und respektiert werden. Kinder haben „das Bedürfnis, gesehen und anerkannt zu werden“, schrieb Juul.

Der Familientherapeut hat zwar einige tolle Bücher geschrieben hat, doch sein Leben verlief nicht immer perfekt. Er war geschieden und sagte einmal, er sei in den ersten Lebensjahren seines Sohnes ein furchtbarer Vater gewesen. Erst im Laufe der Jahre sei er weicher geworden. Vielleicht kann es in diesem Zusammenhang helfen, das Verhältnis des historischen Buddha zu seinen Eltern zu betrachten.

Siddhartha Gautama wurde der Überlieferung nach einst als Prinz geboren und wuchs im Luxus auf. Sein Vater wollte ihm ein möglichst angenehmes Leben bieten. Die Familienmitglieder lebten in einem Palast, irdische Güter waren im Überfluss vorhanden. Im Alter von sechzehn Jahren heiratete Siddhartha. Wäre es nach dem Willen seines Vaters gegangen, hätte Siddhartha ein weltlicher Herrscher werden sollen. Er hätte ein nach damaligen und heutigen gesellschaftlichen Maßstäben perfektes Leben führen können.

Doch Siddhartha war mit dem abgeschiedenen Leben im Palast und mit dem Reichtum nicht zufrieden. Der vom Vater vorgegebene Weg füllte ihn nicht aus. Um das Leben außerhalb des Palasts kennenzulernen, unternahm er heimlich die vier legendären Ausflüge, wo er unter anderem das Alter, die Krankheiten und den Tod kennenlernte. Danach entsagte Siddhartha dem Reichtum und ging seinen eigenen Weg. Was dürfte der Vater empfunden haben, als er erfuhr, dass sein Sohn den Weg eines Asketen beschreiten wollte? Und wie hätte jeder von uns gehandelt, wenn wir an der Stelle des Vaters gewesen wären? Hätten wir als Eltern loslassen können? Oder hätten wir Siddhartha geraten, doch im Palast zu bleiben? Dieses Beispiel zeigt vielleicht, wie schwer das Loslassen manchmal sein kann.

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