Diskurs

Vorbild für andere zu sein ist eine herausfordernde Aufgabe. Schließlich müssen einem andere folgen wollen. In Buddhas Reden finden wir die Richtlinien.

Wer einen spirituellen Weg sucht und geht, wird sich irgendwann folgende Fragen stellen: Brauche ich eine/n Lehrer/in? Wie finde ich ihn/sie (oder: Wie finden sie mich)? Wie sehr muss und soll ich mich unterordnen? Darf ich LehrerInnen prüfen und bewerten? In Buddhas zahlreichen Reden finden wir einige bemerkenswerte Aussagen über die Rollen und Aufgaben von Lehrern und Schülern.

Buddhas
Erstens: Braucht eine Tradition und brauchen ihre Anhänger einen Guru als geistigen Führer? Der Buddha selbst hat am Ende seines Lebens keinen Nachfolger als Oberhaupt und Lenker ernannt. Er sagte oft, dass ein guter Lehrer nur ein guter Freund, ein Begleiter ist, der auf dem Weg schon ein wenig weiter oder ans Ziel gekommen ist. Solche Vorbilder sind unverzichtbar, aber von einem ernannten geistigen Führer einer Bewegung hielt er offensichtlich nichts. Nach seinem Tod wurde sein Vertrauter Ananda gefragt, wer denn nun die Gemeinschaft führen würde. Ananda antwortete, dass keiner dafür ernannt war. Die Frage war also, wie die Tradition weiter bestehen könne. Ananda erklärte, dass es Richtlinien gäbe und regelmäßige Treffen. Es wären keine bestimmten Personen, die die Gemeinschaft leiten, sondern die Lehre selbst. Aber es gäbe sehr wohl Menschen, die Befreiung erlangt hätten, und diese würden verehrt und geschätzt. Die Zuflucht findet man im Vertrauen zum Buddha, zur Lehre und zur Gemeinschaft, jedoch nicht bei einem Oberhaupt.

Zweitens: Darf und soll man Lehrer genau betrachten, prüfen und bewerten? Das Dasein eines Schülers ist nicht davon gekennzeichnet, dass er oder sie am Eingang des Tempels oder des Zentrums seinen/ihren gesunden Menschenverstand abgeben muss. Auf die Frage, welchen Lehrern man nun Glauben schenken und folgen soll, antwortet der Buddha, dass man solche Fragen stellen und kritisch sein darf. Man solle die Anweisungen befolgen, aber immer darauf achten, ob sie zu guten Ergebnissen führen. Man kann nur selbst herausfinden, was ein guter Weg ist – und was nicht.

Drittens: Worauf sollte man bei einem Lehrer/einer Lehrerin achten? Er/sie sollte frei sein von Gier, Hass und Verblendung, sollte selbst den inneren Frieden kennen. Was er/sie lehrt, sollte mit der eigenen Lebensweise übereinstimmen. Der Buddha empfiehlt sogar, einige Zeit mit oder bei einem Lehrer zu leben. Der Buddha rät auch, darauf zu achten, ob er bescheiden ist, einfach lebt, mit wenig zufrieden ist, unabhängig von sinnlichen Vergnügungen ist, andere nicht beschimpft und sich weder besser noch schlechter als andere macht.

Viertens: Der Buddha fasst die wichtigsten Kriterien zusammen, die einen guten Lehrer ausmachen. Da ist zunächst ein einwandfreies ethisches Verhalten, das sich an fünf grundlegenden Richtlinien ausrichtet. Er wird sich bemühen, auch kleinste Fehler zu vermeiden. „Er bemüht sich“, so wird es bezeichnet, daraus kann man schließen, dass ein Lehrer auch Fehler machen wird. Hat er die Größe, wenn ihm ein Fehler unterläuft, diesen auch einzugestehen? Dass er beste Kenntnisse einer sinnvollen Lehre haben muss, sollte selbstverständlich sein, doch nicht immer achten die Zuhörer und Zuhörerinnen darauf. Dann wird noch gesagt, dass er durchaus im Besitz von geistigen Kräften sein soll, die jedoch nicht für das Ausüben von Macht und Einfluss eingesetzt werden dürfen. Alle Fähigkeiten sollen nur dazu dienen, andere Menschen besser zu verstehen. Weiter soll er oder sie eine liebevolle Haltung für alle Wesen entwickelt haben. Schließlich sollte die eigene Übung der Meditation zu Sammlung und vertieften Bewusstseinszuständen geführt haben. Am Ende und am allerwichtigsten sind allerdings die Einsicht und die Weisheit. Denn sie führen schließlich dazu, dass die Gesetze von Ursache und Wirkung verstanden wurden, die treibenden Kräfte überwunden sind und die innere Befreiung verwirklicht wurde.

Fünftens: Ein Lehrer unterrichtet nicht, um Ansehen, Anerkennung, Zustimmung, Ruhm, Einfluss, Macht oder Reichtum zu bekommen, seine einzige Berechtigung und Motivation sollte demnach darin liegen, dass er selbst die Lehre als nützlich, zielführend, zeitlos und wirksam erkennt. Er lehrt aus Mitgefühl, das ist die rechte Einstellung.

Sechstens: Schüler sollten nicht abhängig von Lehrern werden, doch auch der Lehrer soll unabhängig von anderen Menschen leben. Solche Lehrer halten Distanz zu allen Menschen, doch wenn sie gebraucht werden, sind sie für alle da. Sie sollen nicht an Menschen anhaften und sie auch nicht an sich binden. Sie sollen sich nicht einmal wünschen, dass ihre Schüler die Ziele erreichen. Aber sie dürfen sich freuen, wenn diese auf ihrem Weg Gutes erreichen. So bleibt der Lehrer unabhängig davon, ob die Schüler zuhören oder nicht, ob sie ihm folgen oder nicht. Natürlich wird er nicht zufrieden sein, wenn sie vom Weg abkommen, und er wird sich freuen, wenn sie weiterkommen, aber im Innersten bleibt er unbewegt, achtsam und klar bewusst.

Siebtens: Welche Lehrer sind nicht hilfreich? Es gibt drei Arten. Der erste hat seine eigenen Ziele nicht erreicht, dennoch unterrichtet er, aber er versteht es nicht, die Lehre gut zu vermitteln. Deshalb verstehen ihn auch die Schüler nicht und folgen auch nicht seinen Anweisungen. Dem zweiten folgen die Schüler zwar, obwohl er seine Ziele auch noch nicht selbst erreicht hat. Der dritte hat seine Ziele erreicht, doch wie beim ersten Typus kann er die Lehre nicht so vermitteln, dass sie verstanden und befolgt wird.

Achtens: Wie wird man ein guter Lehrer? Buddha sagt: Suche dir zunächst selbst einen Lehrer, der die Lehren verwirklicht hat und verständlich erklärt. Fasse Vertrauen zu einem Weg und übe selbst ausdauernd. Sei bescheiden und halte dich an ethische Grundlagen. Widme dich der Meditation und geistigen Schulung. Überwinde Begehren und Abneigung, entwickle Liebe und Mitgefühl für alle Wesen. Überwinde hinderliche Emotionen wie Ärger, Unruhe, Depression und Zweifel. Reinige und sammle deinen Geist. Erfahre innere Freude, unabhängiges Glück und vertiefe dein Bewusstsein. Nur wer sich selbst befreit hat, kann anderen den Weg zur Freiheit zeigen.

Aktuell: Vielleicht meinen manche, dass so hohe ethische und geistige Ansprüche heute überholt und unrealistisch sind. Auch unter buddhistischen Lehrern und Lehrerinnen findet man welche, die es mit ethischem Verhalten nicht so genau nehmen. In vielen Traditionen ist es unerwünscht, dass man LehrerInnen bewertet, hinterfragt oder gar offen kritisiert. Die Autorität der Lehrenden sollte nicht angetastet werden. Man könnte so zur Ansicht kommen, dass die Antworten des Buddha gar nicht in unsere Zeit passen, sondern nur in ihrer ursprünglichen Kultur eine Bedeutung hatten.

Tatsächlich sind Buddhas Worte zeitlos und gerade in unserer westlichen Kultur sehr nützlich. Wir sind die Kinder schrecklicher Diktaturen, aber auch die Erben der Aufklärung. Buddhas Anweisungen ermutigen, selbst zu denken und Autoritäten nicht blind zu folgen. Die LehrerInnen sollten es als Übung nehmen, darauf zu achten, so zu unterrichten und zu handeln, dass sie anderen nicht schaden. Die SchülerInnen dürfen ihre LehrerInnen prüfen und hinterfragen. Auf dem geistigen Weg brauchen wir keine FührerInnen und schon gar keine VerführerInnen, sondern weise und vorbildliche BegleiterInnen.

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Kommentare  
# Frank Wolff 2020-07-24 10:48
Feiner Text! Danke!
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