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Und auch hier gibt es keinen Trick, kein allgemeingültiges Rezept, im Grunde genommen auch keine Empfehlung. Wir sind so unterschiedlich, leben in verschiedenen Tempi, und was für die eine der richtige Schritt ist, wäre für den anderen unmöglich.

Außerdem wissen wir, dass der krumme Weg der rechte sein kann, der sogenannte Fehler derartige Lehren bereithält, die man nach zehn Jahren nicht mehr missen möchte, und dass alles, aber auch alles und jede Erfahrung zu Gold gesponnen werden kann.

Der Spruch im Titel stammt natürlich aus der eher therapeutischen Szene. Dennoch ist er wahr, finde ich. Nicht alles aus der Therapieweisheit eignet sich zur spirituellen Weiterentwicklung, deswegen betone ich diesen Punkt ausdrücklich. Spirituelles Bypassing, sagt sich leicht, und die gezogenen Schlüsse kommen flott von den Lippen, so, als gäbe es das Rezept, das man nur zu befolgen braucht. Ich finde, wir sollten diese Diagnose abschaffen, sie lässt uns größer erscheinen, als wir sind. Barmherzigkeit ist auch hier, wie so oft, angesagt. Ich will versuchen, es zu erläutern, wie es mir gestern klar geworden ist.

Bevor ich etwas loslassen kann, muss ich es zugelassen haben. Scheint logisch, geschieht aber oft nicht. Ein Prozess kann wie ein Akt des Loslassens sein, ohne dass diese mühevolle Arbeit, die aus einer Mischung von Schmerz, Trauer, Wut und Angst sowie der Mühe, Widerstand zu erkennen und aufzulösen, besteht. Wie kann das sein?

Wir können nichtfühlen kultivieren. Darüber weiß man aus meiner Sicht zu wenig, und es wird zu wenig darüber gesprochen. Entfremdung genannt. Wir Menschen sind nur dann lebendig, wenn wir die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und ihrer Mischungen kennen und sie, erwachsen werdend, erforscht und auf dieser Klaviatur zu spielen gelernt haben. Dieses Erforschen und Wahrnehmen, was gerade gespielt wird, will erstens geübt sein und zweitens gereicht es uns selten zur reinen Freude. Wenn wir Trauer nicht mögen, werden wir sie schlecht wahrnehmen, schwer zulassen. Das Gleiche gilt für Ärger, Wut. Jeder andere nimmt längst wahr, wie wütend wir sind, doch wir schreien verzweifelt oder sagen kühl-beherrscht: Ich bin überhaupt nicht wütend. Eifersucht und Neid fühlen sich schrecklich an, Scham und Ekel auch. Und was ist mit dem Ungefühl Hass, so verboten im Buddhismus?

schritt

Was verboten ist, kann reizvoll sein, aber auch vollkommen im Untergrund. Diese verbotenen, vor uns selbst so schamhaft versteckten Gefühle lassen wir nur sehr ungern zu. Ich könnte auch sagen, Gefühle und Gedanken einer bestimmten Art, die uns quälen und unser Selbstbild beschädigen, lassen wir nicht so ganz einfach zu. Oder nie. Warum genau? Weil es zu schmerzhaft ist oder scheint. Wir haben wie jeder Mensch Angst vor bestimmten emotionalen Schmerzen, die sich jedoch durchaus physisch äußern können.

Womit wir beim ersten edlen Gelübde wären. Schmerzen, Leiden sind real und immer wieder da. Wir lassen sie zu, wie ich gestern die Scham und Traurigkeit zugelassen habe, als meine Schwester nicht mehr da war, nicht mehr an meiner Tür stehen, auf den Bänken beim Kiosk sitzen und auf mich warten würde. Ich brach in Tränen aus, stöhnte vor Schmerz und fühlte Angst, dieser Schmerz würde bleiben und mich beeinträchtigen. Außerdem war da noch Scham, weil ich das irgendwie unreif fand von mir, kindisch. Im Wissen, dass das nicht wahr ist.

Wie immer, wenn die Trauerwelle wirklich zugelassen wird, ebbt sie ab, und etwas Neues entsteht. Früher oder später, je nach Schwere des Verlusts.

Den ganzen Tag über bin ich damit umgegangen, dass S. nicht mehr da ist. Erst heute früh konnte ich es genießen, wieder bei mir gelandet zu sein.
Da dies nicht der erste und auch nicht der letzte Abschied in meinem Leben ist und sein wird, rechne ich mit weiteren Schmerzen. Ich freute mich an meiner Lebendigkeit und der Intensität und Schönheit der Beziehung zu S. Das Loslassen vollzog sich im Erleben und im Anerkennen der erneuten Trennung. Heute durchströmte mich große Lebensfreude. Manchmal scheint dies die direkte Folge von Kummer zu sein, den ich zugelassen habe. Freude und Leichtigkeit überwiegen bei Weitem, aber auch wegen meiner geliebten Praxis.

Weicher Bauch, starker Rücken: Beides wirkt zusammen, bedingt einander, hilft bei der Übung. Auch das Loslassen will zugelassen werden. Und manchmal sperren wir uns, und gar nichts bewegt sich. Wer geht schon gerne freiwillig ins Nichtwissen?

 

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Monika Winkelmann

Monika Winkelmann

Monika Winkelmann, geboren 1952, Mutter einer erwachsenen Tochter, geschieden seit 2019, hat 1980 mit 28 Jahren ihr erstes Meditationswochenende in Hamburg besucht. Diese tiefgreifende Erfahrung sowie ihr Leben als Alleinerziehende der Tochter Lisa, geb. 1984,  bewirkten, dass sie viele Jahre a...
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