Leben

Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl im Gespräch mit dem Herausgeber der Ursache\Wirkung, Hendrik Hortz.

Hendrik: Lieber Peter, dreißig Jahre Ursache\Wirkung! Du hast das Magazin 108 Ausgaben begleitet. Wie hat alles angefangen?

Peter: Ich bin da hineingestolpert. Ich war Vorstand der Buddhistischen Gemeinde in Österreich und dachte, wir sollten eine eigene buddhistische Zeitschrift haben. Der Name „Ursache\Wirkung“ war schnell gefunden. Ich hielt es für eine gute Idee, bei den vielen asiatischen Namen und Begriffen im Buddhismus, einen einprägsamen deutschen Titel zu wählen. Ich kaufte mir einen Computer, ein Layoutprogramm und fing einfach an. Zu Beginn habe ich alles allein gemacht: das Layout, jeden Text, den Satz, einfach alles bis hin zum Versand. Das war eine riesige Herausforderung und eine große Freude – und ist das über all die Jahre geblieben.

Ich halte hier die erste Ausgabe der Ursache\Wirkung in den Händen, April 1991. „Information der Buddhistischen Kultusgemeinde Österreich“ steht im Untertitel. Das änderte sich relativ schnell. Nach wenigen Ausgaben liest man „Zeitschrift für Buddhismus“. Was ist da passiert?

Es hat sich rasch herausgestellt, dass meine Herangehensweise und die Art, wie eine Religionsgemeinschaft funktioniert, nicht immer zusammenpassen. Meine Freigeistigkeit ist in der ÖBR nicht bei allen gut angekommen. In der zweiten Ausgabe der Ursache\Wirkung gab es auf Seite 5 den Cartoon einer barbusigen Frau. Das war natürlich Satire. Mit einer erzkonservativen Religionsgemeinschaft hat sich das nicht unbedingt vertragen. Die ÖBR war stark mit sich selbst und mit den einzelnen buddhistischen Gruppen beschäftigt. Ich aber wollte den Buddhismus im Westen begleiten, eine offene Zeitschrift machen. So habe ich die Ursache\Wirkung aus der Religionsgesellschaft ausgegliedert, um eine weisungsfreie buddhistische Zeitschrift zu kreieren.

Wie hat sich diese „Freiheit“ ausgedrückt?

Die Ursache\Wirkung sollte zwar buddhistisch, aber nicht religiös sein. Ich wollte eine Auseinandersetzung mit der Welt. Die Diskussion religiös versus säkular durchzieht den Buddhismus im Westen bis heute. Wir haben gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen, als das in den meisten buddhistischen Gruppen noch verpönt war. Wir haben Praxistipps gegeben, wie man eine buddhistische Lebensweise in den Alltag integriert, haben aber auch schräge Rubriken gemacht, wie etwa den „Männerservice“. Ich schrieb unter dem Pseudonym „Charles Bonobo“ freche Beiträge, in denen es oft um Sex ging. Die hätten es nie in ein religiöses Medium geschafft. Der Dalai Lama sagte einmal: „Es gibt vermutlich zwei Buddhismen. Einen religiösen, das ist meiner, und einen nicht religiösen, also ein buddhistisches Geistestraining.“ Der Buddhismus der Ursache\Wirkung war immer Letzterer.

Buddhismus

Du hast ja auch eine ganze Reihe Interviews geführt. Was waren dir rückblickend die liebsten oder interessantesten Gesprächspartner?

Ja, wir haben wirklich alle großen buddhistischen Lehrer vom Dalai Lama über Thich Nhat Hanh, Silvia Wetzel, Fred von Almen und viele, viele andere befragt. Das war ausnahmslos interessant. Besonders erinnere ich mich an ein Gespräch mit dem Dalai Lama. Er war in Österreich, und wir bemühten uns um einen Termin. Der war sehr schwer zu bekommen. Man gestand uns nur zwanzig Minuten zu. Meine Frau Lisl, die zu dieser Zeit Chefredakteurin der Ursache\Wirkung war, hatte drei Fragen vorbereitet, die sie die „wichtigsten Fragen der Menschheit“ nannte. Ich wollte ihn aber zum Shugden-Konflikt fragen. Da geht es ja um einen Geisterglauben. Mich interessierte, ob der Dalai Lama an Geister glaubte. Er hat dann sehr weit ausgeholt. Ihm war das Thema wichtig. Ich fürchtete, dass die zwanzig Minuten für das eigentliche Interview bald erschöpft sein könnten, und unterbrach Dalai Lama. Der war so was von baff. Das hatte er wohl noch nicht erlebt, dass ihn jemand unterbricht. Er hat dann laut auf Tibetisch mit seinen ihn begleitenden Lamas geschimpft: „Wer ist denn das? Wie kommt der dazu?“, dürfte er wohl gepoltert haben. Das war recht lustig. Am Ende wurde es noch ein sehr gutes Interview, und wir bekamen unsere Antworten.

Es gab aber auch Auseinandersetzungen?

Das bleibt nicht aus. Wir haben uns ja auch immer mit den Konflikten im Weltbuddhismus beschäftigt und wurden deshalb gelegentlich verklagt. Etwa von Collin Goldner, der in seinem Buch „Der Fall des Gottkönigs“ den Dalai Lama extrem polemisch und unsachlich kritisiert hatte. Im tibetischen Buddhismus gibt es zwar viele Dinge, die man hinterfragen könnte. Kritik muss aber sachlich sein. Ich habe mich dann allerdings auch dazu hinreißen lassen, sein Buch im gleichen polemischen Stil zu verreißen. Da war Goldner plötzlich empfindlich, und er hat geklagt. Wir haben alle Prozesse in allen Instanzen gewonnen.

Der bekannte Philosoph Volkert Zotz war eine Zeit lang Chefredakteur der Ursache\Wirkung. Wie seid ihr zwei zusammengekommen?

Das war Liebe auf den ersten Blick! Ich hatte ihn angefragt, ob er für uns arbeiten möchte, und wir haben uns sofort persönlich, literarisch und philosophisch gut verstanden. Über ein Jahr haben wir ständig hin- und hergemailt, ohne uns je zu treffen. Dann ist er für mehrere Jahre Chefredakteur geworden. Er hat einen starken Geist und ausgeprägten Charakter, so gab es naturgemäß immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Auf der philosophischen Ebene und in Bezug auf die Betrachtungsweise des Buddhismus hatten wir aber keine Konflikte. Im Gegenteil. Es war eine intensive, sehr emotionale, intellektuelle und freundschaftliche Beziehung. Eine gute Zeit für die Ursache\Wirkung.

Buddhismus

Woran erinnerst du dich besonders gern?

Eigentlich an alles. Ich bin ja kein konfliktscheuer Mensch und versuche, mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Die Auseinandersetzungen mit Colin Goldner und später mit Ole Nydahl haben mich daher nicht belastet. Auch intern hat es schwierige Situationen gegeben. Wir hatten oft kein Geld. Ich verlegte die Reaktion der Ursache\Wirkung einmal in unserer Ordination – in Österreich sagen wir Ordination zu einer Arztpraxis. Ich bin Radiologe und hatte mit Partnern sehr große Räumlichkeiten. Der damalige Chefredakteur der Ursache\Wirkung war so ein ganz Alternativer. Plötzlich ist er in Wollsocken durch die Ordination gegangen. Meine Partner und die Patienten waren etwas irritiert und haben mir deutlich nahegelegt, dass die Zeitschrift doch woanders unterkommen muss. Es war eine sehr dynamische Zeit.

Gab es besondere Herausforderungen?

Absolut. Die Ursache\Wirkung war immer eine Herausforderung. Da war der permanente Spagat zwischen Freiheit und den Zwängen einer Organisation. Zu Anfang haben wir ausschließlich mit Buddhistinnen und Buddhisten gearbeitet. Die hatten zwar Fachwissen, aber keine journalistische Expertise. Im Laufe der Zeit fingen wir an, eine Zeitschrift zu machen, die eine Serviceinstitution sein sollte. Sie sollte Inhalte bieten, die die Menschen wirklich interessieren, die leicht lesbar sind und dennoch ein hohes Qualitätsniveau aufweisen. Die Artikel, die wir von unseren buddhistischen Autoren, die ja Experten auf ihrem Gebiet sind, bekamen, waren oft sperrig und voller Spezialausdrücke. Wir versuchten dann, die Texte lesbarer zu machen. Die Autoren haben durch die Eingriffe in die Texte gelegentlich irritiert reagiert. Das war immer ein Balanceakt. Eine andere Herausforderung war auch das Spannungsfeld zwischen Offenheit und Rücksichtnahme auf eine traditionelle Religionsgemeinschaft, zwischen religiös und nicht religiös.

Du hast den Buddhismus im Westen in den vergangenen Jahrzehnten mit der Ursache\Wirkung intensiv begleitet. Wie hat er sich entwickelt?

Zu Beginn war die Frage nach einem eigenständigen westlichen Buddhismus gar nicht gestattet. Wenn wir schrieben „Buddhismus im Westen“ oder fragten „Wird es einen Buddhismus im Westen geben?“, hieß es von religiöser Seite – und vorweg von den Tibetern: „Es kann keinen westlichen Buddhismus geben, sondern nur tibetischen Buddhismus“ oder: „Es kann nur Zen-Buddhismus geben“. Inzwischen ist die buddhistische Bewegung noch weiter auseinandergedriftet. Einige Gruppen werden noch religiöser, andere immer säkularer. Die Dachverbände, die Deutsche Buddhistische Union oder die ÖBR, sind stark damit beschäftigt, diese unterschiedlichen Gruppeninteressen zu vertreten und bei Konflikten zu vermitteln.

Die Menschen draußen verstehen das nicht?

Ja, genau. Für die sind andere Dinge wichtig. Das sieht man an der weltweiten MBSR-Bewegung. Für Menschen sind praktische Hilfen im Alltag von Bedeutung. Das Interesse und der Bedarf der Gesellschaft an Meditation und Achtsamkeit wird immer größer. Es gibt heute kaum ein Seminar in Wirtschaft, Psychologie oder Psychotherapie, das ohne Achtsamkeitstraining auskommt. Auf der einen Seite haben wir also Religionsgemeinschaften mit ihren speziellen Interessen und auf der anderen Seite Menschen, die sich mit dem eigenen Ich auseinandersetzen und einen persönlichen Entwicklungsweg gehen wollen. In diesem Spannungsfeld befinden wir uns gerade. Wir stehen vor großen Fragen: Was ist Buddhismus im Westen wirklich? Wie sehr kann und soll er sich von asiatischen Kulturen und Traditionen entfernen und ein eigenständiger Buddhismus werden?


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 115: „Rede mit mir!"

uw115 cover


Die Ursache\Wirkung hatte aufgrund ihrer Unabhängigkeit immer die Möglichkeit, deutlich kritischer zu berichten, als es ein von einem Verband oder einer buddhistischen Gruppe abhängiges Magazin konnte und kann.

Exakt. Das ist der Vorteil der Ursache\Wirkung und der Nachteil einer Religionsgemeinschaft. In einem Verband oder einer religiösen Gruppe glaubt man, auf die religiösen Gefühle der Mitglieder Rücksicht nehmen zu müssen. Ich stelle mir die Frage, ob das für den Buddhismus überhaupt gelten kann. Buddhismus ist keine Religion im herkömmlichen Sinn. Es gibt natürlich auch Glaubensinhalte, man kann Buddhismus aber auch ohne diese praktizieren. Es gibt einen philosophischen Teil und es gibt das Geistestraining, das bis zur Heilung des Ichs reicht. Buddhismus kann also eine Form von Therapie sein. Religiöse Inhalte haben anfänglich keine wesentliche Rolle gespielt. Buddha hat gelehrt, man solle sich mit metaphysischen Fragen nicht zu sehr beschäftigen. Sie können verwirren. Er hatte nicht die Absicht, eine Religion zu gründen. Er hat vielmehr einen klaren, verständlichen Weg aus dem Leiden aufgezeigt. Dem haben wir uns bei Ursache\Wirkung verpflichtet gefühlt.

 ... und in diesem Geiste werden wir weiterarbeiten! Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Peter.

Peter Riedl ist Gründer der Ursache\Wirkung und war bis 2019 deren Herausgeber. Er ist Radiologe, Meditationslehrer und Autor. Peter Riedl wandte sich Mitte der 1980er-Jahre dem Buddhismus zu. 1989 wurde er Generalsekretär der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR), war von 2002 bis 2006 deren Präsident, gründete 2004 „W.I.S.D.O.M. – Wiener Schule der offenen Meditation“ und 2006 das spirituelle Wohnheim Mandalahof in Wien.

Bild Teaser © Unsplash 

Bild Header © Pixabay

Kommentar schreiben