Leben

Im Alltag geht es darum, Grenzen wahrnehmen zu lernen – die eigenen und die von anderen Personen.

Er steht wieder vor der Tür. Es ist zehn Uhr morgens, ein gewöhnlicher Mittwoch. Es könnte auch fünf Uhr nachmittags sein und Montag oder Freitag. Er wohnt im Nachbarort und findet fast jede Woche einen Grund, bei mir zu klingeln. Bringt eine Zeitschrift vorbei, um die ich nicht gebeten habe, beschwert sich, dass ich ihn nicht zurückgerufen habe. Meine wiederholten Bitten, mich nicht unangemeldet zu überfallen, weil ich in meiner Wohnung nicht nur wohne, sondern auch meine Bücher schreibe, überhört er. Jetzt steht er auf der Fußmatte, ich im Flur, zwischen uns die offene Tür und eine sehr unterschiedliche Auffassung von Umgangsformen. „Sie respektieren meine Grenzen nicht“, sage ich. Er weiß viel über Zen und hat vermutlich jedes Zen-Buch gelesen, das auf dem Markt ist. Gespräche mit ihm darüber vermeide ich. Er sieht mich an und sagt: „Schade, dass Sie so schnell aus Ihrer spirituellen Haltung fallen. Sie wissen doch, dass Grenzen nur in unserem Geist existieren.“

Manchmal wünsche ich mich in die Zeit der Wandermönche im alten Japan zurück. Damals mussten die Novizen nach langer mühevoller Wanderung erst einmal ihre ernsthafte Absicht, Erleuchtung zu erlangen, beweisen, indem sie tagelang vor dem verschlossenen Klostertor ausharrten. Heute googelt man „Erleuchtung“ und trifft auf Aussagen, die aus der Tiefe langjähriger Praxiserfahrung heraus gemacht wurden. Der ungeschulte Geist interpretiert sie – etwas anderes kann er ja nicht – auf seiner begrenzten Ebene und verwechselt sie mit Handlungsanweisungen für das tägliche Leben.
Zahllose Praktizierende werden auch heute noch mit der Erfahrung beschenkt, dass alles mit allem verbunden ist und es die Grenzen, die unsere Augen sehen, nicht gibt. Aber diese Erkenntnis ist nicht das letzte Ziel einer authentischen spirituellen Schulung. Die berühmten Ochsenbilder des Zen enden auch nicht auf einem Berggipfel, sondern mit der Rückkehr auf den Marktplatz. Die Frage ist: Wie setzt der Schüler seine Erfahrung im ganz gewöhnlichen Alltag um, in dem es Grenzen aller Art gibt, die wichtig und sogar lebenswichtig sein können.

Grenzen
In meine Retreats kommen manchmal Frauen, die als Kinder körperlich und/oder psychisch missbraucht wurden. Ihre Grenzen wurden nie respektiert; sie wissen nicht einmal, was es heißt, sich abzugrenzen. Während des Akts des Missbrauchs haben sie gelernt, ihren Geist abzuziehen von dem, was gerade geschieht; das Dissoziieren war in diesem Moment ihr Schutz. Mühelos schwingen sie sich auf dem Meditationskissen geistig in die Grenzenlosigkeit auf, aber in ihrem Alltag können sie Übergriffigkeit nicht erkennen. Ich ermuntere sie dazu, erst einmal auszuloten, was ihnen guttut und was nicht. Mit anderen Worten: herauszufinden, wo ihre eigenen Grenzen liegen. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie sich manche Frauen fragen: „Darf“ ich mich überhaupt als spirituell Praktizierende gegen andere Menschen abgrenzen, „darf“ ich tatsächlich Nein sagen?
Es kann eine wunderbare Erfahrung sein, das Ich mit seinen Kümmernissen und Besorgnissen für eine Weile zu vergessen. Deshalb hier meine Empfehlung für das kleine Budget: Man kann auch ohne weite Reisen zu Retreats Erfahrungen der Grenzenlosigkeit machen. Vielleicht geschieht es jemandem im Konzertsaal, während ein Orchester die Fünfte Sinfonie von Beethoven aufführt. Der Geist wird in eine andere Sphäre katapultiert. Vergessen sind die Müdigkeit, der Schmerz im Rücken, das Grübeln über die Zahnarztrechnung. Körper und Geist mit ihren kleinen irdischen Problemen sind komplett aus dem Wahrnehmungsbereich verschwunden. Welch eine Wohltat! Anderen Menschen geschieht es bei der Geburt eines Kindes, in einer Liebesbegegnung, beim Betrachten eines Sonnenuntergangs.
Aber nach zwei Stunden ist das Konzert zu Ende, die Sonne untergegangen, oder der Kühlschrank ist leer, weil wir vergessen haben, einzukaufen. Das Bewusstsein ist in den Körper zurückgekehrt, und der Schmerz im Rücken ist immer noch da. Wir sehnen uns zurück in den Zustand der Entgrenzung, in diese federleichte Schwerelosigkeit, die Sorglosigkeit und das damit einhergehende Glücksgefühl. Wer jetzt schnell die nächste Erfahrung dieser Art sucht, ist nicht ein besonders spiritueller Mensch, sondern auf der Flucht vor dem Leben.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 113: „Grenzen überschreiten"

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Ich wollte eigentlich auch eher fliehen, als ich mich das erste Mal auf ein Kissen setzte. Mein Leben war, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, um mich herum zusammengebrochen. In der Ruhe und Einfachheit des Zendo konnte ich aufatmen; es war wie eine Heimkehr zu mir selbst. Allerdings brachte ich in meine Praxis eine schwere Bürde mit: Ich war eines jener gar nicht so seltenen Kinder, die sich einklinken können in Welten, die Erwachsene im Allgemeinen nicht sehen. In meiner zweiten Welt gab es viel Licht, eine tröstliche und liebevolle Atmosphäre, und ich war glücklich, sobald ich dort angekommen war.
In der Pubertät schloss sich zu meinem Kummer das Tor zu dieser Welt. Jetzt aber sah ich meine Chance: Auf dem Kissen in dem schön stillen Zendo wollte ich zurückkehren in die so schmerzlich vermisste Grenzenlosigkeit. Leider erwies sich die Zen-Praxis als ernüchternd irdisch, und dann musste ich in der Arbeitsmeditation auch noch Geschirr spülen und Böden wischen! Die Flucht gelang einfach nicht, das Zen warf mich zurück auf mich selbst. Es lehrt mich bis heute, die Reaktionen meines Geistes zu beobachten und auf die Herausforderungen des alltäglichen Lebens klug und heilsam zu antworten. Und gerade weil ich weiß, dass es im Tiefsten keine Trennung gibt zwischen mir und allem, was mir begegnet, muss ich gut für mich selbst sorgen.
Mich berührt sehr, mit welchem Respekt die Mönche und Nonnen in den Klöstern der Intersein-Schule von Thich Nhat Hanh an die Tür des Menschen klopfen, dem sie etwas mitteilen wollen. Sie klopfen dreimal, mit langen ruhigen Pausen dazwischen, in denen sie, wie ich weiß, bewusst atmen. Öffnet niemand, wenden sie sich still um und gehen wieder. Sie würden nie unaufgefordert eintreten, allenfalls schieben sie einen Zettel unter der Tür hindurch mit der Frage, die sie hierhergeführt hat. Die authentische Erfahrung, dass es keine Grenzen gibt und alles mit allem verbunden ist, führt immer zu einer Haltung der Fürsorge und des Respekts. Ich respektiere den anderen wie mich selbst. Im Grunde respektiere ich ihn als mich selbst. Und indem ich für mich sorge, sorge ich gleichzeitig für ihn. Das ist die andere, tiefe Art von Grenzenlosigkeit, die das Zen mich gelehrt hat.

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh. Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und für Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf www.margrit-irgang.blogspot.de.

Bilder © Unsplash

Kommentare  
# Winfried Janssen 2021-09-27 09:32
Grenzen existieren nur im Geist, allerdings ist das meiner Meinung nach unabhängig vom Respekt vor Grenzen, die sich andere Wesen wünschen.
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# Sylvia Václav 2021-09-27 09:33
Stalking ist Stalking ... und der Vorwurf zum Schluss führt ganz klar in diese Richtung.
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