Leben

Horizonte erweitern, Hürden überwinden, Erkenntnis finden – man kann das Leben auch als eine große Grenzerfahrung betrachten.

Grenzen spielen in vielen Lebensbereichen eine Rolle und haben mehrere Funktionen. Einerseits erzeugen sie Neugier. Es entsteht ein Drang, sie zu überschreiten. Wer das macht, sammelt neue Erfahrungen und entwickelt sich dadurch weiter. Allein: Es folgen weitere, stets neue Grenzen. Auf der anderen Seite beschützen Grenzen aber auch, weil sie Linien ziehen. Da gibt es die eigenen persönlichen Grenzen, aber auch die Grenzen der Mitmenschen. Sie zu wahren, ist nicht nur eine Frage des Respekts.

Der Ursprung des Wortes „Grenze“ stammt aus dem Slawischen „Granica“ und ist bereits seit dem 13. Jahrhundert belegt. Allerdings fand es erst im 16. Jahrhundert durch Martin Luthers Bibelübersetzung seinen Weg in den allgemeinen Wortschatz. Ein „Zusammenhang von Eigentum und lokaler Begrenzung gilt als ursprünglicher Gebrauchskontext des Begriffs“, sagt der Germanist Christoph Kleinschmidt. Im 18. und 19. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung des Wortes. Es wurde mehr und mehr für abstrakte und temporale Beschreibungen verwendet. Historische Epochen wurden „voneinander abgegrenzt“, und auch die Wissenschaft entdeckte den Begriff, um Fakten voneinander zu unterscheiden.

Heute wird „Grenze“ zum einen im politischen und geografischen Sinn verwendet: Eine Grenze trennt etwa Staaten oder unterschiedliche Naturräume voneinander ab. Des Weiteren wird der Begriff in einem übertragenen Sinn in der Wissenschaft, Mathematik, Philosophie, Geistes- und Kulturwissenschaften sowie in der Alltagssprache genutzt.

Philosophen weisen darauf hin, dass Grenzen eine existenzielle Bedeutung haben. Sie sind eine Voraussetzung, um überhaupt etwas wahrnehmen oder erkennen zu können. Ohne Abgrenzung wäre alles gleich, es gäbe keine Unterschiede. „Wir brauchen sie nicht nur, wir könnten ohne sie nicht leben“, meint der österreichische Philosoph Paul Liessmann. Grenzen umschließen Räume, die dadurch erst ihre Form annehmen; auf diese Weise entstehen Kontur und Gestalt. „Das Unbegrenzte muss das Begrenzte einschließen. Wir müssen sagen, dass das Begrenzte im Rahmen eines schöpferischen Prozesses aus dem Unbegrenzten hervorgeht“, definiert sie David Bohm, der US-amerikanische Quantenphysiker und Philosoph. 

Ohne Abgrenzung wäre alles gleich, es gäbe keine Unterschiede.

Erkennen bedeutet also, Grenzen zu ziehen. Jeder tut das permanent, auch auf der zwischenmenschlichen Ebene. Manchen Menschen fühlt man sich zugehörig, und von anderen Personen grenzt man sich ab. Der Soziologe Clemens Kroneberg meint dazu: „Unser Alltag ist von sozialen Grenzen durchzogen. Sie sind häufig so selbstverständlich, dass wir ihnen kaum Aufmerksamkeit schenken.“ Für ihn ist „eine grenzenlose Gesellschaft nicht vorstellbar. Menschen (ge-)brauchen symbolische Grenzen, um sich in der Welt zu orientieren, den Dingen einen Sinn zu verleihen und darüber auch die Voraussetzung für soziale Ordnung zu schaffen.“ Grenzen können also verbinden und entzweien. An sich sind Grenzen neutral, also weder gut noch schlecht: Was der eine als Schutz empfindet, ist für einen anderen eine Herausforderung.

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Geografische Grenzen sind – wer weiß das nicht – aber auch Ursprung vieler Konflikte. Nationale Grenzen wurden oftmals blutig verteidigt, oder Staaten versuchten, sie mit Gewalt zu erweitern. Das Friedensprojekt der Europäischen Union führte zu einem langsamen Abbau der Grenzen, das Schengen-Abkommen ist die Basis dafür, dass die Bewegungsfreiheit der EU-Bürger heute selbstverständlich ist. Mit dem Verschwinden der zwischenstaatlichen Grenzen ist jedoch eine neue große Begrenzung entstanden: die europäische Außengrenze. Sie zu überwinden ist 2015 vielen Flüchtlingen gelungen. Daraufhin ist der Ruf nach einer verstärkten Grenzsicherung laut geworden. Wer von Grenzen spricht, spricht immer auch von Angst. Grenzen trennen und verbinden: Es kommt auf die Perspektive an.


Grenzen umschließen Räume, die dadurch erst ihre Form annehmen; auf diese Weise entstehen Kontur und Gestalt.

Tatsächlich sind Grenzen eine Art territoriale Markierung und zeigen Besitz an. Damit verbunden sind Zuständigkeitsbereiche, und die wiederum sind auch im Rechtssystem verankert. Auch in der Religion wird mit dem Begriff der Grenze operiert: Nach dem irdischen Dasein ist die Grenze der Tod, dem ein Leben im Jenseits folgt.
Aber auch im Alltag jeder Familie geht es um Grenzen, etwa bei der Kindererziehung. In Wirklichkeit zieht ein Kind schon eine Grenze, indem es das Neinsagen lernt. Gibt man bei Google „Grenzen überschreiten“ ein, findet man vor allem Artikel, die sich mit dem Thema der Wahrung der eigenen Grenzen beschäftigen.
Es geht darum, „Nein“ zu sagen und zu lernen, sich abzugrenzen. Und oftmals darum, die eigenen Grenzen unter Zuhilfenahme von Achtsamkeit überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Grenzen können aber auch ein Innovationsmotor sein: Sie zu überschreiten kann neues Wissen, neue Technologien und neue Erkenntnisse bedeuten.

Grenzen auszudehnen bedeutet Wissen schaffen.

Als positiv werden Grenzüberschreitungen auch empfunden, wenn es um die „Überwindung von Grenzen“ geht. Der Schritt aus der Komfortzone, sei es durch Sport, Umsetzung neuer Ideen oder auch nur durch Änderungen in der Alltagsroutine, kann ein vollkommen neues Lebensgefühl entstehen lassen. Dabei ist das Überwinden von geistigen und physischen Barrieren alles andere als einfach. Doch ohne diese Art der Grenzüberschreitung ist es schwierig, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Und jeder kennt das Gefühl, wenn man etwas geschafft hat, bei dem man anfangs dachte, es sei nicht möglich. Es beflügelt und führt zu mehr Selbstbewusstsein und -vertrauen.
Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Leistungsgrenze. Viele können diesen nicht erkennen. Dafür ist Sport ein gutes Beispiel. Marathonläufer kennen ihren sogenannten toten Punkt und wissen, dass er allein durch Vorsatz und Wille überwunden werden kann. Der Kopf ist häufig stärker als der Körper, oder wie es der österreichische Psychiater Viktor Frankl so schön sagte: „Wer ist stärker, ich oder ich?“

Wenn in der Spiritualität von Grenzen die Rede ist, dann geht es meist um die Erkundung des Selbst und der individuellen Grenzen. „Spiritualität lässt sich prinzipiell von Grenzerfahrung nicht trennen. Der Geist und die Seele wollen sich spüren und erleben“, meint der deutsche Psychologe und Philosoph Axel Pathe. Um sich weiterzuentwickeln und sich selbst kennenzulernen, ist eine Auseinandersetzung mit dem Verborgenen und Verletzlichen in einem selbst unumgänglich. Meditation ist ein Weg dorthin. Wer meditiert, erforscht die Grenzen des Geistes, erweitert sie und erhält neue Einsichten. Nicht nur das Erkunden des eigenen Geistes führt zu Grenzerfahrungen, alleine schon das stundenlange Sitzen in ein und derselben Meditationshaltung kann ein Spiel mit den physischen Grenzen sein. Der Rücken schmerzt, die Beine schlafen ein: Dies auszuhalten und dabei die unangenehmen körperlichen Gefühle zu überwinden, ist eine Herausforderung und kann zu einer Grenzerfahrung werden.

Im Tantra setzt man sich ganz bewusst dem Spiel mit den Grenzen aus. Es birgt dadurch ein großes Potenzial zur Weiterentwicklung. Peter Riedl, ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift Ursache\Wirkung, schreibt in einem Artikel über Achtsamkeit und Sexualität, wie man mit Grenzüberschreitungen umgehen soll: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss die Grenzen zeigen, die nicht überschritten werden dürfen. Man muss ausloten, was noch heilsam ist und was nicht mehr. Dabei wird es immer zu einer Grenzüberschreitung kommen, man kann also außerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Tolerierten/Erlaubten gelangen. Bleibt man immer innerhalb eigener und gesellschaftlicher Normen, wird man kein Neuland – auch nichts Neues über sich selbst – entdecken.“ Insofern gilt also, die Grenzen mit Vorsicht neu zu stecken und ein Bewusstsein dafür zu bekommen, was gut oder schädlich dabei sein kann. Vor allem: Neue Erfahrungen und Erkenntnisse sollen nicht aus dem Leid anderer gewonnen werden.

Im Tantra setzt man sich bewusst dem Spiel mit den Grenzen aus.

Auch die Zen-Lehrerin Monika Winkelmann mahnt in einem Blogbeitrag auf der Website von Ursache\ Wirkung bei Grenzüberschreitung zur Vorsicht. Viele kennen ihre eigenen Grenzen nicht gut genug. „Bei buddhistischem Geistestraining geht es immer darum, festgefahrene, reaktive Muster wahrzunehmen und diese in ‚innere Geräumigkeit‘ umzuwandeln. Zu kurz kommt mir hier das psychologische Wissen, dass manche ohnehin schon dazu neigen, ihre Grenzen stets und immer zu überschreiten“, schreibt sie. Dies führt dazu, dass die Menschen immer weniger bei sich selbst sind. „Menschen (...) brauchen Ermutigung, Grenzen zu ziehen, „Nein“ zu sagen, sich schonen und schützen zu lernen, menschliche Begrenztheit und damit unsere Endlichkeit anzunehmen“, rät Winkelmann.
Unbestritten sind Geburt und Tod die klaren Eckpfeiler des begrenzten Lebens auf dieser Erde. Doch nicht nur am Lebensanfang und -ende spielen Grenzen eine Rolle. Sie sind stets in allen Lebensbereichen allgegenwärtig. Es gilt, die Balance zu finden zwischen Erneuern und Bewahren, zwischen Herausforderung und Gewohnheit sowie zwischen dem Einhalten und dem Überschreiten von Grenzen.

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