Leben

Aus dem Alltag auszubrechen und Neues zu erleben, verändert die Sicht auf die Welt. Eine Entdeckungsreise.

„So mächtig dein Hang zur Gelehrsamkeit auch sein mag – er ist nichts im Vergleich zu der Besessenheit, die dich packt, wenn du Methoden entdecken musst, um deinen Kopf auf den Schultern zu behalten, um 1.700 verschiedene Arten parasitischer Würmer abzuwehren und Waglers Grubenviper von dir fernzuhalten. Oder wenn du herausfinden musst, wie die kleinen, schwarzen Wildschweinzecken, die sich zwischen den Beinen festsaugen, mit geringem Aufwand beseitigt werden können (man verwendet Gaffertape), wie man sich ein Perlenhalsband mit Blutegeln erspart, wie man amöbischen Durchfall vermeidet und dem Gelbfieber, der Malaria, der Cholera, dem Typhus, der Tollwut und dem Krokodil aus dem Weg geht. Bei Letzterem wird empfohlen, dem Tier die Daumen in die Augen zu drücken, vorausgesetzt, es bleibt noch Zeit dazu.“

So abenteuerlich berichtete Redmond O’Hanlon, ein britischer Sprachforscher, von seinen Erlebnissen in seinem Buch „Ins Inneren von Borneo“. Warum gibt ein Professor für englische Literatur seine angenehme Position im British Museum of London auf, um sich lebensbedrohlichen Strapazen auszusetzen? Warum sprang der Österreicher Felix Baumgartner aus 39 Kilometer Höhe mit einem Fallschirm ins Ungewisse? Und warum wagten die beiden Extrembergsteiger Reinhold Messner und Peter Habeler den Mount Everest ohne mitgeführten Sauerstoff zu besteigen, obwohl Fachleute damals überzeugt waren, dass Menschen in solchen Höhen nicht überleben können?

In all diesen Fällen haben solche Unternehmungen nicht nur Risken, sondern auch neue Erkenntnisse gebracht. O’Hanlon publizierte neue völkerkundliche und sprachwissenschaftliche Ergebnisse, Messner und Habelers Gipfelsieg führte zu neuen medizinischen Erkenntnissen, und Baumgartners Sprung hat manche Grundlagen für die Verbesserung der Überlebenschancen von Astronauten in extremen Höhenlagen geliefert.
Ja, die Überschreitung bisheriger Grenzen erweitert häufig auch das kollektive Wissen.
Und so wurden eben durch Christoph Kolumbus‘ riskante, beinahe tödliche Seereise ins Ungewisse die beiden amerikanischen Kontinente entdeckt. Charles Darwins Expedition mit dem Vermessungsschiff HMS Beagle zu den Galapagos-Inseln lieferte die entscheidenden Grundlagen für die Evolutionstheorie.

Abenteuer im Kopf


Doch oft steht das dafür eingegangene Risiko in keinem Verhältnis zum Nutzen, wenn Mut zu Übermut wird. Wenn sich – meist junge – Menschen von hohen Brücken kopfüber in den Abgrund stürzen und dabei nur von einem elastischen Seil an den Knöcheln gehalten werden, dann schafft dies kein gesellschaftsrelevantes, neues Wissen.
Psychologen nennen die Suche nach immer neuen und größeren Nervenkitzeln, um Glückserlebnisse zu erfahren, „Sensation Seeking“. Die Motive, sich in große Gefahr zu begeben, werden im sogenannten Flow und im Narzissmus dieser Menschen verortet.
Flow bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustands völliger Konzentration und Aufgehens in einer Tätigkeit, die zwischen Angst und Langeweile pendelt.
Ein ausgeprägter Narzissmus wiederum ist das Substrat, auf dem die erwünschte Anerkennung durch die soziale Umgebung und das gesuchte Gefühl der Überlegenheit über andere wächst. Dafür sind manche Menschen auch bereit, ihr Leben zu riskieren.

Auch ich war als junger Zoologie-Student bereit, für die Anerkennung meiner Kollegen bei einer Mediterranexkursion in uneinsichtiges Schilfgestrüpp zu springen, um dort Schlangen mit bloßer Hand zu fangen. Der leitende Professor war erfreut, als ich ihm ein sich windendes Reptil brachte. Nach kurzem Blick auf meine Hand mit blutender Wunde erklärte er mir, dass es sich um eine ungiftige Art handelt, was man am halbkreisförmigen Bissmuster erkennen könne, während die hier viel häufiger vorkommende Hornotter mit ihren Giftzähnen immer nur zwei Bisslöcher hinterließe. Rückblickend erscheint mir dieses Abenteuer ebenso dumm wie die Suche eines jungen Burschen um Anerkennung, bei der dieser zu Silvester einen Feuerwerkskörper zwischen seinen Pobacken anzündete und sich dabei schwer verletzte.

Die Überschreitung bisheriger Grenzen hat oft auch das kollektive Wissen erweitert.


Aber sind solche riskanten Erlebnisse die einzigen Abenteuer, die die Welt für uns bereithält? Der Künstler André Heller sah in einem seiner bekannten Lieder zum Glück noch andere Möglichkeiten: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo. Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in deinem Kopf, und sind sie nicht in deinem Kopf, dann suche sie.“

Die Entdeckung der Welt beginnt damit, dass man sich für sie interessiert. Viele dieser Begegnungen sind ganz intim und unspektakulär. Viele der Zuschriften, die ich von Lesern meiner Tierkolumne bekomme, beschreiben diese kleinen, persönlichen Momente der Erkenntnis und Auseinandersetzung mit der Welt. Manchmal ist es die Annäherung einer Krähe, die man schon seit Wochen beobachtet und gefüttert hat und die es jetzt zum ersten Mal wagt, das angebotene Stück Speck direkt aus der Hand zu nehmen. Diesem Erlebnis gehen viele erfolglose Versuche voraus, man sammelt Erfahrungen, was die Krähe am liebsten frisst, worauf sie positiv reagiert und was sie verschreckt. Der Glücksmoment, wenn man diese Übereinstimmung mit einem anderen Lebewesen spürt und der Fütterungsversuch gelingt, ist vermutlich dauerhafter als der durch Todesangst ausgelöste Adrenalinschub beim Bungeejumping.

Abenteuer im Kopf


In einem anderen Fall beobachtete ein Mann sehr genau eine Liebesbeziehung, die an einem seidenen Faden hing. In seinem Badezimmer lebten zwei Zitterspinnen lange Zeit getrennt in gegenüberliegenden Ecken. Eines Tages jedoch nahm er wahr, wie sich die eine zur anderen hintastete, worauf diese heftige Abwehrbewegungen machte und die Spinne vertrieb. Dieses Erlebnis beschäftigte ihn emotional offenbar so sehr, dass er mir schrieb: „Was kann ich tun, damit sich die beiden doch noch finden?“

Besonders eindrucksvoll ist mir auch eine Begegnung mit einem sechsjährigen Mädchen in Erinnerung geblieben. Auf einer Exkursion mit ihrer Schulklasse in den Auwald hatte sie große Angst, in einen flachen Tümpel zu steigen. Ich nahm sie an der Hand, und wir gingen ganz langsam ins Wasser, das sehr bald über den Rand in ihre sehr kurzen Gummistiefelchen schwappte. Zuerst erschrak sie, doch dann blieb sie versonnen stehen und ging nach einiger Zeit immer wieder ein paar Schritte voran. Dann kam sie mit leuchtenden Augen zu mir und teilte mit mir ihre Entdeckung einer sinnlichen Erfahrung: „Wenn ich stehen bleibe, dann wird das Wasser in den Schuhen ganz warm, wenn ich dann weitergehe, wird es wieder kalt.“ Die Wärmeleitfähigkeit von Wasser und die Isolation durch Gummi stehen dabei erst viel später auf dem Lehrplan. Abenteuer beginnen im eigenen Kopf, und die Natur ist im Kleinen am größten.

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Illustration © Francesco Ciccolella

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