Leben

Zerstört der Mensch die Natur, zerstört er auch sich selbst, denn alles ist miteinander verbunden.

„Der Bodhisattva soll in Bezug auf alle Wesen die Idee entwickeln:
Dies ist meine Mutter, mein Vater, mein Sohn, meine Tochter, ja dies bin ich selbst.
Wie ich selbst von allen Leiden gänzlich frei sein möchte, so möchten alle Wesen frei sein.“
(Prajnaparamita Sutra)

Der Buddhismus gilt als naturfreundlich und umweltbewusst. Bäume spielten im Leben Buddhas eine beträchtliche Rolle. Unter einem Baum wurde Gotama Buddha geboren, unter einem Baum erlangte er Erwachen und wurde er zu Buddha, unter Bäumen hat er gelehrt, unter Bäumen ist er gestorben. Unter Bäumen haben sich seine Schüler, die Mönche, Nonnen und Laien versammelt, Lehrreden gehört, debattiert oder sich zur Meditation niedergelassen. Nicht Tempel und Klöster, sondern Haine und Parks waren zu Buddhas Zeit die Aufenthalte des Sangha, insbesondere während der Regenzeit. Dann errichteten sie kleine Hütten, die danach wieder abgebaut wurden. Zu den Ordensregeln (Vinaya) der Mönche und Nonnen gehört es bis heute, keine Bäume zu fällen, nicht einmal Äste abzusägen, sondern nur auf dem Boden liegendes Holz aufzusammeln. Auch sollte der Boden nicht aufgerissen oder gepflügt werden, um keine Kleinstlebewesen zu schädigen. Wasser empfiehlt der Buddha, sparsam zu verbrauchen und durch ein Netz zu filtern. Tiere nicht zu töten oder zu quälen, gehört zu den Grundübungen buddhistischer Ethik.
Davon inspiriert, hat der buddhistische Kaiser Ashoka in Indien schon im 3. Jahrhundert v. u. Z. Gesetze zum Tierschutz erlassen, hat das Töten von Rindern – in der vedischen Religion häufige Opfertiere – verboten und die vegetarische Ernährung empfohlen. Indien und Ostasien profitieren davon noch heute. Tofu und die vegane Ernährung wurden in buddhistischen Klöstern erfunden. Als der Buddhismus von Indien nach China kam, hat er dort einen gründlichen Wandel in der Medizin bewirkt, indem er die übliche Verwendung tierischer Substanzen als Heilmittel durch Kräutermedizin ersetzte.
In der Begegnung mit dem Daoismus entstanden im chinesischen Chan- und japanischen Zen-Buddhismus Formen und Zeugnisse faszinierend naturnaher Kunst. In der Tuschmalerei, Poesie, Musik, Teezeremonie, im Blumenstecken (Ikebana), in der Gartengestaltung ging es darum, die Buddha-Natur in Stein, Bambus, Moos oder Vogel zum Ausdruck zu bringen. Die naturnahe Ästhetik Japans hatte im 19. und 20. Jahrhundert beträchtlichen Einfluss auf die moderne europäische Kunst und Architektur, vom Impressionismus über den Expressionismus bis zum Bauhaus und zur heutigen Grafik oder Keramik.

Mensch und Natur in Indien und Europa
In der Zeit und Welt des Buddha, in Nordindien vor 2.500 Jahren, war die Natur noch nicht so sehr durch den Menschen bedroht wie heutzutage, obwohl es auch damals schon ökologische Probleme und Zerstörungen gab wie Wüstenbildungen, Verlandungen, Bodenerosion. Eher sahen sich die Menschen von der Natur bedroht, zumal die nordindische Gangesebene noch weitgehend von dichtem Dschungel bedeckt war, voller gefährlicher Tiere, Krankheiten übertragender Insekten (Malaria) und alles überwuchernder Pflanzen. Dennoch – und das ist höchst bemerkenswert – finden sich im gesamten Buddhismus keinerlei naturfeindliche Äußerungen oder Haltungen, wie sie zur selben Zeit im antiken Mittelmeerraum und später im Christentum deutlich zu sehen sind. Sätze wie „Macht euch die Erde untertan“ oder gar die Ansicht, dass die Natur böse und sündig sei, ja das Werk des Teufels selbst, gab es in Indien nie. Doch galt die Natur in der hinduistischen Philosophie (ähnlich wie in Griechenland) als bloße Täuschung (maya).
Buddha bewertet die Natur nicht, sondern sieht sie als die dem Menschen gegebenen Bedingungen, zu denen er selber, wie auch die Tiere, gehört. Der Mensch steht nicht gegen die Natur und nicht über ihr, sondern ist ein untrennbarer Teil von ihr. Das wird schon daran deutlich, dass es unseren Begriff „Natur“ als Gegensatz zu „Kultur“ sowohl in Sanskrit wie in Pali damals nicht gibt. Gemäß abendländischem Denken ist Kultur die vom Menschen bearbeitete, geordnete, vermessene, aufgeteilte, angeeignete, nutzbar gemachte, verbesserte, „zivilisierte“ Natur. Für den griechischen Philosophen Aristoteles ist das Verhältnis des Menschen zur Natur wie das des Herren zum Sklaven. Der Prozess der Kultivierung ist demnach ein Akt der Unterwerfung. Der beginnt mit dem Ackerbau, geht über zur Unterwerfung der Frau und endet heute beim Menschen überhaupt, bei dessen gentechnischer, computertechnischer, robotertechnischer Perfektionierung oder Neuerschaffung, einschließlich der Abschaffung des Todes. Zivilisation, Fortschritt, Wachstum heißt derzeit (vor allem im Silicon Valley), Natur umfassend durch Technik zu ersetzen. Das ist auch der vorherrschende Weg, wie bisher unsere ökologischen Probleme „gelöst“ werden. Dementsprechend heißt die derzeitige Heilsbotschaft zum Klimawandel auch „Geoengineering“. Als Fortsetzung des Bisherigen wird es die Katastrophe noch verstärken.

Buddha

Ökologisch engagierter Buddhismus
Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Ausplünderung, Verwüstung und Vergiftung der natürlichen Mitwelt des Menschen durch den Industriekapitalismus immer offensichtlicher und dennoch kaum wahrgenommen wurde, war es der amerikanische Beat-Dichter und Zen-Mönch Gary Snyder, der schon in den 1950er-Jahren in Texten und Aktionen auf die drohende ökologische Katastrophe hinwies. Der vietnamesische Dharma-Lehrer Thich Nhat Hanh führte in den 1980er-Jahren in den USA mehrere große Retreats mit engagierten Umweltschützern durch und erinnerte an die alte, zutiefst ökologische Sichtweise Buddhas in dem Begriff paticca samuppada, „wechselseitig bedingtes Entstehen“. Er selbst prägte den Begriff Interbeing (Intersein). Die schwedische Ökologin und Buddhistin Helena Norberg-Hodge wies eindrücklich auf die bestens angepasste ökologische Kultur der Tibeter im wüstenhaften Ladakh hin. Joanna Macy, eine bekannte amerikanische Wissenschaftlerin, Umweltschützerin und Buddhistin, führte „Ermutigungskurse“ für Umweltaktivistinnen und direkte Aktionen gegen Atomanlagen durch. 

Die buddhistische Selbstentwicklungsorganisation „Sarvodaya Shramadana“ des singhalesischen Lehrers Dr. Ariyaratne beriet und unterstützte die Landbevölkerung in Sri Lanka in ökologischer Landwirtschaft. Theravada-Mönche in Thailand setzten sich in den 1990er-Jahren in aufsehenerregenden Aktionen – wie die Mönchsordination großer Bäume – für den Erhalt des tropischen Urwalds und damit auch den Ort ihrer meditativen Praxis ein. Sie riskierten auf diese Weise Gerichtsprozesse und Gefängnisaufenthalte. Das Oberhaupt des kambodschanischen Buddhismus, Maha Ghosananda, führte zusammen mit zahlreichen Mönchen, Nonnen und Laien-Buddhisten „Gehmeditationen“ (dhammayatra) an gegen den Bau riesiger Erdgaspipelines durch den thailändisch-burmesischen Dschungel.
S. H. der Dalai Lama hat ab Ende der 1980er-Jahre immer wieder vor kommenden Umweltkatastrophen gewarnt. Im Jahr 1992 nahm er bei der ersten Umweltkonferenz der UN in Rio de Janeiro teil und stellte seine Sicht unter dem Titel „Unsere universelle Verantwortung“ vor. Ein Jahr später lud er zu einer weltweiten Konferenz „Ökologische Verantwortung – ein Dialog mit dem Buddhismus“ in die indische Hauptstadt Neu-Delhi ein. Zahlreiche buddhistische Vertreter wie auch Wissenschaftler waren anwesend. Gemeinsam verabschiedeten sie den Aufruf „Für unsere ökologische Verantwortlichkeit“.
Österreichische, Schweizer und deutsche Buddhisten, wie die Peacemaker-Gemeinschaft des US-Zen-Meisters Bernie Glassman Roshi, organisierten Aktionen gegen Massentierhaltung und Schlachthäuser oder absolvierten in solchen sogar Zen-Retreats. Der 17. Karmapa Urgyen Trinley Dorje machte durch Aufrufe zur Bedeutung des Umweltschutzes für die Zukunft der Welt und des Dharma von sich reden. Auch in Nepal, Tibet, Taiwan, Südkorea und Japan gab es buddhistische Umweltinitiativen.

Das Netzwerk engagierter Buddhisten
Schon im Jahr 1978 gründete der amerikanische Zen-Meister Robert Aitken Roshi zusammen mit Gary Snyder, Joanna Macy und dem Vipassana-Lehrer Jack Kornfield die „Buddhist Peace Fellowship“ (BPF), die es inzwischen auch in Südafrika und Australien gibt und die in allen Lebensbereichen, in denen auf unserer Erde Leiden existiert, an dessen Überwindung engagiert ist. Im Jahr 1989 gründeten Mönche, Nonnen und Laien aus allen großen buddhistischen Schulen (Theravāda, Mahayana, Vajrayana) und zahlreichen Ländern Asiens zusammen mit der BPF in einem Kloster in Thailand das „International Network of Engaged Buddhists“ (INEB). Sprecher wurde der bekannte thailändische Professor für Sozialwissenschaft Sulak Sivaraksa. Schirmherren waren der Dalai Lama, Thich Nhat Hanh und Maha Ghosananda. Neben dem Einsatz für Frieden und Versöhnung, die Wahrung der Menschenrechte, das Erlangen von Demokratie und Meinungsfreiheit waren der Schutz der natürlichen Ökologie und das Aufhalten des (damals in Asien schon unübersehbaren) Klimawandels seither zentrale Themen.
Nach Bekanntwerden dessen gründeten fünf Dhamma-Praktizierende aus Deutschland ebenfalls in Thailand das deutschsprachige „Netzwerk engagierter Buddhisten“. Sprecher und Organisator war der Autor dieses Beitrags, der bald danach auch die Website www.buddhanetz.org einrichtete und die Zeitschrift „Mitwelt“ herausgab. Das Netzwerk wurde als Gemeinschaft in die „Deutsche Buddhistische Union“ (DBU) aufgenommen und konnte dort eine Vielzahl an Impulsen und Initiativen einbringen. In den Jahren danach gab es zahlreiche Aktivitäten und Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auch in etlichen Ländern Asiens, viele mit dem Schwerpunkt Umweltschutz.
Im Jahr 2002 wurden Vertreter des Netzwerks und der DBU vom damaligen deutschen Umweltminister (Trittin) dazu eingeladen, an einem mehrmonatigen Gespräch aller Religionen in Deutschland teilzunehmen, bei dem eine gemeinsame Erklärung und Initiative in Bezug auf den globalen Klimawandel beschlossen werden sollte. Das Vorhaben scheiterte daran, dass der Vertreter einer der großen Religionen die Tatsache der Klimaveränderung nicht wahrhaben wollte.
Inzwischen lässt sich nicht mehr übersehen, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert mit einem menschengemachten Klimawandel und einem wahren Tsunami an weiteren Bedrohungen und Katastrophen in Bezug auf ihre natürlichen Lebensbedingungen konfrontiert ist – Folgen unserer blinden, naturmissachtenden Lebens-, Produktions- und Konsumweise .
Trotz der oben aufgezeigten Aktivitäten und Beispiele ist festzustellen, dass auch unter der Mehrheit der Buddhisten sowohl in Europa wie in Asien das Umweltengagement, ja schon das Interesse an der Pflege unserer natürlichen Lebengrundlagen enttäuschend gering ist. Für eine große Anzahl der Gemeinschaften, Lehrer und Praktizierenden war und ist es kein Thema. Mangels inhaltlicher, praktischer und finanzieller Unterstützung hat sich darum das Netzwerk 2004 auch wieder aufgelöst. Seither sind fast alle Bemühungen aufseiten deutschsprachiger Buddhisten um Umweltschutz, Ressourcenschutz, Klimaschutz, Artenschutz eingeschlafen. Erst jüngst hat sich in der DBU wieder eine Umwelt-AG gebildet.

Die ökologische Philosophie des Buddha
Für den Buddha ist der Mensch Teil eines alles umfassenden, prozesshaften, miteinander vernetzten, einander bedingenden, sich wechselseitig hervorbringenden, gegenseitig enthaltenden und durchdringenden, fließenden Geschehens. Wirklichkeit ist im Augenblick erscheinende und vergehende, vielfältig verwobene Gegenwart. Als solche wird sie auch in der Achtsamkeitsmeditation erfahren. Dies wurde von Buddha idapaccayatā „Hier und jetzt Bedingtheit“ oder aññamaññapaccaya „Wechselseitiges Bedingen“ oder auch paticca samuppada „bedingtes Zusammen-Entstehen“. (Im Pali-Abhidhamma gibt es insgesamt 24 verschiedene Arten von Bedingungen oder Bezogenheit.) Eingängiger beschreibt es Buddha in der Formel: „Wo dies ist, gibt es jenes, wenn dies entsteht, entsteht jenes. Wo dies nicht ist, gibt es jenes nicht, wenn dies vergeht, vergeht jenes.“ Diese Wirklichkeitssicht bildet die Grundlage dessen, was der „Weg des Buddha“ genannt wird. Kein Teil und Aspekt der buddhistischen Lehre und Praxis ist verstehbar und durchführbar, ohne diese Grundaussage zu kennen, zu verstehen, zu berücksichtigen.
Die Wirklichkeit – unser Ich, die anderen, die Welt, die Dinge und all die Verhältnisse, denen wir begegnen und die wir für existent, real und wahr halten – liegt nicht einfach unabhängig von uns, abgetrennt, autonom, aus sich selbst und für sich selbst vor. Sondern wir selbst erschaffen „unsere“ Wirklichkeit. Sie, das Bewusstsein, das Ich, all die Dinge existieren nur, indem, weil und solange wir mit einem Etwas, das wir als anderes oder Äußeres wahrnehmen, in Berührung (phassa), in Kontakt, Beziehung, Wechselwirkung, Resonanz oder Dissonanz (vedana) sind. Im nächsten Augenblick ist dies wieder verschwunden, wenn nicht ein neuer Kontakt, eine neue direkte Wahrnehmung stattfindet. Über den Moment des direkten Erlebens hinaus ist ein Wahrgenommenes nur vorhanden, wenn es zu einer Erinnerung, einer Vorstellung, einem Gefühl, einem Gedanken, einem Konzept, einem Begriff, zu einem Gedachten wird.
Als Gedachtes können die Dinge lange und manchmal scheinbar ewig und absolut existieren. Das wird in der abendländischen Philosophie „Metaphysik“ (meta ta physika) genannt, was meta „über“ der physis „der Natur“ stehend heißt und hiermit bedeutet, dass es nur im Geist („im Kopf“) existiert. Von diesem Metaphysischen sagte die klassische griechische, dann christliche, zuletzt auch neuzeitliche abendländische Philosophie (bis einschließlich Hegel), dass es das sei, was wirklich existiere. Mit anderen Worten: sinnlich wahrnehmbare Natur, die innere und äußere Natur, die natürliche Umwelt existiert nicht wahrhaft, sie ist letztlich bloßer Schein, lediglich Täuschung. Wenn es so ist – das ist die verhängnisvolle Schlussfolgerung – brauchen wir auf die Natur auch keine Rücksicht zu nehmen.
Wenn aber, wie der Buddha sagt, unser Bewusstsein untrennbar und wechselseitig mit den Erscheinungen verbunden ist, dann heißen Ausbeutung, Zerstörung, Vermüllung, Vergiftung der Erscheinungen der Natur auch Ausbeutung, Zerstörung, Vermüllung, Vergiftung unseres Selbst. Alles, was wir anderen antun, tun wir uns selber an. Der Buddha vertieft das durch eine differenzierte Erkenntnistheorie, die in der Lehre vom „zwölffachen Bedingungsreislauf“ beschrieben und nidana (Ursächlichkeit, Ursprung), bhavacakka (Daseinsrad) oder auch einfach samsāra („im Kreis gehen“) genannt wird. Wir kennen das aus unserem Alltag in solchen Worten wie „Hamsterrad“, „Tretmühle“ oder „Teufelskreis“.
Mit unserem Wahrnehmen, Denken und Handeln schaffen wir nicht nur die Dinge, sondern auch uns selbst und zirkulär die Vorbedingungen unseres Wahrnehmens, Denkens und Handelns. Wir schaffen uns selbst als Ich oder Subjekt und unsere Wirklichkeit als Welt oder Objekte. Und zwar dadurch, dass wir, von Unwissenheit (avijja), Intendieren (sankhāra) und Verlangen (tanhā) getrieben, versuchen, immerfort Wirklichkeit zu ergreifen (upādāna), zu gestalten (bhava), als Selbst (atta) oder Eigentum (upadhi) festzuhalten und zu verdinglichen (jati). Das so vermeintlich Erlangte wird, auf sich zurückwirkend, wiederum zur Vorbedingung, Vorprägung, Vorannahme für die weiteren Wahrnehmungen und verstärkt sowie bestätigt auf diese Weise sich und den Prozess des Ergreifens. Das verleitet uns dazu, alles in den Griff bekommen zu wollen, die Welt beherrschen und uns selbst verabsolutieren zu können.
Kurz gesagt, erkannte Buddha damit das, was im 19. Jahrhundert auch dem deutschen Philosophen Nietzsche aufging: Das menschliche Dasein ist geprägt vom „Willen zur Macht“. Während Nietzsche dies jedoch bejahte – in Übereinstimmung mit seiner vom Ziel der Weltbeherrschung dominierten Zeit – sah Buddha darin die grundlegende Illusion und Wurzel allen Leids.
Er erkannte vielmehr, dass alles natürliche und menschliche Geschehen von drei Grundmerkmalen (tilakkhana) geprägt ist: von anicca (Unbeständigkeit), dukkha (Nichtgenügen) und anatta (Nichtich, Nichtsubstanzhaftigkeit). Die spätere philosophische Entwicklung des Buddhismus nannte das zusammen sunyata (Leerheit, Offenheit, Unverfügbarkeit). Das heißt: Nichts im ganzen Universum können wir letztlich ergreifen, festhalten, beherrschen, uns aneignen, objektivieren und verdinglichen. Was auch immer vermeintlich substanzhaft da ist, alles, was wir in unseren Griff und Begriff nehmen wollen, entgleitet uns, altert, krankt und stirbt. Wir greifen ins Leere, die Folge ist Leiden.

Die ökologische Gesellschaft
Dies gilt vor allem für die Beziehung der modernen westlichen Zivilisation und Gesellschaft zur Natur und Welt. Mit riesigem wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und politischen Aufwand versuchen wir seit rund 500 Jahren, die Natur und Welt zu berechnen, zu kontrollieren, zu steuern, uns zu eigen zu machen, auszurauben, zu verbessern und durch Technik zu ersetzen. Mit dem Ergebnis, dass viele Dinge durchaus bequemer, praktischer, schneller, leichter, größer, mächtiger geworden oder überhaupt erst entstanden sind. Doch unsere äußere und innere Natur und Kultur gerät immer mehr in Probleme, Krisen, Bedrohungen und wird immer weniger beherrschbar. Der Siegeszug der modernen Technik und Ökonomie beruht auf der Nichtbeachtung des paticca samuppada, auf der Abtrennung der Dinge aus ihrem Zusammenhang, dem Absehen von der fließenden wechselseitigen Bezogenheit aller Phänomene. Das Ignorieren der Ökologie der Wirklichkeit hat uns in vielen Bereichen enorme Macht und Möglichkeiten verschafft, doch die Folgen des Ignorierens sind zwangsläufig eintretende technische, wirtschaftliche, ökologische Katastrophen, denen wir dann panisch und ohnmächtig gegenüberstehen.
Wir müssen gründlich Abschied nehmen von der von Verlangen oder Abneigung getriebenen Unterwerfung der Natur. Je mehr wir versuchen, uns Naturphänomene anzueignen oder sie zu beseitigen, umso mehr entziehen sie sich völlig unberechenbar unserem Zugriff. Nur das aktive Nichttun, das bewusste Loslassen vom Ziel der Naturbeherrschung, Naturausbeutung, Naturverbesserung kann den Menschen noch retten. Der Beitrag Buddhas zum Schutz und Erhalt unserer Lebensbedingungen besteht somit weniger in bestimmten Handlungen, sondern darin, solche zu lassen und loszulassen.
Wenn wir eigenes Leiden überwinden wollen, können wir uns unserer Mitwelt gegenüber nicht verhalten wie Räuber und Vergewaltiger, sondern müssen uns als Freunde und Partner erweisen. Das gilt auch für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Unsere Naturbeziehungen und unsere Sozialbeziehungen spiegeln und bedingen sich gegenseitig. Wir verhalten uns heute, als könnten wir ohne den oder die anderen existieren, als wollten wir als Einzige leben und ganz alleine überleben. Unsere, von der Ideologie des Kapitalismus geprägten Gesellschaften haben das Leben zu Kampffeldern des Egoismus, des Überlebens, der Konkurrenz, der Entsolidarisierung und Ausgrenzung, der Einsamkeit, der Feindschaft, des Hasses und der Hetze, des Rassismus und Faschismus, des Krieges gemacht.
Eine buddhistisch inspirierte Gesellschaft kann nur eine sich selbst organisierende, solidarische, gerechte, freiheitliche, basisdemokratische, gewaltfreie Netzwerkgesellschaft sein. Eine Gesellschaft des Austauschs und Ausgleichs, der Zuwendung und Verantwortung, der Freiheit und Offenheit sein. Die gesellschaftliche Perspektive Buddhas ist die durch die Praxis der Achtsamkeit (satipatthāna) erlangte Einsicht in die wechselseitige Verbundenheit der Wirklichkeit und die daraus hervorgehende Ethik des Mitgefühls. Der Erwachte hat sie in einem Grundsatz zusammengefasst: „Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen. Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst.“

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