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Diskurs

Die Mahasatipaṭṭhana Sutta – Buddhas berühmte Lehrrede zur Übung der Achtsamkeit

Teil des fünften Bands „Das Geheimnis der Achtsamkeit“ aus der Serie „Möge die Übung gelingen“ von Peter Riedl

Der Einstieg in ein erleuchtetes, etwas weltlicher ausgedrückt, in ein gelingendes Leben geht über die Achtsamkeit auf die Gefühle. Deshalb kommt dieser zweiten Grundlage der Übung der Achtsamkeit eine besondere Bedeutung zu.

Im ersten Teil der Betrachtung ging es darum zu entdecken, dass jede Wahrnehmung, also jeder Sinneseindruck, automatisch ein Gefühl und dieses die Reaktion bedingt. Das Gefühl kann nicht verhindert werden, die unheilsame Reaktion darauf, etwa Ärger, schon.

Originaltext des Mahasatipaṭṭhana Sutta

Ein an die Sinneswahrnehmungen gebundenes, angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl empfindend, wissen, ich empfinde ein an die Sinneswahrnehmungen gebundenes, angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl.

Ein nicht an die Sinneswahrnehmungen gebundenes, angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl empfindend, wissen, ich empfinde ein nicht an die Sinneswahrnehmungen gebundenes, angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl.

Bei der Achtsamkeit auf die Gefühle
sich nach innen oder außen auf die Gefühle konzentrieren
oder sich nach innen und außen auf die Gefühle konzentrieren.
Die Dinge in ihrem Entstehen und Vergehen erkennend, achtsam auf die Gefühle sein,
wissen, Gefühle sind da, so ist die Achtsamkeit gegenwärtig,
soweit es der Erkenntnis dient,
soweit es der Achtsamkeit dient.
Unabhängig leben, an nichts in der Welt anhaften.

So sich der Gefühle bewusst sein, bei der Achtsamkeit auf die Gefühle.

Der Text beschreibt die zweite Grundlage der Übung der Achtsamkeit, jene auf die Gefühle, in Verbindung zur Lehre des Bedingten Entstehens. Beide Lehren werden in vielen asiatischen Ländern seit ihrer ersten Verkündung hochgehalten, aber sie haben sich in diesen 2.500 Jahren stark verändert. Das hat dazu geführt, dass falsche Ansichten über die buddhistische Praxis und deren Ziel, die Erleuchtung, entstanden sind. Buddha selbst hatte diese Entwicklung vorausgesagt. Es ist daher gut, die Erkenntnisse des Buddha durch eigene Erfahrung zu wiederholen und zu prüfen.

Übung

Welche Erfahrungen kann man bei der Achtsamkeit auf die Gefühle machen? Es gilt zu erkennen, dass bei jeder Wahrnehmung, also jedem Hören, Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken und Denken, immer ein Gefühl entsteht. Dieses Gefühl sollte man sich bewusst machen und unterscheiden, ob es sich um ein körperliches oder geistiges Gefühl handelt. Ist das Gefühl angenehm, unangenehm oder neutral?

Man wird merken, dass sich der Körper und die Körperpositionen, die Gefühle, das Bewusstsein und das Denken ununterbrochen ändern. Jedoch werden uns diese sich ununterbrochen wandelnden, körperlichen und geistigen Vorgänge zum allergrößten Teil nicht bewusst.

Allein aus den beiden Absätzen oben kann man erkennen, wie komplex und tief greifend Achtsamkeitspraxis sein kann. Praktiziert man die Achtsamkeit auf den Körper und die Gefühle ständig weiter, verringern sich die Abschnitte im Alltag, in denen man etwas unbewusst tut, während sich jene ausdehnen, in denen einem die eigenen Gefühle und Gedanken bewusst sind. Man entdeckt, wie schnell wir diese inneren Prozesse kommentieren und bewerten, statt sie nur wahrzunehmen. Aber genau das, nämlich nicht zu bewerten und zu beurteilen, ist ein wesentliches Ziel der Praxis.

Sich hinzusetzen und Körper und Geist zu beobachten, hat keinen Selbstzweck. Diese Übung hat mehrere Ziele. Man findet heraus, dass es zwei Formen der Achtsamkeit gibt, eine gedachte, in der man bewusst die Absicht fasst, den eigenen Körper, die Gefühle und Gedanken beobachten zu wollen. Und eine zweite, bei der das spontan gelingt, ohne dass man es sich bewusst vorgenommen hat. Die zweite Form der Achtsamkeit kann man auch Gewahrsein nennen.

Durch die Kombination von Fühlen und Denken entstehen bestimmte Emotionen: Ärger ist immer mit einem unangenehmen Gefühl verbunden und hat immer bestimmte Inhalte im Denken. Freude ist immer mit einem angenehmen Gefühl verbunden und hat ebenso bestimmte Inhalte im Denken.

Übungen

Fragen für die Selbsterforschung:

  • Kann ich mich ärgern, ohne zu denken?
  • Kann ich mich freuen, ohne zu denken?
  • Kann ich erkennen, dass ich denke?
  • Kann ich in Augenblicken, in denen ich nicht denke, erkennen, dass ich nicht denke, oder kann ich mich nur danach erinnern, dass ich nicht gedacht habe?
  • Wenn ich erkenne, dass ich nicht denke, denke ich da nicht schon wieder?

Sich an Situationen erinnern, in denen man sich geärgert/sich gefreut hat.

  • Erkennen, ob einem dieser Ärger/diese Freude bewusst waren
  • Erkennen, ob es eine Anfangsphase gegeben hat, in der einem das nicht bewusst war
  • Erkennen, ab wann einem das bewusst war

Die Übung in den Alltag ausdehnen:

  • Sich in Augenblicken des Ärgers/der Freude versuchen, bewusst zu machen, dass man sich ärgert/freut.
  • Wie war das, als einem diese Emotionen nicht bewusst waren?

Hat man sich mit seinem Ärger/seiner Freude identifiziert? Ist man damals sein Ärger/seine Freude gewesen?

  • Kann man erkennen, dass im Augenblick der Bewusstwerdung des Ärgers/der Freude bereits eine Trennung erfolgt, wodurch Ärger/Freude weniger intensiv sind?
  • Erkennen, wann und wie der Ärger/die Freude begonnen haben
  • Sich fragen, ob jeder Ärger/jede Freude durch eine Wahrnehmung (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken) bedingt ist?
  • Können Ärger/Freude ohne die Wahrnehmung (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken) äußerer oder innerer Ereignisse entstehen?
  • Gibt es auch nichtbedingte Freude?
  • Sich fragen, ob es stimmt, dass jede Wahrnehmung (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken) äußerer oder innerer Ereignisse in einem selbst immer ein Gefühl bedingt?
  • Sich fragen, ob es stimmt, dass unangenehme Gefühle unangenehme Emotionen und angenehme Gefühle angenehme Emotionen bedingen?

Es ist nicht einfach, all diese feinen Unterscheidungen der Prozesse zu erkennen, die im Inneren ablaufen. Anfänglich kann ein derart genaues Beobachten geistiger Vorgänge sogar irritierend sein, und es können Schwierigkeiten auftauchen. Im Laufe der Bewusstwerdung, die man auch als Persönlichkeitsreifung bezeichnen kann, gelingt das allmählich leichter.

Die vorangegangenen Übungen wurden anhand der beiden Emotionen Ärger und Freude beschrieben. Sie können durch die gesamte Palette menschlicher Emotionen ersetzt werden, Wut, Liebe, Eifersucht, Freundschaft, und man kann dann mit ihnen in gleicher Weise üben. Reifen Menschen fällt es leichter, Emotionen bewusst zu erkennen und in diese einzugreifen. Eine Zeit lang ärgert man sich, man könnte auch sagen, man ist sein Ärger. Und plötzlich fällt einem auf, dass man sich ärgert. Das gelingt leichter, je intensiver der Ärger und je ungewöhnlicher die Situation ist. Beim täglichen Streit mit dem Lebenspartner ist einem das weniger bewusst als im Gespräch mit einem Vorgesetzten, bei dem man die ärgerliche Reaktion nicht gleich auslebt, sondern bei sich behält.

All diese Übungen haben den Zweck, dass einem die eigenen unheilsamen Emotionen, unter denen man leidet, bewusster werden und es gelingt, in diese einzugreifen. Diese Übung ist nicht einfach, im Gegenteil, sie gelingt nur mit Anstrengung. Sie wird deshalb Rechte Anstrengung genannt und ist der dritte Pfeiler im Buddhistischen Geistestraining und das achte Glied des sogenannten Achtfachen Pfades. Die Bewusstmachung und das entschlossene Eingreifen sind Voraussetzungen, dass man Ärger bewusst fallen lassen kann, ohne ihn zu unterdrücken oder zu manipulieren. Buddhistische Praxis soll dazu dienen, das Leiden zu überwinden. Dafür wurde sie gelehrt. Sogenannte höhere Bewusstseinszustände, die Klärung metaphysischer Fragen, religiöse Zustände, besondere Fähigkeiten, sogenannte siddhis zu erlangen, sind nicht das Ziel. Sie alle können auftreten und hilfreich sein, sind aber nicht der eigentliche Zweck der Übung.

Man wird merken, dass sich der Körper und die Körperpositionen, die Gefühle, das Bewusstsein und das Denken ununterbrochen ändern.

Durch die achtsame Beobachtung eigener innerer Zustände entsteht ein völlig neuer Zugang zum Leben mit vielen positiven Nebenwirkungen. Meditation und Achtsamkeitspraxis stärken nachweislich das Immunsystem, sie können ruhiger machen, Selbsterkenntnisse hervorbringen, und man kann Unfälle vermeiden. Die Befreiung vom Leid besteht nicht darin, leidbringende Situation nicht mehr zu haben, sie wird es immer geben, sondern an ihnen nicht zu leiden.

Die Quelle der Achtsamkeit

Die ältesten, noch bestehenden Quellen zur Achtsamkeit finden sich im sogenannten Pali-Kanon, der ältesten zusammenhängend überlieferten Sammlung von Lehrreden des Buddha. Die Lehre von den Grundlagen der Achtsamkeit steht im Satipatthana Sutta geschrieben. Es findet sich im Pali-Kanon zweimal, und zwar in der Mittleren Sammlung, Majjhima-Nikaya, als 10. Rede und in der Langen Sammlung, Digha-Nikaya, als 22. Rede. Auf diese zweite Sutta bezieht sich der Text. Sie trägt den Titel „Mahasatipatthana Sutta – Die große Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit“. Der Originaltext dieser Lehrrede kann im Internet gefunden werden: www.ursachewirkung.com/118-palikanon.

 

Leiden wird ausschließlich durch das eigene Fühlen und Denken verursacht. Wenn man angenehme oder neutrale Gefühle und Gedanken hat, leidet man nicht. Wenn man unangenehme Gefühle und Gedanken hat, leidet man.

Um das zu erkennen, bedarf es keines religiösen Buddhismus. Achtsamkeit ist das wertfreie Sehen der Dinge, wie sie sind. In modernen Beschreibungen werden ihr viele andere Attribute, etwa das Liebevoll- und Gütig-Sein, das Geduldig-Sein, das Im-Moment-Sein, zugeschrieben. Sie sind Ziele der Achtsamkeitspraxis, jedoch nicht deren eigentliche Übung. Auf diese feinen, aber bedeutungsvollen Unterschiede wird in den kommenden Ausgaben von Ursache\Wirkung ausführlich eingegangen werden.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

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Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl

Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl

Peter Riedl ist Universitätsprofessor für Radiologie und seit über 30 Jahren Meditations- und Achtsamkeitslehrer. Er ist Gründer und war bis Juni 2019 Herausgeber der Ursache\Wirkung, hat W.I.S.D.O.M., die Wiener Schule der offenen Meditation und das spirituelle Wohnheim Mandalahof gegründet. S...
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