Diskurs

Buddhismus hat viele Gesichter. Die Neue Kadampa Tradition zeigt Züge einer Sekte – beunruhigende Einsichten einer ehemaligen Nonne, die warnen will. Nach einem Bericht von Be Scofield.

Menschen auf der Suche nach Sinn und Gemeinschaft probieren viele unterschiedliche Wege aus. Einen davon bietet die Neue Kadampa Tradition (NKT), die sich auf den Buddhismus beruft. Ihr Gründer Kelsang Gyatso gilt als erbitterter Konkurrent des Dalai Lama. Gyatso will „in jeder Stadt der Welt einen Tempel errichten“. Seit 1992 verfolgt er mit seiner Shugden-Bewegung dieses Ziel. Auch in den deutschsprachigen Ländern ist es der Bewegung in den vergangenen zwanzig Jahren gelungen, viele Mitglieder anzuwerben. Doch in den letzten Jahren werden immer mehr Stimmen laut, die von den sehr zweifelhaften Methoden dieser Gruppe berichten. Be Scofield, ehemaliges Mitglied der NKT, ist eine scharfe Kritikerin. Ihre Empörung über den Umgang mit den Mitgliedern hat sie zur Aktivistin werden lassen. Ursache\Wirkung hat sich entschlossen, ihren gesammelten Vorwürfen in dieser Ausgabe Platz zu geben. Wir wollen Menschen, die sich durch diese Gruppe angesprochen fühlen, warnen.

Autoritäre Züge
Be Scofield und viele andere Ex-Mitglieder weisen unter anderem auf den starken Personenkult um den Gründer Kelsang Gyatso hin. Gyatso sei eine „narzisstische Persönlichkeit, die sich selbst als den einzigen Retter des reinen Buddhismus sieht“, sagt zum Beispiel der buddhistische Mönch Tenzin Peljor, der ebenfalls aus der NKT ausgestiegen ist. Mitgliedern wird eingebläut, dass nur die NKT über die wahre Lehre Buddhas verfüge und somit als Einzige den Weg zur Erleuchtung weisen könne. Gründer Kelsang Gyatso habe angeordnet, nur jene buddhistischen Texte zu lesen, die er selbst verfasst hat. Andere Texte und Interpretationen sind verboten, gelten als „unrein“. Wer trotzdem andere Literatur liest, wird zunächst unter Druck gesetzt, dann aus der Gruppe ausgeschlossen. Denn alle anderen Formen des Buddhismus gelten der NKT als „korrupt“. Der Dalai Lama wird als „rücksichtsloser Diktator“ und „böser Lehrer“ diffamiert. Kelsang Gyatso dagegen gilt als gottgleich. Be Scofield zitiert ein ehemaliges NKT-Mitglied, der diese gottähnliche Stilisierung beschreibt: „Mir wurde gesagt, dass er nicht einmal in Flugzeugen fliegen muss, um zu Segnungsfeiern zu gelangen. Er kann einfach auf magische Weise erscheinen.“ Und selbstverständlich darf Gyatso in seiner Gottgleichheit nicht kritisiert werden: „Ich für meinen Teil hatte tiefe Schuldgefühle, als ich Fehler in Gyatso sah. Ich wusste einfach, dass ich dafür in die Hölle kommen würde“, so der Bericht eines Ex-Mitglieds. Besonders seltsam dabei ist die Tatsache, dass seit 2013 niemand mehr den Sektenführer gesehen hat. Viele meinen, er wäre sogar schon tot, aber dies zuzugeben, wäre „nicht gut fürs Geschäft“.

Vorsicht vor Missbrauch

Harmlose Anfänge
Dabei stellt sich bei Eintritt in diese buddhistische Gruppe die Situation erst einmal ganz anders dar. „Lovebombing“ ist eine bewährte Strategie, mit der man Neueinsteigern ein gutes Gefühl vermittelt. Sie werden mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen überschüttet. Das erzeugt Begeisterung, ja sogar Euphorie. Die Unterstützung der Gruppe erleben viele zu Anfang als überaus positiv. Be Scofield schreibt, dass die NKT neue Mitglieder vor allem durch im Internet beworbene Kurse zur Überwindung von Depressionen und Ängsten gewinnt. Die NKT bemühe sich gezielt um Menschen mit psychischen Problemen und verspricht Heilung. „Aber sie verstehen gar nichts von geistiger Gesundheit“, es werde lediglich versucht, diese Menschen zu manipulieren und unter ihre Herrschaft zu bringen, bestätigt Michelle Haslam, ehemalige Bewohnerin eines NKT-Zentrums. Sie ist klinische Psychologin und trennte sich von der Gruppe, als sie diese Taktik durchschaut hatte. Heute sieht sie es als ihre Aufgabe, andere Menschen über Kanäle wie YouTube und Podcasts über die NKT aufzuklären.

Haslam warnt vor allem davor, die Gruppe finanziell zu unterstützen. Be Scofield hat Berichte von Mitgliedern gesammelt, die stark unter Druck gesetzt wurden, Geld zu spenden. „Es war üblich, ‚zinslose Darlehen‘ zu geben, für die Renovierung von Gebäuden, Autos, Statuen (...)“. Doch es sei nie genug gewesen, zitiert Scofield einen Aussteiger. Manche sollen der NKT ihre Häuser überschrieben haben und andere ihr gesamtes Vermögen. Aus weiteren Quellen weiß sie, dass Mitglieder mitunter auch zum Sozialbetrug angehalten wurden, um Geld in die Kassen der Gruppe zu spülen. Ganz abgesehen davon, wird auch die Arbeitskraft von Mitgliedern unter dem Deckmantel einer geistigen Übung ausgenutzt. Peter Graham Dryburg berichtet: „Ich begann zu begreifen, dass ich, obwohl ich montags bis freitags von 9.00 bis 17.00 Uhr außerhalb des Zentrums beruflich tätig war, oft bis 2.00 Uhr morgens am Gebäude arbeitete und um 5.00 Uhr morgens wieder aufstand, um ‚den Altarraum für den Tag vorzubereiten‘. (...). Ich verlor alle Freunde (...), die nicht mit der NKT verbunden waren. Es wurde mein ganzes Leben, meine Welt, jeder meiner Wach- und Schlafmomente.“

Vorsicht vor Missbrauch

Ausbeutung und Missbrauch
Die Ausbeutung der Mitglieder sei Teil der Strategie zur Verbreitung der eigenen Ideologie. „Je weiter man in den inneren Kreis der NKT vorstößt, umso stärker wird man im Namen der Erleuchtung in eine Richtung geleitet, die nur mehr wenig mit Buddhismus zu tun hat. Man merkt es nicht einmal“, berichten viele Ex-Mitglieder. Es finde auch sexueller Missbrauch statt, so Be Scofield. Es seien viele Fälle bekannt, die man versucht habe, zu vertuschen. Wer über die Fälle rede, bekomme Schwierigkeiten, erklärten Zeugen. Oft werde offensichtlicher sexueller Missbrauch als Teil einer tantrischen Praxis verharmlost, die zur Erleuchtung führen soll. Eine Nonne soll, schwanger nach sexuellen Übergriffen, einen Selbstmordversuch unternommen haben.

Die Übergriffe und die Gerüchte darüber führten etwa dazu, dass die NKT-Chaträume im Internet geschlossen wurden. Kelsang Gyatso ließ verlauten: „Es hat keinen Wert, über dumme Dinge öffentlich im Internet zu reden. Führt stattdessen eine sinnvolle Debatte mit unseren reinen Lehrern (...) Beendet Sie diese Art von Aktivitäten.“ Diese autoritäre Haltung mache es Betroffenen besonders schwer, sagt Psychologin Michelle Haslam, die diese Methode der Verharmlosung selbst zu spüren bekam. Sie erzählt, dass sie seinerzeit Bridget Heyes, die spirituelle Leiterin der NKT-Bewegung in Großbritannien, über Missbräuche informiert habe. Es sei Teil der Übung, Leid zu ertragen, hörte sie von dieser. NKT benutze den Glauben, um von den Tätern abzulenken, erklärt Haslam diese Taktik.

Kritik unerwünscht
Mit jeder Art von Kritik jedenfalls scheint die NKT nicht gut zurechtzukommen, stellt Be Scofield fest. Das bestätigt auch Gabriella Markgraf, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied: „Als ich in der NKT war, war das größte Problem, als ich es wagte, Fragen zu stellen, mangelnder Glaube. Ich hörte immer und immer wieder: ‚Du musst Glauben entwickeln.‘ Glaube in diesem Fall bedeutete, Glaube an Kelsang Gyatso und die NKT-Propaganda (...)“ Mitglieder, die wagen, Gyatso oder das Narrativ der Gruppe infrage zu stellen, werden unter Druck gesetzt und schließlich ausgeschlossen, heißt es. Kritiker und ehemalige Mitglieder werden als „psychisch krank“, „beschädigte Ware“ oder „Madras“ (Dämonen) diffamiert. Michelle Haslam, die sich öffentlich kritisch gegenüber der NKT äußert, wurde Opfer einer Hetzkampagne, die sie ihren Arbeitsplatz kostete. Auch mit juristischen Schritten werde Kritikern gedroht.

Eine Warnung
Vieles an der Neuen Kadampa Tradition folgt den Regeln von Sekten, attestiert Be Scofield. „Sie behaupten zu Unrecht, Achtsamkeit zu lehren.“ Tatsächlich würden sie versuchen, die Gedanken und Emotionen der Mitglieder zu kontrollieren. „Ihre Praktiken sind das Gegenteil von Achtsamkeit nach westlicher Definition.“
 

Den englischen Originalbericht von Be Scofield finden Sie hier.

Die Übertragung des Originalberichts ins Deutsche durch die Ursache\Wirkung-Redaktion können Sie hier lesen.

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Teaser und Bild 1 im Text© 123RF

Bild 2 © privat via www.info-buddhism.com

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