Diskurs

Die Neue Kadampa Tradition unter der Leitung von Kelsang Gyatso tritt gegen den Dalai Lama an – mit zweifelhaften Methoden.

Ehemalige Mitglieder sprechen über psychologischen, finanziellen und sexuellen Missbrauch, den sie in der Neuen Kadampa Tradition beobachtet oder erlitten haben. Sie sagen, dass der Gründer Kelsang Gyatso eine Sekte aufgebaut hat. Sein Bestreben sei es, in jeder Stadt der Welt einen Tempel zu errichten.

1997 wurden der engste Mitarbeiter des Dalai Lama, Lobsang Gyatso, und zwei seiner Schüler brutal ermordet, während der Dalai Lama nur wenige Hundert Meter entfernt schlief. Der buddhistische Gelehrte Robert Thurman erklärte gegenüber dem Nachrichtenmagazin Newsweek: „Auf die drei wurde wiederholt eingestochen. Sie wurden zerstückelt. Dies glich einem Exorzismus.“ Nach Angaben der Zeitschrift waren „die Wände ihrer kleinen Kammer mit Blut bespritzt“.

Die Polizei verdächtigte sofort Mitglieder einer buddhistischen Gruppe, die die Gottheit Dorje Shugden, einen zornerfüllten Gott oder Geist, verehren. Die Morde ereigneten sich nur wenige Monate, nachdem der Dalai Lama den Tibetern öffentlich von der Verehrung Shugdens abgeraten hatte. Dies hatte in der Vergangenheit zu Spaltungen innerhalb ihrer Bewegung geführt. Die Times online berichtete, dass die Morde aus „Rache“ dafür begangen wurden.

Im Jahr 2007 setze Interpol zwei Shugden-Verehrer auf ihre Fahndungsliste, denen China zur Flucht verholfen hatte. Während einer Pressekonferenz erklärte ein indischer Polizeichef namens Prithvi Raj: „Wir haben zwei der Mörder identifiziert, einer ist Tenzin Chozin, der andere ist Lobsang Chodrak. Wir haben klare Hinweise darauf, dass die Mörder direkt mit der Shugden-Bewegung in Verbindung stehen.“

Es sollte sich herausstellen, dass die Beteiligung Chinas viel tiefer geht als die Hilfe zur Flucht der beiden angeklagten Mörder. 2015 enthüllte die Nachrichtenagentur Reuters, dass die chinesische Regierung die gegen den Dalai Lama kämpfende Shugden-Bewegung heimlich finanziert hatte. China unterstützte damit direkt die sektiererischen Pläne eines auf Rache versessenen tibetischen Mönchs.

Ein Shugden-Held erscheint
2017 kam eine buddhistische Nonne mit rasiertem Kopf und in roter Robe in das Bekleidungsgeschäft von Sally Myers in Williams, Arizona. Die Nonne bat, Flugblätter mit einer Einladung verteilen zu dürfen. Sally lehnte dies höflich ab. Die Nonne habe gesagt, es gehe weder um Buddhismus noch um Religion, es gehe nur um Achtsamkeit und Meditation. Aber Sally hatte das Gefühl, dass die Nonne etwas verheimlicht.

Sallys Intuition war richtig. Die Flyer waren keine Einladung zu einer gewöhnlichen Meditationsgruppe, sondern Werbung für eine internationale buddhistische Gruppe namens „Die Neue Kadampa-Tradition“ (NKT). Die 1992 von dem Shugden-Verehrer Kelsang Gyatso gegründete Bewegung wird von vielen für eine Sekte gehalten. Denn er gilt als der berüchtigtste Erzrivale des Dalai Lama. Die Nonne, die in Sallys Laden stand, war niemand anderes als Kelsang Dekyong, die derzeitige weltweite spirituelle Leiterin der NKT.

Im Jahr 2017 baute die NKT einen riesigen Tempel und Wohnmöglichkeiten am Rande von Williams, einer kleinen Stadt an der historischen Route 66. Williams liegt etwa eine Stunde südlich des Grand Canyon und ist durch ihre Lage an der berühmten Route 66 als Stopp äußerst beliebt. Ex-NKT-Mitglieder behaupten, der Tempel sei Kelsang Gyatsos jüngster Vorstoß, den Dalai Lama auf einer globalen Bühne zu bekämpfen und damit die Ehre seiner geliebten Gottheit Dorje Shugden wiederherzustellen.

Ein Kult der unbedingten Verehrung
„Personenkult“, nennt Tenzin Peljor, ein ehemaliges NKT-Mitglied, die Aktivitäten rund um Kelsang Gyatso. Der Erzrivale des Dalai Lama sei eine „narzisstische Persönlichkeit, der sich als Retter des reinen Buddhismus sieht“. Zudem wolle Kelsang Gyatso, dass seine Schüler ihn als den einzig legitimen Anführer sehen, erklärt Geshe Dakpa Topgyal, ein buddhistischer Lehrer und Buchautor, in einer Ausgabe des Magazins Tricycle. „Mir wurde beigebracht, dass nur die NKT reines Dharma hat. Mir wurde beigebracht, dass nur der von Kelsang Gyatso dargelegte Pfad zur Erleuchtung führt“, so ein ehemaliges NKT-Mitglied.

 

Triccycle

 

Es heißt, dass Gyatso, der mittlerweile den Titel eines lebenden Buddha angenommen hat, seinen Anhängern anordnet, nur buddhistische Texte zu lesen, die von ihm selbst geschrieben wurden. Nur diese seien „rein“. Alle buddhistischen Bücher anderer Autoren wurden aus den NKT-Buchläden und -Zentren entfernt. Ex-Mitglieder berichten, dass sie befürchteten, die Lehren mit anderen Büchern zu „verunreinigen“. Außerdem hätten sie Angst, wegen des Lesens anderer Texte in der Gruppe sozial isoliert zu werden. Die NKT-Anhänger glauben, dass alle anderen Formen des Buddhismus „korrupt“ seien und Gyatsos Version die letzte Rettung für den Buddhismus weltweit wäre.

Linda Ciardiello wurde aus einem NKT-Zentrum ausgeschlossen, als sie sich gegen den Ausschluss ihrer Freundin aus der NKT einsetzte. Die Freundin wäre nicht rein gewesen, erfuhr Linda. Als sie sich daraufhin bei der Führung beschwerte, wurde sie zuerst ausgelacht und dann ignoriert. Linda erkannte, dass darin System lag. „Eine ihrer Entscheidungen war es, meine Freundin aus dem Zentrum zu vertreiben, weil sie nicht nur NKT war und daher als ‚negativ‘ angesehen wurde. Meine Freundin war am Boden zerstört, und ich versuchte, sie vor dem Rauswurf zu schützen, was letztendlich dazu führte, dass auch ich vertrieben wurde.“ Schließlich wurde auch Linda ausgeschlossen. Ein ehemaliges NKT-Mitglied berichtet: „Ich habe gelernt, dass das letzte reine Wesen auf der Erde Kelsang Gyatso ist.“

Gyatso hat eine innerbuddhistische Diskussion über eine kleinere Glaubensfrage so zugespitzt und dafür benutzt, um eine Sekte zu schaffen. Er hat den Dalai Lama als „rücksichtslosen Diktator“ und „bösen“ falschen Lehrer bezeichnet, der versuche, ihn und seine Bewegung zu zerstören. Experten sagen, dass seine Anschuldigungen nicht gerechtfertigt sind. Mit einem klar definierten Feindbild, einer Stilisierung als Opfer, mit Ansprüchen auf die Buddhaschaft und der Behauptung, allein über die „reine Lehre“ zu verfügen, hat Gyatso ein erfolgreiches Programm für die Etablierung einer Sekte geschaffen.

Er hat eine mystische, gottähnliche Aura um seine Peron geschaffen. Ein ehemaliges Mitglied sagt: „Die NKT stellt Gyatso als gottgleich dar. Er erklärt sogar, dass er jedes NKT-Zentrum mehrmals am Tag besucht. Mir wurde gesagt, dass er nicht einmal in Flugzeugen fliegen muss, um zu Segnungsfeiern zu gelangen. Er kann einfach auf magische Weise erscheinen. Mir wurde auch beigebracht, wenn ich all mein Vertrauen in Gyatso setze, würde ich nicht nur eine glückliche Wiedergeburt haben, sondern auch meine Familie. Die NKT benutzt den mystischen Gyatso, um die vollständige Kontrolle über ihre Praktizierenden zu haben. Ich für meinen Teil hatte tiefe Schuldgefühle, als ich Fehler in Gyatso sah. Ich wusste einfach, dass ich dafür in die Hölle kommen würde.“ Die Mitglieder werden dazu ermutigt, imaginäre Gespräche mit Gyatso in ihrem Kopf zu führen und ihn sich vorzustellen.

Im Krieg mit dem Dalai Lama
Zwischen 1996 und 2014 gründete Gyatso mehrere Pro-Shugden-Gruppen, die mit NKT-Führern besetzt waren, um bei seinen Reisen in den Westen groß angelegte Proteste gegen den Dalai Lama zu organisieren. Die Fotos zeigen NKT-Mitglieder und leitende Führungskräfte in Roben, die Plakate tragen und Anti-Dalai-Lama-Slogans in den Straßen skandieren. Ehemalige Mitglieder berichten, dass NKT-Anhänger einer Gehirnwäsche unterzogen werden, um zu glauben, dass sie verfolgt und ihrer Religionsfreiheit beraubt werden. 

 

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Kelsang Dekyong, derzeitige spirituelle Leiterin von NKT, bei einer Anti-Dalai Lama Kundgebung.

 

Im Jahr 1997, im selben Jahr, in dem der zu Anfang geschilderte dreifache Mord verübt wurde, schrieb Gyatso einen offenen Brief an den Dalai Lama und kritisierte ihn dafür, dass er Shugden-Anhänger angegriffen und „falsche Informationen“ über ihn und die NKT verbreitet habe. Im Jahr 2008 wandte sich Gyatso dann in einen Brief an seine Anhänger über den angeblichen Versuch des Dalai Lama, sie zu „zerstören“: „Um dieser bösen Aktion Einhalt zu gebieten, werde ich als Vertreter der Western Shugden Society persönlich Demonstrationen direkt gegen den Dalai Lama organisieren. Ich habe Kelsang Pema und Kelsang Thubchen gebeten, diese Aufgabe für mich zu übernehmen, und sie haben zugestimmt. Bitte helfen Sie Pema und Thubchen mit allem, was sie brauchen.“

Aufgrund seiner öffentlichen Aktionen und Proteste gegen den Dalai Lama wurde Gyatso von seinem Kloster exkommuniziert. 1996 veröffentlichte die Leitung des Klosters einen offenen Brief mit dem Titel „Eine Ausschlusserklärung“, in dem Gyatso beschuldigt wurde, eine „rücksichtslose Verleumdungskampagne“ gegen den Dalai Lama zu führen. Darin hieß es, er sei „verbannt“ worden. Gyatso wurde als „Sektenführer“ bezeichnet, der ein „Sektenkönigreich mit fanatischen Anhängern“ führe. Sie forderten das tibetische Volk auf, „jegliche Beziehung zu ihm vollständig abzubrechen“. Die Morde fanden nur sechs Monate später statt.

Die ehemalige ordinierte NKT-Nonne Andrea Ballance zeigt die Heuchelei der NKT, die behauptet, dass ihre Religionsfreiheit durch den Dalai Lama eingeschränkt wird: „Wenn die NKT also für Religionsfreiheit demonstriert, sollten Sie daran denken: Keiner von ihnen hat Freiheit. Man hat ihnen ihre Freiheit systematisch entzogen. In ihrer Welt ist es ein Verbrechen, mit der breiteren buddhistischen Gemeinschaft zu sprechen und Belehrungen von ihr anzunehmen. Das wird mit Verbannung bestraft. Dieses Verbrechen wird als ‚Vermischung von Traditionen‘ bezeichnet. Sie sehen alles außerhalb ihrer Zentren und Lehrer als unrein und gefährlich für ihre Praxis an. Diese Ansichten sind völlig verblendet bis hin zum Fanatismus.“

Gyatsos erster Coup war die Übernahme des tibetisch-buddhistischen Manjushri-Instituts in England. 1977 wurde er von Lama Yeshe eingeladen, hier Präsenzlehrer zu sein. Schon bald gewann er eine große Fangemeinde. Dann erpresste er die Schule und drohte, ein hundertseitiges Dokument zu veröffentlichen, in dem unter anderem behauptet wurde, dass es am Institut Drogenhandel gäbe. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihm, die Einrichtung zu übernehmen und die tibetische religiöse Führung zu entmachten, indem er jeden hinausdrängte, der die Autorität gehabt hätte, ihm Einhalt zu gebieten. Tenzin Peljor erklärt, dass Gyatso sogar einen Lehrer bestach und ihn dafür bezahlte, die Einrichtung zu verlassen. Er wurde dann die höchste Autorität am Institut. Heute dient Manjushri als zentrales Hauptquartier der Neuen Kadampa Tradition.

 

Manjushiri Institute

Das tibetische Manjushri Institut wurde von Kelsang Gyatso übernommen.

 

Heute behauptet Gyatsos Neue Kadampa Tradition, die er 1991 offiziell gegründet hat, über „1.300 Zentren weltweit“ zu verfügen. Die meisten davon sind jedoch tatsächlich keine Tempel oder Gebäude. Fast alle von ihnen sind kleine Gruppen, die sich in Bibliotheken, Gemeindezentren oder Wohnungen treffen. Gyatso ist „nicht mit irgendeiner bekannten Form des Buddhismus oder einer der offiziellen Schulen des tibetischen Buddhismus verbunden“. Und er ist der einzige Tibeter in seiner Abstammungslinie.

Überlebende berichten
„Ich musste mich selbst von meiner Gehirnwäsche befreien“, sagt ein ehemaliges  NKT-Mitglied aus. In den letzten Jahren haben sich viele ehemalige Mitglieder der Neuen Kadampa Tradition über Missbrauch in der Gruppe geäußert. Es gibt drei Facebook-Seiten: „New Kadampa Survivor Activists“ und „New Kadampa Survivor Testimonies“ sowie eine Gruppe namens „Exposing the New Kadampa Tradition“. Demnach finden psychologische Manipulation, Gehirnwäsche, finanzielle Ausbeutung und sexueller Missbrauch unkontrolliert statt.

Die Geschichten der sogenannten Überlebenden ähneln jenen von Sekten. Wer neu einsteigt, erlebt Begeisterung, ja sogar Euphorie. Die Unterstützung der Gemeinschaft zieht viele Menschen an. Mit der Zeit setzt eine Desillusionierung ein. Viele sind traumatisiert und brauchen Monate oder sogar Jahre, um den Missbrauch, die Manipulation und die Gehirnwäsche, die sie erlebt haben, zu überwinden. „Als meine Zeit in der NKT zu Ende ging, dachte ich über diese Erfahrung nach, und langsam dämmerte es mir, dass ich tatsächlich in eine Sekte hineingezogen worden war“, schildert das ehemalige NKT-Mitglied Linda Ciardiello das Geschehene.

Die klinische Psychologin Michelle Haslam, eine ehemalige Bewohnerin eines NKT-Zentrums, verließ die Gruppe und verfasste einen Text mit dem Titel „Ein psychologischer Bericht über die Neue Kadampa Tradition“, den sie als Website ins Internet stellte, um andere zu warnen. Daraufhin startete eine Online-Hetzkampagne gegen sie, die sogar zum Verlust ihres Arbeitsplatzes führte. Einen Tag nach Erscheinen ihres Berichts erhielten ihre damaligen Vorgesetzten E-Mails von angeblichen Psychologen, die ihre psychische Verfasstheit infrage stellten. Das war Rufmord. Doch Haslam ließ sich nicht einschüchtern, sie informiert weiter über Podcasts und YouTube-Videos. Auch andere wurden verleumdet. Eine Rolle dabei spielt der unabhängige Journalist namens „Indy Hack“, der Ex-Mitglieder bedrohte und danach trachtete, durch Rufschädigung ihre Existenzgrundlage zu zerstören.

„Die NKT wendet sich mit ihrer Werbung an Menschen mit psychischen Problemen. In ihr wird behauptet, dass ihre Kurse Menschen helfen, Depressionen und Ängste zu überwinden. Aber sie verstehen gar nichts von psychischer Gesundheit. Sie versuchen, Menschen mit psychischen Problemen zu erniedrigen, um sie verstummen zu lassen und sie zu abzuwerten“, sagt Haslam.

 

ehemalige NKT

Ehemalige NKT Mitglieder beziehen Stellung.

 

Ein ehemaliges Mitglied beschreibt, wie über alle, die die Gruppe verlassen, gesprochen wurde. „Häufig verwendete Bezeichnungen sind ‚psychisch krank‘, ‚stark wahnhaft‘, ‚beschädigte Ware‘ und sogar ‚Maras‘ [Dämonen]. Ex-Mitglieder, die es wagen, ihre Meinung zu sagen, werden dämonisiert. Wir verlieren unsere Menschlichkeit und werden in ihren Augen zu tollwütigen Hunden.“

Einige haben versucht, die Gruppe von innen heraus zu reformieren, sahen sich aber mit Gegenreaktionen konfrontiert. Da Kelsang Gyatso als ein erleuchtetes Wesen gilt, kann seine Wahl der Lehrer nicht infrage gestellt werden, auch wenn sie die Schüler missbrauchen. Ein ehemaliges Mitglied beschreibt, was passiert: „... Menschen, die es gewagt haben, Gyatso infrage zu stellen, wurden aus ihrem Zentrum verbannt. Es reichte bereits aus, einfache Zentrumslehrer zu kritisieren. Viele von ihnen begingen sexuellen Missbrauch. Diejenigen, die es wagten, ihren Lehrer anzuzeigen, gerieten mit großer Wahrscheinlichkeit in Schwierigkeiten. Oft wurde gesagt, sie sollten mit niemandem über den Missbrauch sprechen, sonst könnten sie ihren Glauben verlieren.“

Das bestätigt auch Gabriella Markgraf. „Als ich in der NKT war und wagte, Fragen zu stellen, hieß es, ich habe einen Mangel an Glauben. Ich hörte immer und immer wieder: ‚Du musst Glauben entwickeln‘. ‚Glaube‘ bedeutete in diesem Fall Glaube an Kelsang Gyatso und die NKT-Propaganda. Meine Fragen bezogen sich auf die unaufhörliche Hetze gegen den Dalai Lama durch die NKT und mögliche Probleme der Organisation mit sexuellem Missbrauch.“

Carol McQuire, eine ehemalige ordinierte NKT-Nonne, erklärt die Haltung innerhalb der Gruppe so: „Nachdem bekannt wurde, dass der damals aktuelle, ordinierte stellvertretende spirituelle Leiter der NKT mutmaßlich sexuellen Missbrauch an Nonnen begangen hatte, hatte ich mein letztes Gespräch mit einer NKT-Nonne, die eine Zentrumslehrerin und eine Freundin war. Sie sagte mir, dass im Gegensatz zu uns Gyatsos ‚besondere Zöglinge‘, die Sex mit ihren Schülern hatten, nicht in die Hölle kommen würden.“

Ein älterer Lehrer und angeblich zölibatärer Mönch, Neil Elliot (Gen-la Thubten), wurde wegen sexueller Belästigung gebeten, die NKT zu verlassen. Er kehrte aber wieder zurück, um zu unterrichten. „Es wurde aufgedeckt, dass er sexuelle Beziehungen unter dem Deckmantel einer spirituellen Praxis mit Nonnen, ledigen Studenten und Studenten, die verheiratet waren oder in Langzeitbeziehungen lebten, hatte“, so ein Ex-NKT-Mitglied.

Ein ehemaliger nationaler spiritueller Leiter der NKT, Samden Gyatso, der auch ein angeblich zölibatärer Mönch war, war ebenfalls in einen Skandal verwickelt. Ein Ex-NKT-Mitglied berichtet: „[Er] hatte sehr lange Zeit sexuelle Beziehungen mit vielen Frauen (unter dem Vorwand des Tantra); der einzige Grund, warum er sich entrobt hat (Anm. d. Red.: vom Mönchs- in den Laienstand zurückgetreten), ist, dass eine der Nonnen, nachdem sie von ihm schwanger geworden war, versucht hat, Selbstmord zu begehen; erst dann hat Kelsang Gyatso etwas dagegen unternommen.“

Als die NKT-Mitglieder begannen, den Missbrauch von Samden online zu diskutieren, ordnete Kelsang Gyatso die Schließung aller NKT-Internet-Chaträume an: „Es gibt keinen Grund, öffentlich über dumme Dinge im Internet zu reden. Diskutiert stattdessen Sinnvolles mit unseren reinen Praktizierenden, den leitenden Lehrern. (…) Stoppt diese Art der Aktivitäten.“

Ehemalige Mitglieder berichten, dass die Weigerung von Gyatso und der NKT-Führung, sich mit Machtmissbrauch auseinanderzusetzen, sie noch weiter traumatisiert habe. Die Akzeptanz von Missbrauch sei tief in den Lehrmethoden der NKT verankert, erklärt Haslam: „Ihre Lehren sind Missbrauch ermöglichend. Als ich Bridget Heyes (die nationale spirituelle Leiterin) über den spirituellen Missbrauch berichtete, sagte sie nur, dass es eine Übung sei, Leiden zu ertragen. Karma-Glauben wird benutzt, um dem Opfer die Schuld zu geben und den Fokus vom Täter abzulenken. Wenn alle anderen Methoden, die dem Opfer die Schuld geben, fehlschlagen, greift die Leitung oft auf Nihilismus zurück. Der Verwaltungsdirektor sagte mir: ‚Nichts ist wichtig, das ist es, was Bridget uns sagt.‘ Ich habe erfahren, dass sie im Jahr 2018 eine Safeguarding-Policy verfasst haben, aber ich glaube, dass die Anhänger zu indoktriniert sind, um dieser zu folgen. Sie glauben, dass Missbrauch nur im Kopf existiert“.

Ehemalige Mitglieder berichten auch, dass sie stark unter Druck gesetzt wurden, Geld zu spenden. So flossen mitunter die Ersparnisse eines ganzen Lebens an die Gruppe. Jemand, der gebeten wurde, für die Gruppe einen Kredit aufzunehmen, dies aber nie tat, beschreibt, was einem anderen Mitglied passiert ist. „Sie gab meinem Zentrum eine Kreditkarte unter ihrem Namen. Nachdem mein Zentrum zusammengebrochen war, verlor sie Tausende von Dollars, die sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlen musste. Andere haben ihre ganzen Ersparnisse und sogar ihre Häuser der NKT geschenkt.“

Ein anderes ehemaliges Mitglied berichtete auch über andere Arten des finanziellen Missbrauchs. „Es war üblich, zinslose Darlehen zu geben, etwa für die Renovierung von Gebäuden, für Autos, Statuen oder sogar, damit der ansässige Lehrer an Festen und Segnungsfeiern in fremden Ländern teilnehmen konnte. Leider war es so, je mehr ich gab, desto mehr schien es, dass es nicht genug war. Es gab immer einen Bedarf an etwas.“

NKT-Mitglieder seien auch regelmäßig an „Sozialbetrug“ beteiligt, berichten Ex-Anhänger. Sie würden angewiesen, sich missbräuchlich für Behinderten- und Sozialhilfe registrieren zu lassen, um dann das Geld in die Gruppe zu leiten.

Das Geld wird nicht zur Bezahlung der Mitarbeiter verwendet, da diese nur ein paar Hundert Dollar pro Monat erhalten. Selbst die langjährigen Mitarbeiter bekommen nicht mehr. Stattdessen wird es in den „Internationalen Tempel-Fonds“ von Gyatso geleitet, der Millionen von Dollar verwaltet. Er will in „jeder Stadt der Welt“ einen Tempel errichten, zweifellos um „die moralische Autorität des Dalai Lama auf internationaler Ebene herauszufordern“, schreibt Autor Mike Wilson.

 

NKT Tempel

NKT Tempel in Williams, Arizona

 

Zahlreiche ehemalige Mitglieder beklagen, dass sie überlastet waren und durch ihre Arbeit ausgebeutet wurden. Ein ehemaliges ordiniertes Mitglied, Peter Graham Dryburgh, berichtet von seinen Erfahrungen: „Ich begann zu realisieren, dass ich zusätzlich zu meiner normalen Arbeit von Montag bis Freitag von 9.00 bis 17.00 Uhr, oft bis 2.00 Uhr morgens im Zentrum war und um 5.00 Uhr früh wieder, um den Altarraum für den Tag vorzubereiten. Meine Wochenenden waren voll davon, ‚das Zentrum zu ehren‘. Ich verlor alle Freunde (und wurde dazu sogar ermuntert, da sie dem Pfad gegenüber negativ eingestellt waren), die nicht mit der NKT verbunden waren. NKT wurde mein ganzes Leben, meine Welt, jeder Augenblick des Wachens und Schlafens.“

Die Ausbeutung der Mitglieder ist Teil der Bemühungen der NKT, ihre Lehren zu verbreiten, sagen ehemalige Mitglieder: „Je weiter man in den inneren Kreis der NKT vorstößt, desto stärker wird man – im Namen der Erleuchtung – in die gegenteilige Richtung dessen geführt, worum es eigentlich gehen sollte. Und man merkt nicht einmal, dass es geschieht. Bis es zu spät ist.“

Wo ist Kelsang Gyatso?
Einer der seltsamsten Aspekte dieser Geschichte ist das Verschwinden des NKT-Gründers Kelsang Gyatso. Er wurde seit 2013 nicht mehr gesehen. Die Senior-Mitglieder behaupten, er habe sich zurückgezogen, um zu schreiben. Einige ehemalige Mitglieder glauben jedoch, dass die jüngsten Bücher tatsächlich von einem Ghostwriter, einem Senior-Mitglied der NKT, geschrieben wurden. In Wahrheit soll Gyatso entweder schwer krank oder gestorben sein. Man sagt, dass die NKT diese Informationen unterschlägt und vertuscht, weil es schwieriger ist, neue Mitglieder zu rekrutieren, wenn der allmächtige Guru krank oder tot ist oder Schwäche zeigt. Dies sei nicht gut fürs Geschäft.

Als ich den NKT-Tempel in Williams besuchte, erzählte mir der Bildungsdirektor, dass Kelsang Gyatso zu ihrer jüngsten Großveranstaltung kommen sollte, aber seine Reise musste abgesagt werden, weil sie „den Waldrand nicht sichern konnten“. Sie sagte, sie befürchten, dass er ermordet werden könnte. Ich war überrascht über eine solche Erklärung. Sie war sehr paranoid. Dass er getötet werden könnte, schien mir übertrieben. Als Kelsang Gyatso noch an solchen Veranstaltungen teilnahm, wurde das Sicherheitspersonal angewiesen, kugelsichere Westen zu tragen und Kugeln für ihren Guru abzufangen. 

 

KelsangGyatso

Einer der vielen Statuen von Kelsang Gyatso die er errichten ließ. In jede Statue muss eine Haarsträhne eingearbeitet werden, damit die Statue als „rein“ gilt.

 

Die NKT-Führung könnte das Rätsel leicht lösen, zum Beispiel indem sie ein aktuelles Foto oder Video von ihm veröffentlichten: Geoffrey Bonn, ein ehemaliges ordiniertes NKT-Mitglied, schreibt: „Sie setzen Gaslighting (psychische Gewalt durch Manipulation und gezielte Desorientierung) und Gatekeeping (Anmerkung der Redaktion: Manipulation von Information) ein und instrumentalisieren den Glauben; jeden Trick der psychologischen Manipulation aus dem Lehrbuch für Sekten – und alles in Buddhas Namen.“

Viele der klassischen Elemente einer Sekte sind in der Neuen Kadampa Tradition vorhanden: ein charismatischer Lehrer, der Gegenstand der Verehrung ist, finanzieller Druck, Verhaltenskontrolle, Gehirnwäsche, Kontrolle darüber, was die Mitglieder lesen, die Dämonisierung ehemaliger Mitglieder, die Unterdrückung abweichender Meinungen, psychologischer und sexueller Missbrauch und vieles mehr. Kelsang Gyatso hat im Dalai Lama auch einen klaren äußeren Feind geschaffen, der angeblich versucht, ihn und die NKT zu zerstören. Darüber hinaus wird NKT-Mitgliedern erzählt, dass Gyatso in Gefahr ist, ermordet zu werden.

Haslam meint, dass die NKT irreführendes Marketing und spirituelle Praktiken als Tarnung für ihre Sektenambitionen benutzt. „Sie behaupten fälschlicherweise, dass sie Achtsamkeit lehren. Tatsächlich lehren sie Gedankenkontrolle, Irrglaube, Emotionskontrolle, Spiritual Bypassing (Anm. d. Redaktion: Nutzung spiritueller Ideen und Praktiken, um ungelöste emotionale und psychologische Probleme und unvollendete Entwicklungsaufgaben zu umgehen oder zu vermeiden) und Visualisierung. Was sie behaupten, ist, dass Kontemplationsmeditation in Wirklichkeit Hypnose ist. Ihre Praktiken sind das Gegenteil von Achtsamkeit nach westlicher Definition.“

Wir wissen aus der Geschichte, dass es für Gruppen wie diese sehr schwierig ist, sich wirklich zu verändern. Gabriella Margraf, ein weiteres ehemaliges Mitglied, hofft dennoch, „dass die NKT eines Tages ihren Weg ändern und die offene, demokratische Organisation werden wird, die sie zu sein vorgibt. Dass sie Sicherheitsvorkehrungen einführt und sich um ihre alternde, arbeitende, ordinierte Sangha sorgt. Dass sie sich um ihre Leichen im Keller kümmert, insbesondere im Hinblick auf die Menschen, die von der Organisation schikaniert, ausgebeutet und missbraucht wurden“. Michelle Haslam ist jedoch nicht sehr optimistisch: „Die jüngsten Angriffe auf mich selbst haben gezeigt, dass die NKT weiterhin hinterhältige Methoden entwickeln wird, um das Bild über sie zu kontrollieren, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube nicht, dass sie jemals zugeben werden, dass sie ihre Anhänger getäuscht haben.“

Übertragung des englischen Originalberichts von Be Scofield durch die U\W-Redaktion. Zum englischsprachigen Original geht es hier lang.

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