Diskurs

Haemin Sunim ist Autor zahlreicher Bestseller und als ‚Twitter­Mönch‘ weltbekannt geworden.

Es gibt viele Bücher über Buddhismus, Meditation oder Achtsamkeit und noch mehr über Lebenshilfe. Was ist Ihr Fokus in dem Buch ‚Die Liebe zu den nicht perfekten Dingen‘?
Die Bücher sind aus meinen Online- und Offline-Kontakten heraus entstanden. Ich lerne dabei viel über die Probleme, die die Menschen in ihrem Alltag so haben. Beispielsweise, wenn mir eine alleinerziehende arbeitende Mutter von ihrer Situation mit zwei kleinen, schreienden Kindern daheim erzählte. Ich spüre, dass es keinen Sinn hat, den Menschen mit buddhistischer Philosophie oder Meditationserfahrungen zu kommen, wenn sie mit ganz anderen, ‚realen‘ Schwierigkeiten in ihrem Leben zu tun haben. Dieser Ansatz ist es vielleicht, der meine Bücher von anderer buddhistischer Literatur unterscheidet.

Wie wichtig ist für Sie Achtsamkeit?
Wann immer ich meine Aufmerksamkeit auf das richte, ‚was achtsam ist‘, verbinde ich mich mit meiner Buddha-Natur hier und jetzt. Anders gesagt beginnt die Zen-Praxis in dem Moment, wo wir uns fragen: Was ist dasjenige in uns, das achtsam ist? Können wir unsere Achtsamkeit nicht auf einen bestimmten Gegenstand wie eine Wahrnehmung, ein Gefühl oder einen Gedanken richten, sondern auf die Achtsamkeit selbst? Können wir dessen gewahr sein, was in uns hier und jetzt achtsam ist? Können wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten in dem Sinne, dass wir beispielsweise achtsam sind auf das, was hinter unseren Augen vorgeht, während wir diese Worte lesen, die hier geschrieben sind?

Was bringt es?
Der Hauptgedanke ist, dass wir lernen können, uns selbst und andere zu lieben – allen Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten zum Trotz. Ich beschäftige mich in dem Buch damit, wie wir uns selbst und die anderen akzeptieren lernen, wie wir uns und den anderen vergeben und mit Liebe und Mitgefühl begegnen können und wie wir Schwierigkeiten mit unseren Nächsten, wie etwa unseren Arbeitskollegen, lösen. Ich gehe darin auch auf spirituelle Praktiken ein und schildere meinen eigenen diesbezüglichen Weg.

Sie sagen, dass man nicht perfekt zu sein hat, aber ist so eine Einstellung nicht auch zutiefst unbefriedigend?
Ich will damit keineswegs darauf hinaus, dass wir uns nicht bemühen sollen, in dem, was wir tun, gut zu sein – in der Arbeit und sonst auch. Ganz im Gegenteil. Andererseits sollten wir aber aufpassen, dass wir keine neurotischen Perfektionisten werden, die ihre eigene Gesundheit beziehungsweise ihre menschlichen Beziehungen aufs Spiel setzen, nur um etwas exakt so zu erreichen, wie wir es uns vorgenommen haben. 

Haenim Sunim

Wie sonst?
Die Wahrheit ist: Einem anderen ist das letzte kleine Detail, hinter dem Sie obsessiv her sind, vermut lich ziemlich egal. Aber ich habe viele Menschen gesehen, die Stunden um Stunden damit verbrachten, einen bestimmten Grad an Perfektion zu erzielen, den sie sich selbst als Maßstab gesetzt hatten. Das geht oft nach hinten los, so dass sie die betreffende Arbeit auf die lange Bank schieben, nur um ja keinen Fehler zu machen. Ich denke, wir können produktiver, glücklicher und gesünder sein, wenn wir einige unserer Vorstellungen von Perfektion ‚loslassen‘.

Was war eigentlich der rote Faden Ihres ersten Buches ‚Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst‘?
Dass wir uns unseres Lebens mehr erfreuen können, wenn wir es etwas langsamer angehen. Wir können die Menschen, die wir lieben, nur wirklich sehen, wenn wir nicht gerade mit etwas anderem beschäftigt sind. Wir können uns nur dann am Geschmack von gutem Essen erfreuen, dankbar für die vielen wunderbaren Dinge im Leben sein und vieles mehr, wenn wir bei der Sache sind. Ich hoffe, dass das Buch viele Menschen in ihrem Herzen anspricht.

Sind Ihre Bücher ‚Weisheitsbücher‘ oder wurzeln sie in der buddhistischen oder Zen-Tradition?
Sicher Letzteres. Auch wenn ich nicht in allen Kapiteln über Zen oder Achtsamkeit spreche, entspringen meine Einsichten doch dieser Praxis. Als jemand, der viele Jahre lang die Religionen der Welt studiert und das auch an einem US-College unterrichtet hat, glaube ich, dass die Religionen vieles gemeinsam haben. Wenn Sie Buddhist in der Mahayana-Tradition sind, wissen Sie, dass alle Bezeichnung und Form wesenhaft leer ist. In gleicher Weise hoffe ich, dass meine Bücher über das bloße Label hinausgehen und für Menschen verschiedenen Glaubens und unterschiedlicher Ausrichtung hilfreich sein können.

Wie sieht Ihre eigene spirituelle Praxis aus?
Ich liebe es, in der Natur spazieren zu gehen, und tue das jeden Tag mindestens eine Stunde lang. Meine spirituelle Praxis liegt in erster Linie darin, mir die Buddha-Natur hier und jetzt bewusstzumachen. Ich bezeichne das als Zen-Praxis – aber man findet es auch anderswo: etwa im tibetischen Buddhismus als Dzogchen oder bei großen Lehrern der Einsichts-Meditation wie Ajahn Chah, der vom Geist als von ‚demjenigen, das weiß‘ sprach. Wenn der Geist so ruhig ist, dass kein Gegenstand übrigbleibt, dessen man sich bewusst sein kann, dann, so meinte er, werde man sich schließlich des dahinterliegenden, des ‚wissenden‘ Bewusstseins bewusst. Das Subjekt wird sich somit des Subjekts selbst bewusst. Beachten Sie, dass es sich dabei um das absolute Subjekt handelt – und man auf dieser Ebene dann auch nicht mehr von Objekt sprechen kann.

Zwei der Grundgedanken des Zen sind: Im gegenwärtigen Moment zu leben und die Suche nach Satori, spontaner Erleuchtung. Wie denken Sie darüber?
Wenn wir wirklich im gegenwärtigen Moment sind, hört unser Geist zu arbeiten auf. Doch er widersetzt sich dieser Gegenwart und will sie ändern – und kommt dadurch erneut in Bewegung. Sie sehen, es ist sehr schwierig, wirklich im Hier und Jetzt zu leben. Selbst wenn Sie es ganz bewusst versuchen, werden Sie feststellen, dass Sie sich gerade dadurch davon entfernen. Irgendwann geben Sie es auf, in der Gegenwart sein zu wollen. Sie drücken sozusagen die Stopptaste und tun gar nichts mehr. Und dann kann etwas Bemerkenswertes geschehen.

Und zwar?
Sie erleben absoluten Frieden und erwachen zur Erkenntnis des formlos leeren und zugleich leuchtenden, sprich ‚wissenden‘ Wesens Ihres eigenen Geistes. Dieser ist überall und zugleich noch ‚ungeboren‘. Anders gesagt ist das wahre Wesen unseres Geistes nicht auf unseren Körper beschränkt, sondern es ist eher so, dass das gesamte Universum in dem erwähnten absoluten Frieden enthalten ist, der die Qualität des ‚formlosen Wissens‘ hat.

Sie sind sowohl im Osten als auch im Westen sehr populär. Ganz generell gesagt: Reagieren die Menschen im Osten anders auf Ihre Gedanken als im Westen?
Ich glaube schon, dass sich die Menschen über andere Dinge Sorgen machen, je nachdem, wo sie leben. Ganz schematisch gesagt scheinen die Menschen in den asiatischen Kulturen immer in Sorge zu sein, wie andere über sie denken. Sie haben Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Im Westen hingegen ist es anders. Den Leuten sind vor allem ihre individuelle Freiheit und ihre ganz persönliche spirituelle Erfahrung sehr wichtig. Grundsätzlich sehe ich aber schon mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen den Menschen. Vor allem kapitalistische Gesellschaften haben wirklich sehr vieles gemeinsam! Wo und wie leben Sie heute? Sunim: Ich habe ein Zen-Zentrum in Seoul gegründet und wohne dort in der Nähe. Ich bin nach wie vor Mönch und habe keine eigene Familie. ‚Sunim‘ ist übrigens ein koreanischer Mönchstitel. Ich habe rund zehn Jahre in einem buddhistischen Tempel gelebt und ziehe mich immer wieder zu Zen-Retreats in ein Kloster zurück.

Sie haben 1,17 Millionen ‚Follower‘ auf Twitter und folgen selbst fast 56.000 Menschen. Wie schaffen Sie das?
Als ich mit dem Tweeten begann, wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, wie man es macht. Ich dachte, dass ich denen folgen müsste, die mir folgen, denn wer war ich denn, dass mir andere folgen sollten, ich ihnen aber nicht? Daher wollte ich höflich sein und folgte so vielen Menschen wie möglich, ohne zu bedenken, wie viele Tweets sie wiederum absetzten. Das mache ich jetzt nicht mehr.

Ist es nicht eine gigantische Ablenkungsmaschine?
Man kann das nicht alles lesen. Ich schaue nur nach, ob jemand etwas getweetet hat, das mich angeht, alles andere lasse ich bleiben. Wie Sie sagten, kann Twitter zu einer Zeitvergeudungsmaschine werden, wenn man sich allzu sehr hineinbegibt. Ich gehe jetzt sehr sorgsam mit meiner Zeit um.
Wo leben Ihre Follower? Sunim: Viele auf jeden Fall in Südkorea. Daneben hat sich mein erstes Buch vor allem in Großbritannien, in den Niederlanden, den Vereinigten Staaten, in Deutschland und Österreich sehr gut verkauft. Als ich im August am Amsterdamer Flughafen sah, dass mein erstes Buch immer noch auf der Bestsellerliste stand, war ich verblüfft, denn es war bereits mehr als ein Jahr davor erschienen.

Warum ist Ihr neues Buch zuerst in deutscher Sprache erschienen, ehe es – im Dezember dieses Jahres – auch auf Englisch herauskommt? In wie viele Sprachen sind Ihre Bücher übersetzt worden?
Als ich im Vorjahr zu Vorträgen nach Deutschland kam, erwarb mein deutscher Verleger die Buchrechte und engagierte Ki-Hyang Lee für die deutsche Übersetzung, so dass nicht erst auf eine Übersetzung aus dem Englischen gewartet werden musste. Daher ist die deutsche Übersetzung meines Buches die erste weltweit. Es wird zunächst in zehn weiteren Sprachen erscheinen, andere werden voraussichtlich folgen. Mein erstes Buch ist bis jetzt in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden.

Ich habe auf Ihrem Twitter-Konto folgende treffende Bemerkung gelesen: „Wenn ich die Haltung der meisten Menschen in ein paar Worten zusammenfassen sollte, würde ich sagen: ,Endloser Widerstand gegen das, was ist.‘ Würde ich die Haltung von erleuchteten Menschen kurz zusammenfassen, wäre es: ,Vollständiges Annehmen dessen, was ist.‘“ Ist das von Ihnen?
Ja, das ist aus meinem ersten Buch. Ich hoffe, Sie haben Gelegenheit, es zu lesen. Vielen Dank für das Gespräch.

Haemin Sunim wurde 1973 in Südkorea geboren. Er studierte in Berkeley, Harvard und Princeton und unterrichtete einige Jahre asiatische Religionen an einem College in Massachusetts. Nach seiner Rückkehr wurde er im Haein­Kloster als Zen­buddhistischer Mönch ordiniert. Vor einigen Jahren begann Haemin Sunim zu twittern und hat aktuell 1,17 Millionen ‚Follower‘. Weltbekannt wurde der Zen­buddhistische Lehrer und Vortragende mit seinem Buch ‚The Things You Can See Only When You Slow Down. How to be Calm in a Busy World‘ (auf Deutsch ‚Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst‘, 2017), das in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde und sich drei Millionen Mal verkaufte. Haemin Sunim ist Gründer der ‚School of Broken Hearts‘ in Seoul, einer wohltätigen Organisation, die Menschen in schwierigen Situationen
Beratung und Meditationsklassen bietet.
 
Fotos © Joerg Schulz Chuck Knox Photography
 
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