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Überlegen wir gemeinsam: Was macht eine menschen-, natur-, lebensfreundliche Stadt aus?

Heute früh radelte ich zum nächstgelegenen Freibad. Ich hatte hin und wieder in der Tagespresse gelesen, dass dort Reparaturarbeiten gemacht werden mussten, und orientierte mich deshalb auf der Website des „Friesi“ – so heißt das kleine Bad in Friesdorf –, ob und wann es geöffnet sei. Hocherfreut machte ich mich auf den Weg, mit dem Fahrrad, erfreut und stolz, denn die Schwimmsaison hatte für mich noch nicht begonnen. COVID, viel Arbeit und eine Operation stellten sich gegen meinen Lieblingssport. Schon beim Näherkommen ahnte ich es: Es war geschlossen. Ein freundlicher Mensch im Testzelt gab Auskunft: Ja, leider. Manchmal fragten ihn Kinder, die mit dem Bus gekommen waren, warum das Schwimmbad geschlossen sei. Es gibt übrigens auch kein Schild, deutlich lesbar, mit Angaben zu den Öffnungszeiten.
Das Eiscafé am Platz und der Bioladen mit herrlichem Garten waren auch geschlossen.
Frustriert drehte ich mein Fahrrad wieder in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Was ist eigentlich los mit unserem Gemeinsinn? Hat der sich erledigt? Seit Jahren fällt mir auf, wie öffentliche Büchereien verschwinden oder deren Öffnungszeiten reduziert werden. Andauernd scheint es Skandale, Diskussionen, Baustellen, Bürgerinitiativen zu Schwimmbädern zu geben. WAS IST LOS? Es ist nicht mehr normal. Dabei ist Hochsommer, unsere Kinder und Enkelkinder lechzen nach bezahlbarem Vergnügen, ganz abgesehen davon, dass Schwimmenlernen und -üben, Tauchen, Springen und vielleicht auch Retten zum Einmaleins von Kindern gehören sollten. Abgesehen davon, dass viele Familien und Alleinerziehende sich keine andere Art von Urlaub leisten können. Ich gehörte mal zu den Frühschwimmern und würde als Seniorin, auch im Winter, gerne wieder anknüpfen. Dieses Theater! Entweder das Schwimmbad muss repariert werden, oder man findet keine Bademeister oder man will ein teures Projekt in Dottendorf oder Pennenfeld bauen.

Wer denkt noch an: Kinder, junge Familien, ökonomisch Schwache, Senioren, Geflüchtete, körperlich oder geistig eingeschränkte Menschen? Wir brauchen ein StadtteilLEBEN und -ERLEBEN, um unsere Sinne und das Potenzial unseres Mitgefühls zu entfalten. Wir brauchen Tiere, Gemeinschaftsgärten, gemeinschaftsfördernde Räume und Projekte, in denen demokratisches Miteinander in Sport, Spiel, Politik und künstlerisches Tun einfach gelebt und so geübt werden können. Wir brauchen Bürger*innen-Treffen, mit Jugendlichen und Kindern, in denen unsere Gemeinschaftsanliegen diskutiert werden können, exzellent moderiert und ohne „Guru“ in „der Bütt“. Wir brauchen auch Räume mit Laptops für diejenigen, die etwas Neues üben wollen und/oder die, die sich diese teuren Spielzeuge und Prestigeobjekte (denn das sind sie AUCH!) nicht leisten können oder wollen.

Ich möchte begehbare Wiesen, Basketballkörbe, Kletterbäume, Feuerplätze, Skate- und Rollschuhbahnen, Angebote zum Spielen jeder Art. Zum Reparieren von Altem, um nicht immer wegzuwerfen. Bänke und Tische, an denen man kostenfrei sitzen, arbeiten oder spielen kann und sein eigenes Brot und eine Thermosflasche auspacken darf. Und bitte nicht aus Metall! Diese Unsitte entwerfen nur Leute, die sich nie auf solche Plätze setzen, die kalt und unbequem sind. Nicht jede*r kann und will sich Starbucks leisten.

Gemeinschaft

Also, überlegen wir gemeinsam: Was macht eine menschen-, natur-, lebensfreundliche Stadt aus?

Ich habe noch etwas sehr Wichtiges vergessen: Gemeinsame Rituale! Nachdem wir erkennen müssen, dass unsere Geistlichen, in ihrer Gesamtheit gesehen, weder etwas von Aufrichtigkeit, Demokratie noch von Opferschutz, Wahrheitskommissionen, die den Namen verdienen, Täter-Opfer-Ausgleich halten und verstehen, würde ich Kinder nicht mehr ohne Weiteres zu kirchlichen Aktivitäten schicken. Es sei denn, ich habe mit eigenen Augen und Ohren wahrgenommen, wie genau sich des Themas Machtmissbrauch angenommen wurde und wird. Mit Kindern, Jugendlichen dabei, je nach Kontext. Es ist eine solche Schande!

Jedoch Räume, um Freude und Trauer zu feiern, sollten da sein, und zwar weitaus mehr, als wir dachten! Auf jede Kirche in Bonn bitte einen RAUM DER STILLE bereitstellen, von Bürgerinnen und Bürgern, MIT Kindern, Jugendlichen, selbst ausgestattet und gepflegt. Ja, von allen, die etwas beitragen möchten, gepflegt. Ich selber würde Meditation in verschiedenen Varianten anbieten. Für alle Zielgruppen. Ja, ins Gefängnis würde ich auch wieder gehen. Und lasst uns bitte darauf achten, dass Menschen anderer Religionszugehörigkeit und Atheisten sich darin wohlfühlen können. COVID und der Krieg zeigen uns, dass die Zeit von Nationalitätentrennung und Trennung der Religionen vorbei sein muss. Was nicht heißt, dass wir das Eigene nicht pflegen sollten. Es soll lediglich heißen, dass wir ein auch kontemplativ ausgerichtetes Gemeinschaftsleben visualisieren, einüben, nähren.

Diese Räume der Stille wären die Akupunkturpunkte jeder Gemeinschaft. Es gibt sie schon, manche finden sich auch in Kirchen, Klöstern, Tempeln, Wohnzimmern. Jedoch brauchen wir mehr, viel mehr und mehr Experimentierraum und Experimentierfreude. Auch gerne KLÖSTER und klosterähnliche Angebote, zum tiefen Auftanken über längere Zeiträume. Mit Kinderbetreuung.

Was ich in dieser Nach-Lockdown-Zeit beobachte, ist oft das Gegenteil. Unentwegt werden Zahlen heruntergebetet, kaum ist eine Angst bewältigt – was für eine große Leistung! –, wird die nächste, z. B. vor dem Herbst, den Gaspreisen, allen Preisen, den nächsten Sommern usw. geschürt. Bitte, Leute, denkt an die Kinder und jungen Erwachsenen. Alle lernen gerade so vieles, wir sollten einander anspornen, nur noch die besten und tiefsten Quellen von Nachrichten hören, sehen und lesen. Uns auf das Neue konzentrieren und aufbauend wirken. Es gibt immer noch sehr viel Schönes zu erleben, zu geben, zu schaffen. Mögen wir in Dankbarkeit leben und jeden Tag wie den ersten und letzten Tag zugleich begrüßen.

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Monika Winkelmann

Monika Winkelmann

Monika Winkelmann, geboren 1952, Mutter einer erwachsenen Tochter, geschieden seit 2019, hat 1980 mit 28 Jahren ihr erstes Meditationswochenende in Hamburg besucht. Diese tiefgreifende Erfahrung sowie ihr Leben als Alleinerziehende der Tochter Lisa, geb. 1984,  bewirkten, dass sie viele Jahre a...
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