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Ananda war der Cousin und Lieblingsjünger von Shakyamuni Buddha. Ananda ist ein Sanskritwort und bedeutet „Abwesenheit von Unglück“ bzw. „Freudige Glückseligkeit“. Schmerz versunken im Meer freudiger Glückseligkeit. 

Schmerz versinkt im Ananda Meer1„Schmerz versinkt im Ananda-Meer“ Kalligraphie von Friedrich Meixner gest. 2020

Manch einer mag meinen, dass die Abwesenheit von Unglück schon genügt: in Frieden mit sich selbst die Gegebenheiten nehmen wie sie sind.Im normalen Alltag ist das schon eine schwierige, stete Übung - besonders in der gegenwärtigen Zeit.

Geboren werden immer die anderen. Schließlich war man bei seiner eigenen Geburt nicht wirklich dabei. Auch das Sterben betrifft meistens die anderen. Erst wenn das Sterben näher rückt, weil im engeren Kreis liebe Menschen plötzlich sterben, kommt es wie eine Ahnung, dass es auch uns selbst treffen könnte.

„Zen ist eine Sache auf Leben und Tod“. Beim Zazen geht nicht nur um die Einübung des „Dai Shi“, des „Großen Todes“ des sogenannten „kleinen Ich“. Auch das Bereitsein zum tatsächlichen Sterben gehört unbedingt in diese Einübung. Einseitigkeit ist immer eine Reduktion. Eva hat in einem ihrer Teisho einmal gesagt, „wenn das Rad sich dreht, dreht es sich immer gleichzeitig in zwei Richtungen.“

Wandern durch goldene Felder

Sie war Armenierin, so um die 60. Ich nenne sie hier Anouch, ein armenischer Mädchenname. Er bedeutet „die Unsterbliche“. Sie war alleinstehend. Anouch‘s Eltern waren durch den von den Türken durchgeführten Genozid, auf dem Todesmarsch durch die Wüste umgekommen. Wie durch ein Wunder überlebte sie, kam auf verschlungenen Wegen nach Österreich, erlangte im Laufe der Jahre die österreichische Staatsbürgerschaft und arbeitete bis zum Schluss in Wien bei einer großen internationalen Organisation.

Wir lernten einander kennen als ich im Rahmen meiner psychotherapeutischen Tätigkeit beim mobilen Hospiz der Caritas arbeitete. Anouch litt an einem bösen Tumor, der bereits metastasierte. Sie war schon auf der letzten Wegstrecke unterwegs.


Sie empfing mich jedes Mal mit einem bezaubernden Lächeln und einem frisch gemachten armenischen Kaffee. Man merkte es ihr nicht gleich an, dass sie schon mehrere Chemotherapien inklusive Bestrahlungen hinter sich hatte. Die Ärzte hatten ihr angeboten sich einer weiteren Chemotherapie zu unterziehen und sie war sich unklar, ob sie sich das noch einmal antun wollte.
Anouch war sich aber bewusst, dass sie „gehen würde“. Wir dachten gemeinsam über die Frage nach und sie entschied sich gegen eine weitere Therapie.
Man sagt, dass im Augenblick des Todes das eigene Leben in Sekundenschnelle vor dem eigenen Geist vorüberzieht.
Nun ergab es sich aber ganz von selbst, dass durch unser Gespräch ihr Leben begann langsam an unser beider Augen vorüber zu ziehen. Es war reich und schön. Es war grausam und hart. Es war lustvoll und asketisch. Am Ende blieb sie allein, es gab keine Angehörigen.
Als es auserzählt war, blieb nichts mehr als das „Gehen“.
Religion spielte nie eine große Rolle in ihrem Leben. Sie wünschte sich, dass, wenn die „Glocke“ läutet, ihr Sofa auf den Balkon geschoben würde, sodass sie die Sonne und den Himmel sehen könnte.
Einem Impuls folgend fragte ich Anouch: „Gesetzt der Fall, es gibt ein Jenseits, was würden Sie sich wünschen, wenn sie dort ankommen?
„Ich sehe mich an der himmlischen Tafel sitzen und ich bekomme mein Lieblingsgericht.“
Sie lachte dabei herzlich, als sie dieses für sie selbst überraschende Bild beschrieb.
Die letzte Wegstrecke wurde sehr hart und Anouch wurde schnell schwächer. Doch dieses Bild der himmlischen Tafel, in das wir uns immer wieder vertieften, wurde ein friedensstiftender Trost. Dies und ihre verlebendigte Lebenserzählung leitete Anouch in
einen tiefen Frieden der Versöhnung.
Ihr Leben verwandelte sich in ein „Wandern durch goldene Felder“ und alles Erleben hatte darin seinen Platz. Was aber blieb waren die „goldenen Felder“, die in mir bis heute nachwirken.
Mein Versprechen bei ihr zu sein, wenn die „Glocke“ läutet, konnte ich nicht einhalten.
Die „Glocke“ läutet meistens überraschend und das Wandern ist vorbei. Es war auch nicht auf dem Sofa unter freiem Himmel, sondern in einem Spitalsbett. Letztlich haben wir keine Wahl.
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue: manches hätte ich wohl nicht gebraucht und manches hätte ich wohl einfach anders oder besser gar nicht gemacht. Jedoch vieles oder besser – das meiste von Gutem wurde mir geschenkt. So gehört doch alles zusammen. Und in der Rückschau ist es wie ein „Wandern durch goldene Felder“.


Mögen wir in diesen Tagen so oft wie möglich durch „goldene Felder“ wandern.


Henry Vorpagel

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