Achtsamkeit & Meditation

Die Neurobiologie der Sucht – kann Achtsamkeit helfen?

Lernen, sich anstrengen, arbeiten – was den Menschen antreibt, ist das ständige Verlangen nach Belohnung: durch eine gute Note, ein höheres Gehalt oder mehr Anerkennung. Auslöser dafür ist das Belohnungssystem. Entwickelt hat es sich, um zur Selbsterhaltung und zur Erhaltung der Art zu motivieren, indem man Nahrung sucht und sich fortpflanzt. Doch den modernen Menschen verleitet das Belohnungssystem auch dazu, sich von manchen Dingen, die schaden, zu viel einzuverleiben: von Zigaretten, Alkohol, Kokain und andere Arten von Suchtmitteln.

Die Drogen wirken durch unterschiedliche Mechanismen und auf verschiedene Rezeptoren im Gehirn. Allen ist gemein, dass sie das Belohnungssystem mithilfe des Botenstoffs Dopamin aktivieren – und zwar deutlich stärker als alle natürlichen Belohnungen, die wir kennen. Das Gehirn merkt sich, welche Stoffe eine besondere Belohnung ausgelöst haben. Es setzen komplexe neuronale Anpassungsprozesse ein, und das Gehirn verändert sich nachhaltig.

Professor Falk Kiefer forscht an der Universität Heidelberg zur Neurobiologie der Sucht und leitet die Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). Er vergleicht das Suchtverhalten gerne mit den Eigenschaften eines Klavierspielers. Dieser reagiert ganz intuitiv auf ein vor ihm liegendes Notenblatt mit Empfindungen und Fingerbewegungen, ohne dies bewusst zu steuern. „Suchtverhalten kann auch nach langer Abstinenz abgerufen werden, so wie auch ein Klavierspieler trotz jahrelanger Pause nicht neu lernen muss, sondern an die gelernten Fähigkeiten anknüpft“, erklärt der Forscher.

Die kognitive Kontrolle nimmt ab

Auf dem Weg zur Sucht sind mehrere Schritte bedeutsam. Zunächst entsteht eine Gewöhnung an die Gefühle der Leichtigkeit und Euphorie, welche die Substanzen auslösen. Diese Gewöhnung wird im Fachjargon als Habituation bezeichnet. Gleichzeitig wird der Suchtkranke immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffs in Verbindung stehen, zum Beispiel der Anblick eines Bierglases. Immer wieder wird er an das schöne Gefühl beim Konsum der Droge erinnert und möchte dem Verlangen nachgeben. Dies wird als Sensitivierung oder „Habit-Bildung“ bezeichnet. Da gleichzeitig eine Toleranzentwicklung einsetzt, reicht dem Suchtkranken die Dosis vom letzten Mal nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu hervorzurufen – er muss immer mehr konsumieren.

Neurowissenschaftlerin Sabine Vollstädt-Klein forscht am ZI an den Veränderungen im Gehirn, die bei diesem Prozess auftreten: Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung sei das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems, erklärt die Forscherin.

Während der präfrontale Cortex dafür verantwortlich ist, dass wir in unterschiedlichen Situationen zielgerichtet handeln können, hier sind also die Vernunft und die Kognition angesiedelt, entstehen unsere Emotionen, insbesondere Freude, vor allem im mesolimbischen System. Auch das Belohnungssystem ist hier lokalisiert. Der präfrontale Cortex interagiert intensiv mit diesen Netzwerken. So kann er zum Beispiel eine kognitive Kontrolle über impulsives Verhalten oder Automatismen, die aus dem Belohnungssystem heraus entstehen, ausüben. Diese Prozesse werden auch als Top-down-Hemmung bezeichnet.

„Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen“, erklärt Sabine Vollstädt-Klein. „Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt. Die kognitive Kontrolle nimmt dann ab!“ Reflexe, Gewohnheiten und drängendes Verlangen nehmen überhand.

Sucht

Achtsamkeit kann helfen, Kontrolle zurückzugewinnen

Umkehren lassen sich diese Mechanismen kaum. „Das Gehirn hat keine Löschfunktion“, gibt Falk Kiefer zu bedenken. „Aber man kann neue Dinge lernen, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen.“ Auch nach längerer Abstinenz könnte es jedoch immer wieder Situationen geben, die das Suchtverhalten reaktivieren, erklärt Falk Kiefer. „Abstinenz ist, so gesehen, ein Prozess, in dem immer wieder aufs Neue eine bewusste Entscheidung für die Abstinenz getroffen werden muss.“

Um die Patientinnen und Patienten bei diesem Prozess zu unterstützen, setzen Suchttherapeuten inzwischen auch vermehrt auf Achtsamkeitsmeditationen. An der University of Washington entwickelten Forschende dafür das Mindfulness-Based-Relapse-Prevention-(MBRP)-Programm. Es besteht aus acht Sitzungen, in denen die Patienten verschiedene Meditationsformen lernen und sich mit Selbstfürsorge und dem Verhalten in Rückfallrisikosituationen auseinandersetzen. Dr. Sirko Kupper, leitender Psychologe an der Oberberg Fachklinik Weserbergland, sieht das Programm als eine gute Ergänzung zu bereits etablierten Psychotherapieverfahren.

„Durch die Meditationen lernt der Patient, seine Impulse wieder bewusst wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.“ Das helfe, sich für andere Reaktionen als den automatisierten Handlungsimpuls, zum Suchtmittel zu greifen, zu entscheiden. „Die Meditationen unterstützen die Patienten, ihre Erkrankung im Hier und Jetzt zu akzeptieren und sich dem Gefühl des Kontrollverlustes nicht mehr so ausgeliefert zu fühlen.“

Erste Studien geben Hinweise, dass die regelmäßige Achtsamkeit das Verlangen nach dem Suchtmittel vermindern kann und depressive Symptome der Suchterkrankten lindern. „Selbst süchtig machen können die Meditationen nicht“, erklärt Sirko Kupper. „Aber sie helfen den Suchtkranken, wieder verstärkt Glück empfinden zu können.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

Bildschirmfoto 2022 08 09 um 09.34.01


Lukas Kohlenbach, Medizinjournalist, arbeitet vor allem für den WDR und den DLF. Außerdem promovierte er am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln zum Krankheitsbild Adipositas.

Bild Header © Francesco Ciccolella

Bild Teaser © Unsplash

Kommentare  
# Anna Müller 2023-12-23 14:28
Ursache\Wirkung bietet erneut einen faszinierenden Einblick in die komplexe Welt der Neurobiologie der Sucht. Der Artikel liefert nicht nur fundierte Informationen über die Mechanismen der Abhängigkeit, sondern zeigt auch Wege auf, wie Achtsamkeit bei der Bewältigung dieser Herausforderungen helfen kann. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und praktischen Anwendungen ist äußerst hilfreich. Kudos an das Autorenteam für die tiefgreifende Recherche und die klare Darstellung.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
# Maxi 2023-12-23 14:28
Ein beeindruckender Artikel, der auf die neurobiologischen Aspekte der Sucht eingeht und die potenzielle Rolle der Achtsamkeit in der Behandlung beleuchtet. Allerdings könnte der Beitrag noch tiefer in die konkreten Techniken der Achtsamkeit eintauchen und möglicherweise Fallstudien oder persönliche Erfahrungsberichte einbeziehen, um die Wirksamkeit dieser Methoden zu unterstreichen. Trotzdem eine lohnenswerte Lektüre!
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
# Laura Schmidt 2023-12-23 14:30
Dieser Artikel über die Neurobiologie der Sucht und die potenzielle Rolle von Achtsamkeit ist zwar informativ, aber er neigt dazu, zu oberflächlich zu bleiben. Es werden zwar die grundlegenden Mechanismen der Sucht beschrieben, aber eine vertiefte Analyse der praktischen Anwendungen von Achtsamkeit und mögliche Herausforderungen bei der Umsetzung fehlen leider. Eine umfassendere Betrachtung wäre hier wünschenswert.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
Kommentar schreiben

Gemeinsam machen wir den Unterschied Unterstutze uns jetzt 1