Achtsamkeit & Meditation

In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist Jing eine wichtige Größe. Sie sitzt in den Nieren und ist eine Wurzel, die viele verkümmern lassen.

Irgendetwas hat sich verändert, grundlegend verändert. So denke ich, während ich den Puls der jungen Dame taste, meine rechten drei Finger, Zeige-, Mittel- und Ringfinger, über ihrer linken Arteria radialis knapp über ihrem linken Handgelenk ruhend, meine linken drei Finger über ihrer rechten.

François, mein Lehrer und Meister in der Traditionellen Chinesischen Medizin, hatte mir deutlich ins Gewissen geredet: „Du redest mir bei Menschen unter vierzig Jahren nicht von einer Nierenschwäche, angeborene Schwäche ausgenommen!“ Doch es hat sich etwas verändert, zumindest dort, wo ich die Pulse der Menschen taste, hier bei uns im Westen, in meinem Fall in Wien und Umgebung. Darum rede ich heute meinen Studenten ins Gewissen: „Ihr redet mir bei Menschen unter dreißig Jahren nicht von einer Nierenschwäche, angeborene Schwäche ausgenommen!“ Zehn Jahre! So meine Erfahrung nach Abertausenden Pulsen in den letzten zwanzig Jahren.

Doch was bedeutet das, was bedeutet das für uns hier im Westen? Mit Niere meinen wir in der Traditionellen Chinesischen Medizin, kurz TCM, vor allem einmal den Ort unserer wertvollsten Reserven, Yin als Substanz und Yang als Energie. Beides ‚zusammengeklebt‘ mittels Nieren-Qi, Nieren-Energie, ergibt unsere Essenz, das Jing, ‚unsere Wurzel‘. Auf diese müssen wir aufpassen, ein Leben lang. Wir sollten von ihr nur dann knabbern, wenn es wirklich unbedingt notwendig ist: wenn wir ein Kind zeugen, wenn eine schwere Krankheit unser Leben bedroht, wenn wir uns von einer Geburt oder einer schweren Erkrankung oder Verletzung erholen. Das Jing steht immer schützend hinter uns, legt uns seine Hände auf unsere Schultern und lässt uns stark und unverwundbar fühlen.

Der Ort, an dem unsere Niere all das speichert, ist der ganze substanzielle Körper, vor allem einmal die Knochen und das Knochenmark, dann all die Organe, inklusive dem Gehirn als Substanz, all das Bindegewebe, die Muskulatur, die Zähne und die Fingernägel. Und so lange wir am Leben sind, kann jede Substanz auch Energie speichern, in Form von Wärme, von Kalorien, von Elektrolyten, Hormonen und Vitaminen. Diesen komplexen Speicher unseres ganzen Körpers verwaltet die Niere. Und ein Gefühl, eine Emotion, soll uns, Tieren und Menschen auf diesem Planeten, dabei helfen, wirklich gut auf diesen Speicher aufzupassen: die Angst!

Was an die Nieren geht


Der Angst kommt die fundamentale Funktion zu, uns dann rennen oder erstarren zu lassen, wenn es darum geht, unsere Reserven, unser Jing, zu schützen, nicht nur, um unser persönliches Leben zu erhalten, sondern auch die Existenz unserer Art, in unserem Fall des Homo sapiens. Der freie Wille hört an jener Stelle auf, an dem es uns sprichwörtlich ‚an die Nieren geht‘. Dann läuft ein uraltes Programm der Evolution ab, das von jeher die Art sämtlicher fühlender Wesen gerettet hat.

Und genau das ist es, was uns modernen westlichen Menschen in die Suppe spuckt. Von Geburt an rasen wir durch das Leben, als hätten wir keine Zeit zu verlieren, als würde unser Leben und das, was wir tun, so unendlich wichtig sein, dass es die Verbrennung unseres Yins und damit den Verbrauch unseres Jings rechtfertigt.

Schon unsere Kinder pressen wir von klein auf in das Korsett unseres streng strukturierten und freiheitsraubenden Alltags, um sie für das Leben vorzubereiten, und tun damit genau das Gegenteil: Wir bringen ihnen bei, all die Regeln, die uns unsere selbst erschaffene Gesellschaft der Leistungserbringung und Konsumerfüllung auferlegt, ebenfalls einzuhalten. Wir lehren sie, Instinkte und Gefühle, welche unsere Kinder in die richtige Richtung lenken würden, zu unterdrücken und als lästig und sogar krankhaft zu etikettieren. Weil wir es nicht besser wissen. Weil unsere Eltern uns das ebenfalls beigebracht haben. Weil wir lieber mitmachen, als aufzufallen. Dabei könnten genau sie, die Gefühle, uns retten.

Sehen wir uns die Emotion der Niere, die Angst, etwas genauer an. Sie verhindert, dass wir leichtsinnig unser Jing aufs Spiel setzen. Die Angst hat eine ganz wichtige Funktion, um uns auf dem rechten Weg zu halten. Viele Mütter beschreiben, dass sie vor der Geburt ihres Kindes vor gar nichts Angst gehabt hätten, danach aber nicht mehr in die Höhe oder auf ein Motorrad steigen oder nachts alleine auf die Straße gehen konnten. Die Angst will verhindern, dass der Mutter etwas zustößt. Oder betrachten wir jene Ängste, die durch schlimme Erlebnisse in der Kindheit begründet sind. Sie wollen uns ersparen, dass wir so etwas noch einmal in unserem Leben durchstehen müssen.

Die Angst ist eine große Kraft. Sie ist das wichtigste Werkzeug der Niere. Unsere Aufgabe ist es, sie zu verstehen und aufzulösen oder unser Leben so zu verändern, dass wir angstfrei leben können. Alles andere schadet unserer Niere.

Warum, frage ich, werden Ängste zwischen dem 30. und dem 40. Lebensjahr stärker? Hier würde ich gerne ein paar sehr moderne Erkrankungen aufzählen: Burn-out, Depression, all die Autoimmunerkrankungen, all die Allergien oder Krebs. Um von vorne zu beginnen: Burn-out heißt nichts anderes, als dass wir Substanz verbrennen, und das nicht, um unser Leben zu schützen oder unsere Art zu erhalten, sondern wegen einer beruflichen Tätigkeit, eines Gefühlschaos in der Beziehung oder eines sonstigen Problems. Unsere Gesellschaft rechtfertigt dieses Ausbrennen mit Wohlstand, wir alle wollen Geld. Doch das Burn-out will uns sagen: „Bitte leg dich einmal für ein paar Tage hin, ruh dich für ein paar Wochen aus. Ich, dein Körper, kann nicht mehr!“ Und tun wir das? Nein, wir schalten die Hilfeschreie des Körpers mit Medikamenten ab, weil es ja weitergehen muss, und reden uns ein, dass ‚es nicht schlimm ist‘.

Wenn das Yin verbrannt ist, bleibt das Yang übrig, und das ist pure Hitze! Und Hitze ist chinesisch nicht nur Hitze, die man als solche empfindet, sondern jede Form der Entzündung. Da sind wir auch schon bei den Allergien, zumeist Gott sei Dank eher harmlos, und vor allem bei den Autoimmunerkrankungen, egal, ob es die leichteste Form wie die Hashimoto-Thyreoiditis oder eine schwere entzündliche Darmerkrankung ist. Es ist Hitze, die der Körper nicht mehr kühlen kann. Das Yin ist verbraucht und wir werden nun zusätzlich gegrillt!

Das Yin, wenn es mit dem Yang als ‚Jing‘ gut funktioniert, bewerkstelligt auch ständig Reparaturen in den Zellen und dem Genom unseres Körpers – wenn das Jing aufgebraucht ist, häufen sich die Defekte. Und so kann dann Krebs entstehen. Die Reparatur hat versagt. All das findet, meiner Erfahrung nach, immer früher, in immer jüngeren Jahren bei uns statt. Zwar werden die Medikamente besser, um all diese Zustände behandeln zu können, das täuscht aber nicht über die Tatsache hinweg, dass obige Erkrankungen deutlich zunehmen. Und Sie wissen: Die beste Krankheit ist die, die man nicht hat!

Wie also dem Dilemma entkommen? Und was der jungen Dame sagen, deren Puls ich gerade fühle? Ich entscheide mich für eine traditionell chinesische Antwort: „Lebe der Natur entsprechend!“ In der TCM wird als Natur nicht nur der Garten um unser Haus bezeichnet, sondern vor allem die Natur in uns selber. Tiere, wenn der Mensch sie lässt, leben ihrer Natur, ihren Gefühlen und Instinkten entsprechend. Diese leiten sie so unbeschadet wie möglich, gesättigt und fortgepflanzt durch das Leben.

Das, worauf wir uns so viel einbilden, ist der Großhirnvorderlappen. Aber er ist auch unser Dilemma. Mit diesem Teil des Gehirns können wir bewusst denken und Entscheidungen treffen. Wir glauben daher, nicht mehr auf unsere Instinkte und Gefühle hören zu müssen. Durch diesen Großhirnvorderlappen haben wir verlernt, auf uns und unsere Natur zu hören. Und deshalb fahren wir den Karren immer wieder an die Wand. Deshalb leben wir ein Leben, von früh bis spät und dann auch in der Nacht, das unser Körper und unser Geist einfach nicht aushält. Deshalb hören und verstehen wir die Zeichen nicht mehr. Deshalb brauchen wir Übersetzer dieser Zeichen so wie uns TCM-Ärzte oder Psychotherapeuten oder einfach gute Freunde, die uns auf den Wahnsinn, dem wir uns tagtäglich aussetzen, aufmerksam machen.

Wir müssen lernen, unseren Körper wieder zu verstehen und die Zeichen richtig zu deuten. Tun wir es nicht, entscheidet das Programm der Evolution in uns, was mit uns passiert, und das geht vom Warnschuss vor den Bug bis hin zum Abschalten. Die Evolution ist brutal. Wenn wir die Natur, in und um uns, verändern, achtet sie darauf, dass die überleben, die in der veränderten Umgebung eine Chance haben.

Wollen wir das wirklich der ‚Evolution‘ überlassen? Oder nehmen wir das Ruder unserer Gesundheit, unseres Lebens und das unserer Kinder wieder selbst in die Hand? Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Was ich persönlich machen kann, tue ich.

Ich beende meine Pulsuntersuchung bei der jungen Frau, lasse mir dann noch ihre Zunge zeigen und sage: „Liebe Frau J.! So wie Sie derzeit leben, gehen Sie voll über Ihren Punkt. Dieses Leben geht Ihnen an die Nieren, wie wir chinesisch sagen. Aber keine Angst, es ist noch nicht viel passiert! Sie haben zwar Ihre Reserven schon ganz schön angeknabbert, aber unser Körper ist ein Wunder, unsere Mitte kann das wieder regenerieren, wenn Sie sich ab jetzt, ab sofort, um Ihre Mitte kümmern. Je besser der Körper Ihr Essen und Ihre Gefühle und Ihr ganzes Leben verdauen kann, desto besser gelingt es ihm, auch die Speicher wieder zu füllen. Also tun Sie alles, was ich unter ‚Lieb sein zur Mitte‘ zusammenfasse. Bewegung und gute Ernährung. Und seien Sie Ihrem Körper dankbar. Dankbar für die Erkrankung, die Sie haben. Es hätte viel schlimmer sein können! Ihr Körper fängt mit kleinen Störungen an, und wenn Sie die Zeichen richtig deuten und danach leben, wird er diese wieder reparieren. Und Sie werden sehen, wenn Sie wieder in Ihrer Mitte sind, wenn Sie sich wieder so richtig gut in Ihrem Körper fühlen, wird die Angst auch verschwinden!“

Wer mit einer starken Niere, einem starken Jing, gut im Boden verankert ist, kann seine Flügel ausstrecken und wieder fliegen!

Ihr
Georg Weidinger

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