Achtsamkeit & Meditation

Wasser, Tusche, Papier: Wie ich auf dem Workshop „Heart of Brush“ lernte, mit einem inneren Lächeln zu zeichnen.

Der Künstler, Autor, Friedens- und Umweltaktivist Kazuaki Tanahashi gilt als einer der interessantesten Kalligrafen chinesischer und japanischer Schriftzeichen der Gegenwart. Der bald neunzigjährige Japaner, der seit 1977 in San Francisco lebt, lässt es sich trotz seines fortgeschrittenen Alters nicht nehmen, durch die Welt zu reisen und Kalligrafie zu unterrichten.

Die Kunst der chinesischen und japanischen Kalligrafie reicht weit in die Vergangenheit zurück. Die Japaner nennen sie „Shodo“, der „Weg des Schreibens“. Der Westen hat ebenfalls eine lange Tradition des Schönschreibens. Sie geht zurück bis ins Mittelalter. Christliche Mönche verbrachten ihr gesamtes Leben damit, wertvolle Bücher handschriftlich zu kopieren. In Asien hat die Kalligrafie eine noch ältere Tradition. Sie soll in China bereits vor einigen Jahrtausenden praktiziert worden sein. Von dort aus kam sie im sechsten oder siebten Jahrhundert nach Japan. Vor allem ist die asiatische Variante nicht einfach Schönschreiben. Die Kalligrafie gilt vielmehr als spiritueller Weg.

Das Herz des Pinsels


Der Kurs von Kazuaki Tanahashi mit dem Titel „Heart of the Brush“ findet in Wien in den Räumlichkeiten einer örtlichen Zen-Gruppe statt. Außer mir sind fünfzehn weitere Teilnehmer bereit, sich ein Wochenende mit dem Zeichnen von chinesischen und japanischen Schriftzeichen zu beschäftigen.

Kazuaki Tanahashi ist ein kleiner, feingliedriger Japaner mit erstaunlicher Agilität. Er nennt sich „Crazy Artist“, lässt sich „Kaz“ rufen und nuschelt den Kursteilnehmern sympathisches Englisch entgegen. Dabei schaut er stets etwas spitzbübisch in die Runde. Die ersten Stunden am Freitagabend zeichnen wir schwarze senkrechte und waagerechte Tuschestriche. Bald entsteht eine ruhige, kontemplative Atmosphäre. Die Teilnehmer beginnen sogar untereinander zu flüsterten.

Das Herz des Pinsels


Wir sitzen zu fünft und zu sechst an improvisierten Tischen auf Klappstühlen. Der Boden des Zendo ist zum Schutz vor Kleckserei abgeklebt. Kaz hat es sich in der Mitte des Raumes an einem Einzeltisch gemütlich gemacht. Er ruft die Teilnehmenden zusammen und zeigt ihnen die korrekte Pinselführung. Wer möchte, setzt sich an Kaz‘ Tisch. Er stellt sich dann hinter den Kalligrafie-Adepten und führt dessen Hand. Man versucht, sich den Bewegungsablauf einzuprägen.

Am zweiten Tag verlassen wir die Ödnis des reinen Strichezeichnens und erhalten den Auftrag, unseren ersten „Charakter“ zu erstellen. In mir jubelt es. ‚Jetzt wird es spannend‘, denke ich. Wieder führt Kaz vor, wie es geht. Wir schauen gebannt zu, wie der Meister den Pinsel führt, und versuchen, es wiederum nachzuahmen. Es ist gar nicht so einfach, den Pinsel wie angeleitet, fast senkrecht zwischen Daumen und zwei Fingern, zu halten. Unmöglich erscheint es mir, auf diese Weise einen halbwegs geraden Strich zu erschaffen. Geschweige denn, locker aus dem Handgelenk einen Bogen zu zeichnen.

Der Pinsel fällt mir mehrfach aus der Hand – mit entsprechend katastrophalem Ergebnis für den „Charakter“. Zum Wegwerfen. Dann erhalten wir zu dem jeweiligen Zeichen, das kalligrafiert werden soll, ein Arbeitsblatt. Aha, es gibt verschiedene Stile, in denen das Zeichen geschrieben werden kann. Wichtiger ist aber eine Art Schritt-für-Schritt-Anleitung, welches horizontale oder vertikale Strichlein in welcher Reihenfolge zu erstellen ist. Die ist nämlich genau vorgegeben.

Das Herz des Pinsels


Ich beginne zu verstehen, warum der Kurs „Heart of the Brush“ heißt, das Herz des Pinsels. Wir lernen, dass der „Charakter“ in einem Zug zu schreiben ist. Die einzelnen horizontalen und vertikalen Komponenten müssen jeweils ohne abzusetzen ausgeführt werden. Schmale und breitere Teile der Linien werden dadurch erzeugt, dass der mit Tusche getränkte Pinsel entweder mit seiner feinen Spitze das Papier nur zart berührt oder fester auf den Untergrund gebracht wird. Die Abschlüsse der Linien, die oft einen kleinen schwungvollen Haken enthalten, sind dabei besonders knifflig. Sie gelingen nur mit einer beherzten Drehung des Pinsels.

Man muss seinen Pinsel kennen, sein Herz ergreifen, um ein gefälliges Schriftzeichen zu erschaffen. Doch irgendwann geht es Schlag auf Schlag. Wir kalligrafieren verschiedene Zeichen, jenes für „Weg“ oder „Wasser“ zum Beispiel, wechseln dann aber auf dünnes Reispapier. Ich lerne, dass das Reispapier eine raue und eine glatte Seite hat. Gemalt wird auf der glatten Seite. Das erfahre ich aber erst, nachdem ich schon ein Dutzend Papiere auf der rauen Seite bepinselt habe. Das Zeichen für „Wasser“ wird mein Liebling. Es kann auch „Erleuchtung“ bedeuten. Dann wird es farbig. Kaz zeigt uns, wie wir den Pinsel mit mehreren Farben präparieren. Durch die unweigerlichen Drehungen, die der Pinsel beim Zeichnen vollführt, entstehen wunderbare Effekte.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 111: „Unterwegs - ein Abenteuerheft"

UW111 Cover


Jeder ist in seinen eigenen kreativen Prozess versunken. Kaz geht durch die Reihen, betrachtet die Arbeiten seiner Schüler und mahnt: „Enjoy the process not the result“, („Erfreue dich am Prozess, nicht am Ergebnis“) oder: „Be kind to your inner critic“ („Sei freundlich mit deinem inneren Kritiker“). Letzteres fällt mir schwer. Aber ein paar treffende Zen-Weisheiten am Nachmittag gefallen mir. „Don‘t forget to smile“, wir sollen unser inneres Lächeln nicht vergessen, wird mein Favorit. Inzwischen geht es besser als in den ersten Stunden. Die Ergebnisse können sich halbwegs sehen lassen.

Am Sonntag wird es richtig spannend. Kaz zaubert ein paar wirklich große Pinsel aus seiner Tasche. ‚Die wären auch zum Wändestreichen geeignet‘, muss ich kurz denken. Regeln sind vergessen. Jeder darf assoziativ rumschmieren und echte Kunst schaffen. Das gefällt allen.

Zum Abschluss sitzen wir in einer Runde zusammen. Man zeigt seine Werke vor und erzählt ein bisschen etwas über sich selbst und wie man die drei Tage erlebt hat. Ich mache mich gegen Mittag, innerlich berührt, auf den Weg zurück zu meinem Hotel in der Nähe des Wiener Stephansdoms. Mein Vorsatz im Stillen: zu Hause mit Reispapier, Pinsel und Tusche weiter zu üben.

Fotos © Lilly Mörz

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