Leben

Der Wandel kommt sowieso, sagt der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer und zeigt in seinem Film Menschen, die schon jetzt eine bessere Zukunft gestalten.

Der neue Film von Erwin Wagenhofer heißt: „But Beautiful“. Es sind Porträts von Menschen, die ganz neue Wege gehen: Frauen ohne Schulbildung bauen auf der ganzen Welt Solaranlagen für die ärmsten Gegenden. Ein Ehepaar verwandelt auf La Palma toten Boden durch Permakultur in ein Paradies. Ein Förster baut Häuser aus Mondphasenholz, und das ohne Leim. Der Dalai Lama und seine Schwester sprechen über die Vision einer menschlicheren Zukunft. Eine kolumbianische Sängerin, ein österreichisches Jazztrio und ein amerikanischer Pianist zeigen, wie Musik verbindet und lebendig macht.

Sie haben bisher immer gesellschaftskritische Filme gemacht. „But Beautiful“ ist anders. Warum?
Der Film heißt nicht umsonst „But Beautiful“, weil vor dem „Schön“ ein „Aber“ steht. Die Absicht war, Menschen zu ermutigen, doch bei sich selbst einen Wandel zu starten. Seit den 1980er-Jahren gibt es den Slogan: „Es gibt keine Alternative.“ Der ist blöd, weil das Leben immer Alternativen bietet. Ich wollte sagen: „Es gibt Alternativen, hier sind sie.“

Wie sind Sie zu Ihren Protagonisten gekommen?
Das war ganz besonders schwierig, weil wir Beispiele gesucht haben, die wirklich funktionieren, wo die Leute das auch leben, dadurch authentisch sind. Als „We Feed the World“ herauskam, sind viele Bauern umgestiegen auf Bio, aber sie haben es eigentlich wegen der Geschäftsidee gemacht. Das ist mir zu wenig. Zum Beispiel Josef Zotter, der österreichische Schokoladenerzeuger, der macht das wirklich und kann es auch mit Herz und Hirn vertreten. Solche Leute zu finden, ist nicht einfach.

Wann ist ein Mensch authentisch?
Wir kommen mit den richtigen Wegweisern auf die Welt, dann wird uns einer nach dem anderen umgestellt. Wir rennen also in die falsche Richtung, sind verwirrt und kennen uns nicht mehr aus. Man will ja nicht, dass die Menschen authentisch sind, das können Sie in jedem Kindergarten, in jeder Schulklasse sehen. Die Bildungsaktivistin Alexandra Terzic-Auer sagt: „So wie wir in der Volksschule Kinder halten, bei Tieren wäre das nicht artgerecht.“ Da werden Wegweiser aufgestellt, die die Kinder sukzessive für ein System zurechtbiegen, von dem wir alle schon selbst wissen, dass es nicht mehr funktioniert.

Sie zeigen in Ihrem Film Leute, die in der einen oder anderen Art am Rande der Gesellschaft stehen. Das Ehepaar Graf in La Palma, das aus unfruchtbarem Land ein Paradies gemacht hat, imponiert mir sehr. Auf der anderen Seite muss man für so was ja auch einen finanziellen Hintergrund haben, das heißt, von der Gesellschaft schon einmal profitiert haben.
Das ist eine Annahme, denn in La Palma können Sie den Quadratmeter unter einem Euro kaufen, und dann müssen Sie sich das trauen. Das ist das, was die zwei gemacht haben. Das einzige System, das wir uns nicht leisten können, ist das, das wir haben. Das wird jetzt sinnlich erfahrbar, es wird wärmer, im Meer schwimmen der Dreck und das Plastik. Die direktere Frage wäre, wie man sich so einen Film leisten kann. Die Gagen sind nicht hoch, wir arbeiten jahrelang, und es kann sein oder auch nicht, dass er jetzt Geld einspielt. Man kann sich das leisten, wenn man es sich leisten will. Millionär ist keiner meiner Protagonisten. Nützlichkeit ist vielleicht kurzfristig wirtschaftlich interessant, aber langfristig ist es die falsche Rechnung. Das Wichtigste ist ja in der Wirtschaftsbilanz gar nicht drinnen: Luft, Wasser Humus, fruchtbare Erde.

Menschen


Was sollen Großstadtbewohner von dem Film mitnehmen?

Also, zuerst einmal verändern Sie Ihre Haltung. Das können Sie sofort machen. „Das ist leichter gesagt als getan“, sagt Jetsun Pema, die Schwester des Dalai Lama im Film: „It‘s not easy, it‘s easier said than done“. Wenn man es wirklich will, muss man es üben wie ein Musikinstrument. Das industrielle Denken geht immer in Richtung Konsum. Die Wirtschaftswissenschaft ist eine moderne Religion, sie müsste Beispiele aufzeigen, wie sich das System friedlich umstellen lässt. Der Wandel kommt sowieso, gestaltet oder als Chaos. Eine Veränderung erfordert Selbstdisziplin und Achtsamkeit, vor allem sich selbst gegenüber.

Was heißt das konkret?
Die Leute müssen sich beruhigen und vielleicht einmal etwas zu Ende denken können. Setzen Sie sich hin und nehmen Sie sich wirklich Zeit, Ihren Tee zu trinken, Ihr Essen zu essen, und telefonieren Sie nicht dabei. In meiner Kindheit gab es viel weniger Reichtum in der Welt, aber auch viel weniger Hektik.

Der Jazzpianist Kenny Werner spricht im Film von „Meisterschaft ohne Anstrengung“. Ist das nicht ein Widerspruch?
Er sagt, es braucht große Anstrengung, etwas spielerisch zu tun, „It takes a lot of effort to become effortless“, sagt er. Sein Beispiel: Wir haben alle in unserem Kulturraum gelernt, mit Messer und Gabel zu essen. Wir tun das jeden Tag, mühelos. Er meint, so müsste man mit einem Musikinstrument umgehen, nicht Angst haben, dass man einen falschen Ton trifft. Denn dann beginnt es schon, schwierig zu sein.

Es geht also darum, dass man sich nicht fürchtet, etwas anders zu machen?
Genau. Josef Zotter erzählte mir, sein Nachbar, ein Bauer, hat 3.000 konventionell gehaltene Zuchtsäue. Er bekommt für eine verkaufte Sau zwischen 130 und 160 Euro, also pro Kilo einen Euro. Josef Zotter hat auch Zuchtsäue, denn er muss seine insgesamt rund 2.000 Mitarbeiter verköstigen. Seine Tiere werden frei gehalten und artgerecht geschlachtet. Zotter hat sich ausgerechnet, dass bei ihm eine Sau zwischen 4.000 und 6.000 Euro wert ist, da das Fleisch hochwertig ist. Das hat er dem Nachbarn erzählt, worauf er sagte: „Die 3.000 Säue verkaufe ich.“ Aber dann habe ich drei Säue, die sind nur für uns, und die halte ich so wie du, artgerecht. Diese Trennung zwischen „wir und die“ ist nicht authentisch.

In Ihrem Film leben die Protagonisten auch so ein Leben …
Die Grafs aus meinem Film züchten in La Palma Avocados, aber verkaufen sie nicht, sondern verschenken, was übrig bleibt. Nach einer Zeit haben die Nachbarn begonnen, zum Beispiel ein paar Eier zu bringen. „Jeder ist des anderen Feind“, das ist doch ein Blödsinn! „Wir sind soziale Wesen, wir leben von dieser Bindung“, sagt auch Neurobiologe Gerald Hüther. Auch für die Quantenphysik ist alles ein Beziehungsgeflecht. Darum gibt es am Schluss des Films diesen Blick in den Himmel.

Eine ganz andere Geschichte ist die von Bunker Roy und dem Barefoot College in Nordindien. Der bildet Frauen aus den ärmsten Schichten unter anderem zu Solartechnikerinnen aus.
Ein Impuls bei Bunker Roy war, dass er aus einer völlig anderen sozialen Schicht kommt, aus der „Upper class“, er hat eine super Ausbildung. Da plötzlich macht es klack: Er lernt das Elend am Land kennen und sagt: „Okay, das will ich verbessern.“ Das Zweite ist: Er unterscheidet zwischen Wissen und Weisheit. Mit der Weisheit der einfachen Leute fangen wir an. „Frauen auszubilden, ist die beste Investition, die man machen kann“, sagt er.

Im Film spielt Musik eine wichtige Rolle, warum?
Es ist nicht nur die Musik, es sind auch die Musiker, die Menschen inspirieren wollen. Musik machen heißt: „Receiving – giving – receiving – giving.“ Das geht hin und her. Wenn wir das leben könnten, ginge es uns wieder viel besser. Wenn ich in der Früh mit dem Rad über den Wiener Kahlenberg fahre, liegen überall Dosen, Flaschen, Zigarettenschachteln am Straßenrand, die dort aus den Autos geworfen werden. Warum tut man so etwas? Einer in dem Film sagt: „Ich werfe nichts mehr aus dem Auto.“ Das könnte der erste Schritt sein. Man muss es aber auch machen. Dazu ist eine Bewusstseinsänderung notwendig. Sepp Holzer, der große Permakulturist in Österreich, sagt: „Zu jedem Kindergarten ein Garten, zu jeder Schule ein Bauernhof und zu jeder Universität ein Gutshof, und dort müssen die Studenten und die Leute, die dort unterrichten, mitmachen, dann wird es eine andere Welt.“

In Ihrem Film gibt es noch Erwin Thoma, der aus Mondphasenholz und ohne Leim Häuser baut. Warum war Ihnen seine Geschichte wichtig?
Im Leben ist es oft so: Veränderungen entstehen durch harte Brüche. Jemand stirbt, jemand wird schwer krank und so weiter. Bei Erwin Thoma war es die Krankheit seiner Kinder. Als sein ältester Sohn schulreif wurde, mussten sie aus dem abgelegenen Karwendeltal in eine Wohnung mit Spanplattenmöbeln übersiedeln. Plötzlich bekamen zwei von drei Kindern schwerste Allergien, und zwar auf Leim. Das ist der Grund, warum seine Holzhäuser nicht zusammengeleimt sind, er hat eine andere Möglichkeit gefunden, die Holzteile zu verbinden. Das war alles sehr schmerzvoll, denn die Kinder sind fast erstickt. Und wir ersticken auch fast, und schön langsam sollten wir es kapieren.

Erwin Wagenhofer, geboren 1961, ist österreichischer Autor und Filmemacher. www.filmmacher.at
Tipp zur Vertiefung: Erwin Wagenhofer: „But Beautiful“. Pandora Film Medien 2019
 
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