Leben

Über die Vorteile meines Nomadenlebens in einer Gesellschaft, die immer ängstlicher wird.

Seit anderthalb Jahren lebe ich im Wohnmobil. Eine eigene Wohnung habe ich nicht mehr, spare mir nun also die Miete. Ich wohne im Auto oder dort, wo ich für ein paar Tage willkommen bin. Nie im Hotel, nie auf einem Campingplatz. Schlafen, essen, arbeiten, all das geschieht im Auto, wenn ich nicht gerade bei Freunden bin oder ein Seminar leite.

Hat dieses Nomadenleben irgendetwas mit meinem früheren Leben als Tramper zu tun, damals als ich den Buddhismus entdeckte? Wo doch im Urbuddhismus die Bhikkhus nicht länger als dreimal unter demselben Dach schlafen durften. In den alten indischen Traditionen waren die Śramaṇas, Sadhus oder Sannyasin meist Wandernde, die von Almosen lebten und Heimatlosigkeit praktizierten. Warum taten sie das, wo doch sonst alle eine Heimat haben und sie lieben, und wer sie nicht hat, vermisst sie? Sie wollten nicht anhaften. Anhaftung sei eine der wesentlichen Ursachen für Leiden, behauptete damals der Mainstream der spirituellen Philosophien Indiens.

Ich hingegen in meinem Wohnmobil habe ein regensicheres Dach überm Kopf. Ich habe hier sogar Heizung, Klo, Herd und Kühlschrank und kann Vorräte aufbewahren, ganz anders als in meiner Zeit als Tramper oder 1976 als Samanera (Novize) im Kloster Wat Bowonniwet in Thailand.

Beiden Lebensweisen gemein ist immerhin die geografische Heimatlosigkeit, die auch Hermann Hesse anpries: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen“, schrieb er in „Stufen“, dem berühmtesten seiner Gedichte. Denn „kaum sind wir heimisch in einem Lebenskreis und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen“. Heimat verstanden Hesse und die Philosophen des alten Indien als ein Gefängnis aus Gewohnheiten, Anhaftung und Erschlaffen in der Komfortzone. „Nur wer bereit zu Aufbruch und Reise ist, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“. 

Leben


Ein solches permanent „aufbrechendes“ Leben wäre dann so was, wie Shunriyu Suzuki es in „Zen-Geist, Anfänger-Geist“ empfahl: ein Leben der Neugier und Abenteuerlust, immer offen dafür, alles wie zum ersten Mal zu sehen. „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens, und das gilt auch für jeden weiteren Tag.“ Also nicht so wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem der Protagonist in einer Zeitschlaufe gefangen ist und immer wieder den 2. Februar erleben muss. Stattdessen ein Leben in der ewigen Gegenwart, im Gewahrsein, dass der Fluss der Zeit sich nicht anhalten lässt. Alles fließt, alles bleibt in Bewegung.

Auch wenn sich das Leben in den westlichen Gesellschaften für die meisten in einer physisch-ökonomischen Komfortzone abspielt, wie es sie nie in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, geht es vielen psychisch nicht gut. Materieller Überfluss hindert das angepasste, rechthaberische kleine Ich nicht, zu klagen, zu nörgeln und Angst zu haben, der Wohlstand würde nicht bleiben oder nicht immer weiter zunehmen.

Den Dickfelligen geht es noch einigermaßen gut. Wer sich jedoch nicht gegen die Schreckensnachrichten abschottet, ist verunsichert und weiß: So wie die Zivilisation sich derzeit verhält, steuert sie auf den Ökozid zu. Es ist Raubbau an der Natur, die Weltbevölkerung ist zu groß, um allen jenen Komfort zu erlauben, den heute noch die Menschen in den reichen Ländern genießen. Der Ressourcenverbrauch ist zu groß, die Erde erwärmt sich zu schnell, die Politik dreht sich in denselben alten Schlaufen oder wird immer demagogischer. Werden wir alle abstürzen in eine große Katastrophe, in der wir wieder Entbehrungen ertragen müssen wie in Kriegszeiten?

Der Grund für die weitverbreiteten, oft irrealen Ängste ist einerseits, dass Angst eine Geschäftsgrundlage der Medien und anderer Produzenten ist. Andererseits sind wir, weil es uns eigentlich ziemlich gut geht, generell feinfühliger geworden, empathischer und empfindlicher für Veränderungen. Wir spüren, dass neben Dukkha (Leiden) und Anatta (das Ich als Illusion) auch Anicca (Veränderung) eines der unausweichlichen Daseinsmerkmale ist, die schon Buddha lehrte. Zudem ist das Tempo der Veränderungen heute höher und durch die Nachrichtenflut dramatisch spürbarer denn je.

Ein markanter Teil des Angstdenkens ist zum Beispiel der Kult um die Arbeitsplätze, die uns Sicherheit suggerieren, obwohl jedem mittelmäßig informierten Zeitgenossen inzwischen dämmert, dass sie sich angesichts von künstlicher Intelligenz (KI) nicht aufrechterhalten lassen. „After Work“ nennt der kaum dreißigjährige Tobi Rosswog sein Buch über die Vision einer tauschlogikfreien Gesellschaft „nach der Arbeit“ – nach unserem Arbeitsleben in sinnlosen Bullshit-Jobs und unter der Fuchtel von Institutionen, die sich durch entbehrliche Verwaltungsakte wichtig zu machen versuchen. Er entwirft mit der „Living utopia“-Bewegung eine Welt, in der wieder die menschlichen Bedürfnisse und Bindungen Vorrang haben gegenüber dem naiven Glauben an materielle Sicherheiten.

Wenn ich im Wohnmobil auf der rechten Spur der Autobahn die Schlangen an Lkws sehe, habe ich den riesigen Transportaufwand der Globalisierung viel drastischer vor Augen als beim Anblick der Äpfel aus Neuseeland im Supermarktregal. Ebenso beim Suchen nach einer Raststätte zur Übernachtung, die oft so von Lkws verstopft ist, dass ich weiterfahren muss bis zur nächsten – und zur nächsten, und dann ab von der Autobahn auf einen Waldweg. Da campe ich doch lieber in den renaturierten Braunkohlengebieten um Leipzig, in denen die Natur „nach uns“ sichtbar ist: junge Bäume, Seen mit sauberem Wasser – die Vielfalt der Natur kehrt zurück und ermutigt zu seelischer Resilienz.

Nur wer bereit zu Aufbruch und Reise ist, würde lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Nun habe ich wieder im Auto geschlafen, mir hier einen Tee gekocht und nach aktuellen E-Mails geschaut – es gibt nichts Dringliches, wie gut. Dann leckeres Müsli gegessen, dabei die Überschriften der Tagesnachrichten auf dem Bildschirm meines Laptops überflogen und dann das Navi für mein nächstes Ziel eingestellt. Gemütlich steuert mein Schiff die nächste Landstraße an, der hohe Sitz gibt mir einen guten Überblick über die Straße. 

Den Schlafplatz lasse ich spurenlos zurück, so wie im Burning Man Festival üblich: „Leave no traces“. Weiter gehts in Richtung irgendwo, der Weg ist das Ziel. Vielleicht kommt sogar Janis Joplins „Me and My Bobby McGhee“ in meine Ohren. Sie singt: „Bobby thumbed a diesel down“: Ich denke an meine Zeiten als Tramper! Dann singt sie: „Freedom‘s just another word for nothin‘ left to lose“ und das Gefühl des Unterwegsseins umfängt mich. Wie der Schriftsteller Jack Kerouc in „On the road“ schreibt: „Tramp sein, once and forever.“ Das Alte liegt hinter mir, das Neue vor mir, dazwischen bin ich, jetzt, hier – glücklich.

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