Leben

Wie es gelingen kann, ein passioniertes und leidfreies Leben zu führen.

Wie können wir glücklich sein, wenn doch das Leben Leiden ist? Die Lehre des Buddha ist im Wesentlichen eine ausführliche Antwort auf diese Frage. Trotzdem will ich hierauf auch selbst ein paar Antworten geben, ohne dabei die Lehre des Buddha, wie sie uns überliefert und schon zigtausend Mal von Lamas, Rinpoches, Roshis und Religionsphilosophen erklärt worden ist, einfach zu wiederholen.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass wir im Leben angenehme und unangenehme Erfahrungen machen, Genuss und Schmerz erleben, Freude und Enttäuschung, und dass dies untrennbar mit einem leidenschaftlichen, passionierten, gefühlsmäßig engagierten Leben verbunden ist. Untrennbar? Nicht ganz. Denn dieses Auf und Ab eines sinnlich, sensibel und mitfühlend gelebten Lebens können wir beobachten. Wir können es innerlich bezeugen, von einer stillen Warte in uns selbst aus, die nicht Partei ergreift, nichts will und deshalb auch nicht leidet. Achtsamkeit könnte man diese Warte nennen – Buddha selbst nannte sie in seiner Sprache Pali, in der er lehrte, sati. Man könnte es auch Wachheit, Geistesklarheit oder unvoreingenommene Präsenz nennen.

Der Teil von mir, der etwas will oder nicht will, dieser Teil leidet und erfreut sich abwechselnd, je nachdem, wie es gerade läuft im Leben. Der andere Teil, der achtsam bezeugende, leidet nicht. Der Ausweg aus Samsara wäre eine Stärkung des Teils in mir, der unparteiisch beobachtet. Das wäre dann kein zeitlich linearer Ausweg – jetzt noch bin ich in Samsara, in Zukunft werde ich bei ausreichender Praxis auf dem achtfachen Weg im Nirvana sein, leidfrei –, sondern es wäre der Weg zu etwas hin, das schon da ist, das nur gestärkt zu werden braucht.

Im Sinne der Maxime, dass zwar alles schon einmal gesagt worden ist, aber nicht von jedem, will ich nun ein paar Methoden auflisten, wie ich ein passioniertes Leben führe, auf das ich nicht verzichten will, und dabei so leidfrei lebe, wie es eben geht.

Ich praktiziere etwas, das ich ‚Einsinken‘ nennen. Einsinken in mich selbst, in meinen Körper, auch in meine – wiewohl fiktive – soziale Identität und alles das, was ich wahrnehme („Ich bin das.“). Insoweit dieses Einsinken ein ruhendes Bezeugen ist, gilt: Je mehr ich einsinke, umso weniger hafte ich an dem, was manchmal ‚Ego‘ genannt wird, und umso weniger leide ich.

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Und auch das hilft mir: Je mehr ich mit meiner Aufmerksamkeit auf etwas zoome, das heißt, auf einen kleinen Teil des ganzen Wahrnehmbaren fokussiere, umso mehr bin ich von dem Auf und Ab des dortigen Geschehens gebeutelt. Je weiter ich mit meinem – einem Kameraobjektiv ähnelnden – Blick in die andere Richtung gehe, den Zoom zurücknehme und eine Weitwinkelsicht einnehme, umso mehr bin ich das Ganze, alles. Denn der geistige Weitwinkel kann noch viel weiter gehen als der eines optischen Gerätes, er kann auch mich selbst, den Beobachter und das hinter mir Liegende mit umfassen, die ganze von mir wahrgenommene Welt.
Und noch eine weitere Methode wende ich an, man könnte sie die ökologische nennen, weil sie den Zyklus des Entstehens und Vergehens einbezieht. Sie ähnelt der des Weitwinkels. Ich richte dabei meinen Fokus nicht nur auf das gerade wahrgenommene Objekt als Teil der Wirklichkeit, sondern umfasse mit meinem Blick auch dessen zeitliche, räumliche und geistige Umgebung. Also auch das, worin das gerade betrachtete Objekt eingebettet ist, den Kontext, aus dem heraus es entsteht und wohin es wieder vergeht. Ein besonders hilfreicher Sonderfall dieser Praxis ist das Beobachten des Auftretens sprachlicher Phänomene, die ja ebenfalls kontextabhängig sind, eingebettet, geboren werden und sterben. So kann man sich mitten im sprachlichen Getöse der Welt die Stille erhalten, aus der heraus alles entsteht und in die hinein alles wieder vergeht, und kann darin ruhen.

Das Begehren als Ursache des Leidens ‚wegbegehren‘ zu wollen halte ich nicht für eine erfolgversprechende Praxis. Besser ist, man lässt es einfach da sein. Man kann es wertschätzen und in seinem Kontext betrachten, in dem es aufkommt und wieder verschwindet, ohne es gleich weghaben zu wollen. Der mit dem Wunsch identifizierte Teil leidet in diesem Prozess immer noch, da die Wunscherfüllung zu oft nicht eintritt, der stille Beobachter jedoch leidet nicht. Auch körperliche Schmerzen lassen sich durch Desidentifikation lindern. Völlig ‚wegdenken‘ lassen sie sich auch durch autohypnotisch begabte Lebenskünstler nicht.

Und noch eine Methode: Wenn Schmerz auftritt, körperlicher ebenso wie emotionaler, übe ich mich in Folgendem: Darin so lange zu verweilen, bis er vergeht oder seinen Charakter ändert und dann nur noch Energie ist. Brennende, lodernde Energie? Ja, für eine Weile. Dann brennt das Feuer runter und hinterlässt eine Glut, die den Leidenden zentriert und wärmt. Auch hierbei gilt, dass körperliche Schmerzen sich nicht so leicht wegmeditieren lassen. Emotionale Schmerzen hingegen – also alles das, was das sogenannte Ego betrifft, wie etwa Neid, Eifersucht, verletzter Stolz, Kränkungen, Zurückweisungen – verschwinden bei ausdauerndem Verweilen im Schmerz vollständig.

Mit Ausnahme des viel gelobten Mitgefühls haben Gefühle unter Buddhisten keine starke Lobby. Verständlich, können sie doch im Affekt zu unüberlegten Taten führen, die für Täter wie Opfer Leid verursachen. Gefühle sind jedoch auch der Motor unseres Handelns. Auch für die Einhaltung der Mönchsregeln (Vinaya) und für Laien die der ‚Fünf Silas‘ – nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, kein leidverursachendes Sexualverhalten und keine bewusstseinseinschränkenden Drogen – braucht es Gefühle, denn wer diese Regeln nicht mit einer gewissen emotionalen Kraft, ja Leidenschaft, einzuhalten beabsichtigt, schafft es nicht. Auch Empathie gründet sich auf Gefühle, mit einem unterkühlten Herzen funktioniert die Metta-Praxis nicht. Jedes Engagement braucht Gefühle und zugleich braucht es klares, unemotionales, nicht wertendes Denken.

Das vermeidbare Leiden zu überwinden gelingt nicht nur Buddhisten. In einem aus dem Gefängnis geschmuggelten Brief schrieb der wegen seiner abweichenden Gesinnung von den Nazis zum Tod verurteilte Jesuit Alfred Delp am 17. November 1944 folgende Zeilen: „Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen und werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir immer gesucht haben.“
Zehn Wochen später, am 2. Februar 1945, wurde Alfred Delp hingerichtet und seine Asche auf persönlichen Befehl Hitlers in alle Winde verstreut. Seine Methode zur Leidüberwindung, sein Bewusstsein, ‚bis an den Brunnenpunkt zu lenken, an dem die schönen ebenso wie die bösen Stunden eines Menschenlebens aus Gott herausströmen‘, ist uns durch diesen Brief erhalten geblieben.

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