Leben

Wie aus einer Reise zum Dalai Lama eine Selbstfindung wurde – und welche Rolle dabei die Gastfreundlichkeit in Balutschistan spielt.

Vor einiger Zeit habe ich mich aufgemacht, um zum Dalai Lama zu reisen. Ich bin 21 Jahre alt. Mich treibt die Frage an, wie ich wirksam werden will in dieser Welt. Da hat mich die Sehnsucht nach ganzheitlich inspirierenden Vorbildern aus der heimatlichen Komfortzone katapultiert. Doch ich bin ganz woanders gelandet, als ursprünglich erwartet: Ich habe mich selbst gefunden in der Weite der Welt. Genauer gesagt, ich war in meinen eigenen Innenwelten. Was genau das bedeuten mag, weiß ich allerdings noch immer nicht. Ich bin reich geworden. Reich an Erfahrungen und Erlebnissen, von denen ich hier einige mit euch teilen möchte.

Ich staune über den Reichtum an Eindrücken, die wie Mosaiksteinchen meinen bisherigen Lebensweg zeichnen und die Zukunft aufzeigen. Meine Reise mit Frieder trägt dazu bei. Frieder habe ich über den Bildungsgang, eine Jugendbewegung für bessere Bildung, kennengelernt. Wir kamen auf die Idee, zusammen zu reisen. Und schließlich hat es geklappt, wir waren 45 Tage gemeinsam nach Indien unterwegs. Der Umwelt zuliebe fliege ich nicht. So begann die Reise schon eindrücklich: Wir sind durch Osteuropa, die Türkei, den Irak und Iran getrampt. Unsere Zeit im Iran war besonders prägend, die Herzlichkeit der Menschen dort ist einfach unbeschreiblich. Ich habe mich in die persische Kultur, die Sprache, die Poesie, die Architektur der Moscheen und die tiefe Gastfreundschaft der Iraner und Iranerinnen verliebt.

Wir verbrachten eine wunderbare Woche unter Palmen an einem Fluss in der Region Balutschistan. Den Fluss erreichten wir nach einer beschwerlichen Reise durch bergiges Wüstenland. Selten habe ich mich so nach Naturgrün gesehnt. In Balutschistan, wo wir ursprünglich nur auf unser Visum nach Pakistan warten wollten, haben wir die liebsten Menschen kennengelernt. Es dauerte nicht lange, da kochten die Frauen auch für uns mit, und irgendein neugieriger, mutiger Junge hat uns dann das Essen vorbeigebracht. Wir haben viel Besuch bekommen, und einige Männer haben mit uns Pfeife geraucht. Die großartigen Dinge im Leben passieren irgendwie immer dann, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet.

Dalai Lama


Balutschistan liegt im Osten des Iran. Es ist eine sehr arme Region. Um Geld zu verdienen, wird oft Öl nach Pakistan geschmuggelt. Zukunftsperspektiven haben dort nur sehr wenige Menschen. Manche der reichsten Familien schicken einen Sohn nach Europa. Das hat uns ein sehr netter Mann erzählt, der uns einmal mit seinem Auto mitgenommen hat. Er hatte schillernde Manschettenknöpfe an seiner ansonsten sehr traditionellen Kleidung. In seiner Brusttasche hatte er zwei Smartphones, und Smartphones sind dort viel teurer als in Deutschland. Er hat uns zum Mittagessen eingeladen und eine geheime Bucht am Fluss gezeigt, wo ein paar Jungs geangelt haben. Irgendwann erzählte er uns stolz, dass sein Bruder in Deutschland lebt. Da musste ich an einige der Migranten denken, die ich kenne. Sie wurden bei Weitem nicht so herzlich in unserer Kultur empfangen, wie wir hier. Da musste ich schlucken.

Und an mein Privileg denken, eine weiße Passinhaberin zu sein. Mit einem Pass wie meinem bekommt man in Pakistan sogar eine Polizeieskorte. An den Militär-Checkpoints mussten wir uns zwar in Logbücher eintragen, bekamen dafür aber jede Menge Tee. Übernachten durften wir auf Polizeistationen. Das alles lief komplett ohne Geld ab. Als wir eines Abends an so einer Polizeistation saßen, wurde eine große Gruppe Pakistanis im Gänsemarsch an uns vorbeigeführt. Dann mussten sie sich hinhocken, und ihre Daten wurden aufgenommen. Was da los sei, fragte ich den Polizeioffizier, der gerade Tee mit uns getrunken hatte. Alle Männer würden aus türkischen Gefängnissen zurückkommen, sagte er. Sie waren alle auf dem Weg nach Europa, auf der Suche nach Arbeit und wurden aufgegriffen, weil sie keine Papiere hatten.

Plötzlich stand da eine kleine Familie: eine Mutter mit kleinem Sohn im Arm, zwei Knirpse daneben. Die Buben haben in der Gruppe der Männer ein vertrautes Gesicht gesucht, es aber nicht gefunden.
Oft ist mir zum Weinen. Überall nur Männer. Männer, die dorthin wollen, wo ich herkomme. Weil sie glauben, dass ihre Zukunft dort besser sei. Wie unterschiedlich doch Hoffnungen sein können. In Pakistan bin ich mir meiner Freiheit sehr bewusst geworden.

Nach einigen Wochen sind Frieder und ich an unserem Ziel in Dharamsala angekommen. Wir wollten dorthin, wo seine Heiligkeit der Dalai Lama lebt. Es ist ein wunderbarer Ort am Fuße des Himalajas. Ich habe im Tempel dort meditiert und die Mönche beobachtet. Ich habe auch den Dalai Lama selbst gesehen, weil gerade die Zeit seiner „Teachings“ war. Ich konnte ihm zuhören, wie er von den „Siebenunddreißig Praktiken eines Bodhissatvas“ sprach. Mehr noch als das Teaching hat mich die Ausstrahlung des Dalai Lama berührt. Man fühlt seine Persönlichkeit, seine pure Liebe und Empathie. Das gibt mir Kraft, mein Potenzial zu entfalten – und zu leuchten.

Jola Drews sammelt Bausteine für eine Lernkultur der Zukunft. Schon während ihrer Schulzeit wollte sie wissen, wie sich wahrhaftige Bildung erwerben lässt. So hat sie mit anderen jungen Menschen die Demokratische Stimme der Jugend e. V. gegründet und den Bildungsgang organisiert.
Die gesamte Reise ist auf ihrem Blog nachzulesen: www.instagram.com/jolamahi

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Fotos © Jola Drews

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