Leben

Viele sind von ihren Smartphones abhängig, wissen es aber nicht. Rund 80 Mal am Tag wird entsperrt. Darunter leiden Gehirn, Kreativität und Mitmenschen.


1. Zeit zurückgewinnen

Vor rund zwölf Jahren kamen die ersten Smartphones auf den Markt. Konnte man damals nur punktuell damit ins Internet, ist das heute rund um die Uhr und ohne große Kosten möglich. Damit ist das Smartphone allgegenwärtig geworden. „Wie können wir so viel Zeit und Aufmerksamkeit wie nur möglich von den Nutzern bekommen?“, sagte Sean Parker, Mitbegründer von Facebook, über die damalige Geschäftsstrategie des heute wichtigsten Internetkonzerns. Der Plan ist aufgegangen. Rund 80 Mal am Tag, zeigen Studien, werden Smartphones entsperrt, das ist alle zwölf Minuten ausgehend von acht Stunden Schlafenszeit. Täglich werden circa 2.600 Tätigkeiten am Handy ausgeführt. Im Mittel ist ein Smartphone-User drei Stunden pro Tag online. An der Universität Lübeck wurde eine Studie zur Internetabhängigkeit (PINTA) durchgeführt. Das Ergebnis: Rund 2,5 Millionen Deutsche zwischen 14 und 64 Jahren haben eine ‚problematischen Internetnutzung‘, rund 560.000 gelten als abhängig, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sinnvoll ist es, sich einen Überblick über die eigenen Nutzungsgewohnheiten durch Apps wie ‚RealizD‘ oder ‚ShutApp‘ zu verschaffen. Die Frage lautet: Welche Aktivitäten im wirklichen Leben kommen deshalb zu kurz?

2. Hirn entlasten

Smartphones haben nicht nur den Alltag grundlegend verändert, sondern auch die Anforderungen an das menschliche Gehirn. Größtes Problem dabei sind die ständigen Unterbrechungen (Klingeltöne!). Das Gehirn als Steuerungszentrale des Organismus ist dadurch in eine Art Daueralarm versetzt. Smartphone-Nutzer sind zudem zum ständigen Multitasking gezwungen. Da ein E-Mail, dort eine WhatsApp und dazwischen ruft vielleicht noch jemand an. Zwar ist das menschliche Gehirn zum Multitasking fähig, doch langfristig leidet die Merkfähigkeit, da man sich ständig an etwas erinnern muss. Wer ungestört eine Aufgabe nach der anderen abarbeitet, hat weniger Stress. „Wir begeben uns in einen Zustand der immer kürzeren Sinneinheiten, der pausenlosen Unterbrechungen und des ständigen Abgelenktseins“, konstatiert Alexander Markowetz in seinem Buch ‚Digitaler Burnout‘. Zudem werden auch die Aufmerksamkeitsspannen durch die Smartphone-Nutzung kürzer. Doch gerade die Aufmerksamkeit ist es, die Menschen kreativ macht. Der ungarische Psychiater Mihály Csíkszentmihály beschreibt sie als ‚Flow‘, den durch lange Konzentrationszeit entstehenden Glückszustand. Das Resultat: Die dauernde Überforderung durch die Smartphone-Anwendungen macht viele aggressiv, fahrig oder unzufrieden. Welche Langzeitfolgen die exzessive Nutzung haben könnte, darüber wird nur spekuliert. Eine beängstigende These ist, dass diese Dauerbelastung nicht nur Depressionen und Angsterkrankungen fördert, sondern auch eine neue Form von Demenz auslösen könnte.

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3. Echt leben

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das definiert sich im 21. Jahrhundert aber mitunter darüber, wie viele Freunde und Likes jemand auf Facebook oder Instagram hat. Schwarmverhalten ist der Fachterminus dafür. Beim Chatten und Posten wird erstaunlicherweise die Ausschüttung von Dopamin angeregt, es ist derselbe Neurotransmitter, der auch bei gutem Essen oder Sex aktiviert wird. Zudem ist das menschliche Gehirn stets an neuen Informationen interessiert – auch dieses Bedürfnis wird durch ein Smartphone ständig befriedigt. „Wenn wir unsere gesamte Aufmerksamkeit in das äußere Netz legen, dann geht die Wahrnehmung nach innen Stück für Stück verloren. Wenn dann plötzlich die äußere Vernetzung fehlt, ist es schwierig, etwas nach innen zu spüren“, sagt Georg Milzner, Psychologe an der Universität Münster, der über die seelischen Störungsbilder wie Unruhe, Depression oder Angst durch digitale Medien schreibt. Er warnt auch vor den innerfamiliären Auswirkungen von exzessiver Smartphone-Nutzung. Ungeteilte Aufmerksamkeit von Eltern ihren Kindern gegenüber sei für deren gesunde Entwicklung entscheidend, digitale Medien beeinflussten diese Aufmerksamkeit massiv, sagt er. „Diejenigen, die als Kind erleben, dass sie weniger wahrgenommen werden, bekommen auf subtile Art vermittelt, dass sie weniger interessant sind“, so Milzner. Zudem ahmen Kinder ihre Eltern auch nach. „Atmen, Anfassen, Riechen, Spüren, Sehen und Hören“, empfiehlt auch der deutsche Mediziner Bert te Wildt von der Klinik für Psychosomatische Medizin des Universitätsklinikums Bochum und nennt es analoge Selbstfürsorge. Er hat die Online-Ambulanz OASIS für Internetsüchtige eingerichtet. Auf www.onlinesucht-ambulanz.de gibt es einen Fragebogen zum Selbstcheck.

4. Mehr freie Zeit

Noch schnell ein E-Mail beantworten, etwas im Netz recherchieren und das durchaus auch mal sonntags, so zwischendurch. „Smartphones haben Arbeit und Freizeit verschwimmen lassen, zu Ungunsten derer, die arbeiten“, sagt Martin Risak, Arbeitsrechtler an der Universität Wien, und sieht es als gesellschaftlichen Rückschritt, schließlich war die Begrenzung der Arbeitszeit eine Errungenschaft zu Beginn des Industriezeitalters. Damals war eine Siebentagewoche üblich, heute, so Risak, machen sie viele Menschen wieder vollkommen freiwillig. Nicht nur arbeitsrechtlich, auch gesundheitlich betrachtet sind Pausen für den menschlichen Organismus wichtig, um zu entspannen, neue Kraft zu tanken und kreativ für Neues zu werden. Mit anderen Worten: Nichtstun oder Langeweile sind in Wahrheit ausgesprochen produktive Phasen, die durch das Smartphone vom Aussterben bedroht sind.
Auch die Pausen innerhalb eines Tages sind vom Verschwinden bedroht. In der U-Bahn, an der Bushaltestelle, wenn die Freundin bei einem Treffen auf die Toilette geht: Der Griff zum Smartphone passiert für die meisten reflexartig. Damit bringt man sich um die Mikropausen, die das Gehirn bräuchte, um Infos zu klassifizieren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und für Neues aufnahmebereit zu sein.

5. Ein Smartphone haben, aber nicht nutzen

Wer sich dem Diktat des Vernetztseins nicht mehr aussetzen will, kann Maßnahmen treffen, um sein Smartphone nur mehr gezielt zu nutzen. Im Grunde genommen geht es darum, Offline-Zeiten in seinem Alltag zu etablieren. Eine Möglichkeit: Sperrgebiete zu Hause einrichten, zum Beispiel im Schlafzimmer, weil das blaue Licht der Handys erwiesenermaßen den Schlaf stört. Zudem lassen sich viele vom Handy wecken und beginnen ihren Tag auf News-Suche im Internet und in den sozialen Medien. Einen Wecker kaufen, kann helfen. Oder seine Termine wieder in Kalender aus Papier eintragen. Und die alte Fotokamera reaktivieren, um nicht ständig auf die Handykamera angewiesen zu sein. All diese Anwendungen, wie auch die Taschenlampe am Handy, fördern die hochfrequente Nutzung. Auch Esstische – ob zu Hause oder im Restaurant – können zur Sperrzone erklärt werden und so Raum für reale soziale Interaktion geben. Besonders sinnvoll, um sich weniger dem Stress der ständigen Nachrichten auszusetzen, ist es, sämtliche Klingeltöne bei neuen Nachrichten auf lautlos zu schalten. Für diese bewusste Verwendung von Smartphones gibt es auch schon einen Namen: ‚Low Digital‘ heißt ein neuer Lifestyle, der Körper und Psyche aus einem unbewussten Dauerstresszustand holt. Was noch dazugehört? Mehrtägiges Digital Detox im Urlaub. Das hilft zu spüren, wie sich tiefe Erholung anfühlt. Gut nämlich.

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Kommentare  
# Marianne 2020-07-30 16:38
Ein toller Text und 100 Prozent stimmig
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