Leben

Die Suche nach der Erfüllung persönlicher Wünsche und das Streben nach positiven Gefühlen prägen die Menschheitsgeschichte von Anfang an.

Adam und Eva müssen ihren Glücksort, das Paradies, verlassen und von nun an ihr Leben mit schwerer Arbeit und im Kampf gegen wilde Tiere fristen. Auch im Buddhismus heißt es, dass alle fühlenden Wesen nach Glück streben, und die Formulierung Thomas Jeffersons ‚Pursuit of Happiness‘ hat als originäres, individuelles Freiheitsrecht sogar Eingang in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gefunden.

In einem bekannten Wienerlied textete Alexander von Biczo im 19. Jahrhundert ganz treffend:

„Das Glück is a Vogerl / gar liab, aber scheu /
es lasst si’ schwer fangen / aber fortg’flogn is glei.
Das Herz is der Käfig / und schaust net dazua /
so hast du auf amal dann / ka Glück und ka Ruah."

Das Wort ‚Glück‘ leitet sich vom mittelniederdeutschen ‚gelucke‘ ab und meint die ‚Art, wie etwas endet/gut ausgeht‘. Glück ist demnach der günstige Ausgang eines Ereignisses, wobei sich dies meist ohne weiteres Handeln der Betroffenen so ergibt.
Ein jüdischer Witz konterkariert aber diese eher schicksalsergebene Beschreibung von Glück sehr treffend:

Janki richtet jeden Tag dieselbe Bitte an Gott: „Bitte, lass mich in der Lotterie gewinnen! Bitte, lass mich in der Lotterie gewinnen!“ Als er diesen Wunsch wieder einmal besonders inbrünstig wiederholt, öffnen sich die Himmel und die Stimme Gottes antwortet: „Janki, gib mir eine Chance! Kauf dir ein Los!“

Kann man sein Glück doch beeinflussen? Der britische Psychologe Richard Wiseman von der Universität in Hertfordshire suchte für eine Studie per Zeitungsinserat Glückspilze und Pechvögel. Er erhob das Alltagsverhalten und die Lebenseinstellungen seiner Testpersonen und kam zu dem Ergebnis, dass etwa zwölf Prozent aller Menschen sogenannte Sonntagskinder sind, während neun Prozent scheinbar ständig vom Pech verfolgt werden.

Bei einem seiner Tests mussten die Probanden eine Zeitung durchblättern und alle darin enthaltenen Bilder zählen. Was die Studienteilnehmer aber nicht wussten, war, dass auf einer der Seiten in großen Buchstaben die Lösung zu lesen stand: „Hören Sie auf zu zählen, es sind genau 43 Fotografien in dieser Zeitung!“ Jene Testpersonen, die sich zu verbissen auf das Zählen der Fotos konzentriert hatten, übersahen diese Information. Wer hingegen mit einer gewissen Distanz und Leichtigkeit die Zeitung durchblätterte, der konnte die Antwort sehen und hatte auch nicht das Risiko, sich beim Zählen geirrt zu haben. Die selbsterklärten Pechvögel übersahen diese Information vergleichsweise öfters und waren in ihrem Verständnis wieder einmal die Unglücksraben. Wer jedoch positiv mit der inneren Einstellung, Erfolg zu haben, an diese Aufgabe heranging, dem entging diese günstige Gelegenheit nicht so leicht.

Die von Wiseman erhobenen Personenprofile zeigten, dass die von ihrem Glück überzeugten Menschen gern soziale Kontakte knüpfen und pflegen und damit ihre Chancen erhöhen, bei Gelegenheit Leute zu kennen, die ihnen helfen können. Glückspilze sehen optimistisch in die Zukunft, kapitulieren nicht so schnell und versuchen, Rückschläge so weit wie möglich zum Besten zu wenden, resümierte der Forscher seine Ergebnisse und belegte dies auch an einem sehr anschaulichen Beispiel: „Viele meiner Testpersonen betrachteten sich als Glückspilze, obwohl sie zum Beispiel schwer krank waren oder ihnen nahe Menschen verloren haben. Solche Menschen sehen es als glückliche Fügung an, wenn sie einen Unfall schwer verletzt überleben. Ein Pechvogel würde darin hingegen seine tiefe Überzeugung bestätigt finden, wieder einmal vom Schicksal benachteiligt worden zu sein. Glück zu haben heißt vor allem zu lernen, wie man Probleme auf kreative Weise bewältigen kann.“

 

Glück

 

Seit den 1990er Jahren wird auch der Bereich Green Care stark beforscht. Unter diesem Begriff versteht man die positive und unterstützende Wirkung von Tieren und Pflanzen auf das menschliche Wohlbefinden. Eine der größten Untersuchungen zu den Auswirkungen von Natur auf die psychische und physische Gesundheit wurde unter dem Titel ‚The Greener the Happier?‘ publiziert. Grundlage dafür war eine Langzeitbefragung von 30.000 Menschen, die jedes Jahr zu verschiedenen Aspekten ihres Lebens interviewt wurden. Für ihre Studie werteten die Forscher Angaben von Bewohnern urbaner Zentren in Deutschland aus. Diese Angaben zur persönlichen Befindlichkeit wurden dann in Verbindung zur Entfernung zwischen dem Wohnort der Befragten und der nächsten Grünfläche gesetzt. Und es ließ sich ein interessanter Zusammenhang erkennen: Je näher die Menschen an einem Park wohnten, umso stärker stieg ihre Lebenszufriedenheit und sank ihr Risiko für Diabetes, Schlafstörungen und Gelenkerkrankungen.

Bei solchen Statistiken muss man jedoch bei der Interpretation genau zwischen einer Korrelation, also einer Wechselbeziehung, und einem Kausalzusammenhang unterscheiden. Eine Korrelation beschreibt keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Ein Bespiel: Menschen, die viel lachen, geben in Meinungsumfragen regelmäßig an, glücklicher zu sein als andere. Da diese beiden Phänomene stets zusammen auftreten, wäre denkbar, dass glückliche Menschen mehr lachen. Aber auch der Zusammenhang, dass Menschen, die viel zu lachen haben, dadurch glücklicher werden, ist eine mögliche Schlussfolgerung. Es könnte aber auch gar kein direkter Zusammenhang bestehen, weil ebenso möglich wäre, dass sowohl das Lachen wie auch das Glück davon abhingen, wie das Wetter an dem Tag war, an dem die Beobachtungen gemacht wurden. Die hier erwähnte Studie ‚The Greener the Happier?‘ führt deswegen auch ein Fragezeichen im Titel.

Vielleicht entsteht der Zusammenhang auf anderer Ebene, wenn es etwa nur gesündere Menschen sind, die in grüne Wohnlagen ziehen. Wohnungen in Parknähe sind meist auch teurer. Wohlhabendere Leute legen in sozialwissenschaftlichen Studien auch meist mehr Wert auf einen gesunden Lebenswandel. Die Fragestellungen zu den Wechselwirkungen zwischen der Nähe zur Natur und einer größeren Lebenszufriedenheit sind wissenschaftlich schwer zu untersuchen. Viele der zahlreichen Studien kommen zu dem Schluss, dass regelmäßiger Aufenthalt in der Natur mit einem verringerten Risiko einhergeht, Ängste, Depressionen, Übergewicht, Herz- oder Atemwegsleiden zu entwickeln. Diese Resultate erscheinen vernünftig, doch die Gründe für diese Auswirkungen sind kaum bekannt. Was bewirkt die Senkung des Blutdrucks nach einem Waldspaziergang? Die sauerstoffreiche Luft? Die ätherischen Gerüche der Nadelbäume? Oder ist es die Muskeltätigkeit des Wanderns an sich? Und können dieselben Effekte auf einem Laufband und durch Duftspray auch im 25. Stockwerk eines Plattenbaus erzielt werden?

Terry Hartig von der Uppsala Universität in Schweden untersucht Erholungsräume und warnt davor, Natur zum Allheilmittel zu erklären. Er meint: „Natur und Gesundheit sind zwei Wörter, die bei einigen Leuten quasireligiöse Gefühle auslösen.“

Was können wir tun, damit uns das erwünschte Glück, nachdem wir es gefunden haben, nicht wieder so schnell wie das Vogerl in dem eingangs zitierten Wienerlied verlässt? Vermutlich müssen wir einen Fehler in unserer Wahrnehmung überwinden und Alltagserlebnisse ohne die Glücksfee zu verstehen lernen. Regnet es gerade dann nicht, wenn wir extra einen Regenschirm mitgenommen haben? Nein, die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem konkreten Zeitpunkt regnet, ist grundsätzlich eher gering, auch bei schlechter Wetterprognose. Lernen wir, die Welt ohne schicksalshafte Ereignisse wahrzunehmen, und erinnern wir uns an den alten Spruch, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.

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