Diskurs

Citizen2be ist eine Organisation mit dem Ziel, geflüchteten Frauen durch Yoga zu helfen. Yoga kann ein Werkzeug sein, um besser mit Traumata umgehen zu lernen. Ein Bericht.

Als ich 2014 das erste Mal in ein Geflüchtetenheim gegangen bin, um den Frauen dort kostenfrei Yogaunterricht anzubieten, konnte ich nicht ahnen, was daraus entstehen würde. Damals, im April 2014, wollte ich nur eines: ein wenig von dem Glück, das mir durch meine Herkunft mitgegeben wurde, weiterreichen. Denn die soziale Gerechtigkeit, von der wir alle immer wieder gerne sprechen, gibt es nicht. Ich wurde als weiße Frau in Deutschland in eine Akademikerfamilie hineingeboren. Damit habe ich gleich dreimal in der Lebensglück-Lotterie gewonnen. Anderen ergeht es nicht so. Sie müssen aufgrund der politischen oder wirtschaftlichen Situation in ihrem Land Familie, Heimat und alles, was sie sich mühsam aufgebaut haben, zurücklassen.

Dieses Schicksal hatten alle Frauen, die ich 2014 in meiner ersten Yogastunde begrüßen durfte, gemeinsam. Ich werde niemals vergessen, wie ich damals in diesem dreckigen Aufenthaltsraum auf meiner schicken Yogamatte saß. Die Yogamatte war sicherlich doppelt so teuer wie das gesamte Mobiliar, das mich umgab. Um mich herum lagen Reste von einem Geburtstagsfest, das jemand in den letzten Wochen dort gefeiert hatte. In der rechten Ecke stand ein alter Fernseher, in der linken abgegriffene Bilderbücher und dazwischen ein Sofa, das eigentlich auf den Sperrmüll gehörte. Der Raum war also alles andere als einladend.

Mit dem Yoga gebe ich den Frauen auch ein Stück Selbstermächtigung zurück. Sie erhalten ein Werkzeug, mit dem sie sich selbst helfen können.

Trotzdem sind drei Frauen zu meiner ersten Yogastunde gekommen. Keine der Frauen hatte vorher jemals Yoga ausprobiert, doch man sah ihnen an, dass sie sich nach Entspannung sehnten. Trotz einiger Sprachbarrieren – die jüngste der drei Frauen war Vietnamesin und verstand weder Englisch noch Deutsch – gelang es mir, ihnen einige Yogaübungen beizubringen.

Nach einer Stunde lagen sie in diesem dreckigen Raum auf meinen überteuerten Yogamatten in der Schlussentspannung. Wir hatten viel gelacht und uns ein bisschen bewegt und geatmet. Ich massierte die Frauen am Ende der Stunde. Ich konnte förmlich spüren, wie sehr jede von ihnen genoss, berührt und gesehen zu werden. „I am more than a refugee“, dieser Satz, den mir eine der drei Frauen am Ende der Stunde mit auf den Weg gab, ist mir nie wieder aus dem Kopf gegangen. In Syrien arbeitete die 40-Jährige als Lehrerin. Hier, in Deutschland, würde sie sich einen neuen Beruf suchen müssen. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass auch ich diese Frauen vor allem als Geflüchtete und niemals als Menschen in ihrer Gesamtheit gesehen hatte.

Wie so viele beging ich den Fehler, zu denken, ich wüsste, was das Richtige für sie sei. Am Anfang meiner Arbeit mit den geflüchteten Frauen hing ich dem Irrglauben an, ich müsste ihnen nun erklären, wie es in Deutschland läuft. Wie sie sich hier am besten integrieren können. Damit habe ich ihnen nicht nur die Fähigkeit abgesprochen, sich aus eigener Kraft und Motivation zurechtzufinden, ich habe auch ihr Wissen, ihre Tradition und ihr Können nicht entsprechend wertgeschätzt. Es war ein imperialistischer Duktus, in den ich da verfallen war. Es war keine Begegnung auf Augenhöhe.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich das begriffen hatte. Die Begegnung auf Augenhöhe und die Autonomie, die man jedem Menschen zugestehen sollte, sind nicht nur die Grundvoraussetzung für eine gelungene Integration, sondern sie sind auch der einzige Weg, wie die Frauen die auf der Flucht erlittenen Traumata verarbeiten können.

Warum gibst du diesen Frauen ausgerechnet Yogaunterricht? Brauchen sie nicht viel dringender eine Arbeit, eine Wohnung oder Sprachunterricht? Diese Fragen höre ich immer wieder. Meine Antwort darauf lautet: Ja, natürlich sind all diese Aspekte für ein gutes und gelungenes Leben wichtig, aber weder eine Wohnung noch eine Arbeit noch das Beherrschen der deutschen Sprache kann ihnen dabei helfen, wieder bei sich und in ihrem Körper anzukommen. Genau das brauchen sie aber, um gesund zu werden. Sie tragen diese traumatischen Erlebnisse in sich, die sie in ihrem Heimatland oder auf der Flucht erlebt haben. Werden diese nicht überwunden, stehen sie nicht nur einer Integration im Weg, sie werden sie ihr Leben lang mit sich herumtragen und an ihre Kinder und Enkelkinder weitergeben.

Es ist ein Phänomen, das viele Nachkriegskinder und -enkel sehr gut kennen. Doch das Yoga hilft den Frauen nicht nur bei der Verarbeitung ihrer Traumata, indem sie lernen, ihren Geist und Körper zu beruhigen. Mit dem Yoga gebe ich den Frauen auch ein Stück Selbstermächtigung zurück. Sie erhalten ein Werkzeug, mit dem sie sich selbst helfen können.

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Wie gut das funktioniert, konnte ich bei einer jungen Syrerin sehen. Sie bekam ein Stipendium für eine Yogalehrer-Ausbildung. Kurz bevor die Ausbildung begann, überreichte sie mir einen Brief. In diesem stand, dass das Yoga ihr Leben komplett verändert habe. Sie besitze nun endlich die innere Begeisterung und Kraft, um sich in Deutschland wirklich zurechtzufinden. Eine Kraft und Liebe, die sich auch in ihrer Familie widerspiegelt. Kann es ein schöneres Kompliment für meine Arbeit geben?

2016 gründete ich eine gemeinnützige Organisation, Citizen2be, zu deren Team heute über zehn Lehrerinnen gehören. Wir bieten in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten wöchentlich kostenfrei traumainformierte Yogastunden an. Die Stunden werden von Lehrerinnen durchgeführt, die vorher an einem Citizen2be-Workshop teilgenommen haben. Diesen Workshop habe ich gemeinsam mit der Yogalehrerin Annette Söhnlein und der Therapeutin Gesa Schramm entwickelt. Uns ist wichtig, dass die Lehrerinnen nicht nur wissen, was ein Trauma ist, sondern auch, wo unsere Grenzen liegen. Denn wir sind keine Therapeutinnen, sondern Yogalehrerinnen. Es ist für unsere Arbeit unverzichtbar, diese Grenze zu kennen.

Als wir während der Corona-Zeit keinen Unterricht geben konnten, haben wir begonnen, ein Onlineprogramm zu entwickeln. Ende dieses Jahres wird das Programm auf unserer Seite in vier Sprachen – Deutsch, Arabisch, Englisch und Französisch – zur Verfügung stehen. Erste Hilfswerke und Flüchtlingscamps außerhalb Deutschlands haben bereits Interesse dafür bekundet.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 114: „Balance finden"

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2015, als viele Menschen in unserem Land eine neue Heimat gesucht haben, sprach man immer wieder von einer „Flüchtlingskrise“. Ich jedoch sehe in dieser Entwicklung viele Chancen. Es ist eine Chance für unsere Gesellschaft, alte Verhaltensmuster abzulegen. Es ist aber auch eine Chance, gemeinsam mit den Geflüchteten unser gesellschaftliches System und die Art unseres Miteinanders positiv zu verändern. Denn die Geflüchteten bringen jede Menge neue Impulse, Talente und Wissen mit in unsere Gesellschaft, die uns, wenn wir sie sehen, bei der Gestaltung einer besseren Zukunft helfen können. Nur gemeinsam sind wir stark genug, um all die Krisen, die noch auf uns zukommen werden, zu überwinden.

Bettina Schuler lebt als freie Journalistin, Autorin und Yogalehrerin in Berlin. 2016 hat sie die gemeinnützige Unternehmergesellschaft Citizen2be. www.citizen2be.de


Bilder © Tina Linster

 

Kommentare  
# Matthias Madhura Das 2022-01-18 14:09
für das Traumata nicht gegen
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