Diskurs

Zeitempfinden und Selbstwahrnehmung sind eng miteinander verknüpft. Der deutsche Psychologe Marc Wittmann erklärt, was bei Grenzerfahrungen passiert.

U\W: Herr Wittmann, wie nehmen wir unsere Umgebung eigentlich als Wirklichkeit wahr?
Marc Wittmann: Über den Körper. Es ist weniger, dass wir die Wirklichkeit als solche wahrnehmen, sondern über uns selbst vermittelt. Es gibt den Ausdruck Körper-Selbst, der das sehr gut beschreibt. Dabei sind das Körper-Selbst und die Wahrnehmung von Zeit sehr eng miteinander verknüpft. Wir können das bemerken, wenn wir warten müssen und uns dabei langweilen.


Langeweile als Schlüssel zu sich selbst. Wie meinen Sie das?
Jeder hat doch schon einmal erlebt, dass er warten musste und dabei nichts zu tun hatte. Das empfindet man dann als langweilig. Es gibt keine Ablenkung, und genau in solchen Situationen nimmt man das eigene Selbst dann besonders stark wahr. Wer warten muss, hat ebenfalls schon erlebt, dass dann auch die Zeit sehr langsam zu vergehen scheint. Diese Wahrnehmung des Selbst und die Zeitwahrnehmung sind also miteinander gekoppelt. Das lässt sich im Umkehrschluss auch sehr gut überprüfen:
Wer geistig abgelenkt ist, sich intensiv mit etwas beschäftigt oder sich unterhält, für den verfliegt meistens die Zeit. Man ist von sich selbst abgelenkt.

Das ist doch das, was auch während einer Meditation passiert, oder wie würden Sie beschreiben, was genau passiert?
Eine Meditation lässt sich über die Körperwahrnehmung induzieren, also einleiten. Es gibt unterschiedliche Arten, das zu tun. Man kann zum Beispiel auf die eigene Atmung achten, man kann wie in der Vipassana-Meditation sich aber auch die Teile des eigenen Körpers bewusst machen. Wer sich fünfzehn Minuten lang darauf einlässt, wird sich seines Körpers stärker bewusst, verbindet sich sozusagen auf eine sehr konzentrierte Art und Weise. Diese Fokussierung führt zu einem Wechsel in der Wahrnehmung.


Und wer das regelmäßig und oft macht ...
... kann erleben, wie es zu einer Veränderung der Selbst- und Körperwahrnehmung kommt. Es ist eine Sache der Erfahrung. Je größer sie ist, umso stärker kann die Wahrnehmung sein, der eigenen Körperlichkeit enthoben zu sein.


Lässt sich dieses Phänomen eigentlich auch hirnphysiologisch erklären?
Wittmann: Es gibt sehr interessante Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung. Mit funktioneller Magnetresonanztomografie lässt sich zeigen, welche Gehirnregionen bei bestimmten Tätigkeiten aktiv sind. Für die Zeit- als auch die Körperwahrnehmung scheint der insulare Kortex eine Schlüsselrolle zu spielen. In der Induktion zur Achtsamkeitsmeditation, also bei der Fokussierung auf den Atem, ist genau dieser Bereich im Gehirn aktiv. Wenn bei Hirnverletzungen der insulare Cortex betroffen ist, können Patienten beispielsweise auch einen Verlust des Zeitgefühls erleiden.

Genau diesen Verlust erleben aber auch Leute, die sogenannte Grenzerfahrungen machen. Sie beschreiben es als positiv. Lässt sich dieser Gehirnbereich denn bewusst beeinflussen?
Bei sehr erfahrenen Meditierenden dürfte das tatsächlich der Fall sein. Sie berichten davon, dass die Zeit für sie aufhört, zu vergehen. Eine andere Schilderung ist auch der Eindruck, dass Meditierende das Körper-Selbst nicht mehr wahrnehmen. Es findet, so wird es berichtet, ein Verschwinden des Körper-Selbst statt. Es wird als eine Auflösung der Körpergrenzen beschrieben.

Manchen fällt Meditation leicht, anderen gar nicht. Es gibt Meditierende, die das nie erleben. Warum gibt es so große Unterschiede?
So wie Klavierspielen ist auch Meditation Übungssache. Es gibt Begabte und weniger Begabte. Was es zu erlernen gilt, ist eine fokussierte Aufmerksamkeit.
Sie findet über das Körper-Selbst statt. Deshalb ist auch das Achten auf die Atmung erst einmal eine Art Hilfsmittel, mit der man diese Fokussierung üben kann. Konkret geht es dabei auch um den Fokus auf das Hier und Jetzt. Das Denken an gestern und morgen hört auf und damit auch die selbstverbundenen Gedanken. Das geht sogar mit Veränderungen der Aktivitätsmuster im Gehirn einher.

Wie genau?
Israelische Kollegen konnten zum Beispiel zeigen, dass das Beta-Band, ein bestimmtes Frequenzband des Gehirns, abnimmt, wenn Meditierende das Körper-Selbst-Gefühl verlieren.

Ist das der Moment, von dem Leute als Grenzerfahrungen sprechen?
In einem spirituell-mystischen Kontext wird die Auflösung des Selbst im Umgebenden und in der Zeit so interpretiert.

Wer ein spirituelles Erlebnis hat, beschreibt es nicht selten auch als eine Art Auflösungserlebnis.
Genau. Als Auflösung oder als Aufgehen in der einen umgebenden Welt: So werden spirituellmystische Erlebnisse beschrieben. Diese Erfahrung lässt sich auch durch psychotrope Substanzen stimulieren. Der Schweizer Psychiater Franz Vollenweider untersucht dieses Erlebnis mit Gehirnscannern. Das Erlebnis wird auch als ozeanische Selbstauflösung beschrieben.

Ist das eine positive oder negative Erfahrung?
Das dürfte vom Setting abhängen, in dem so ein Erlebnis stattfindet. Eine ozeanische Selbsterfahrung oder ein schlechter Trip sind nicht sehr weit voneinander entfernt. Die Umgebung und Stimmung spielen eine starke Rolle. Es kann nämlich sein, dass die Erfahrung einer Auflösung des Körperwahrnehmungs-Selbst in Angst oder Panik umschlägt. Wer mit psychotropen Substanzen operiert, gestaltet schließlich nicht selbst. Da hängt vieles von der Dosis eines Wirkstoffes ab.

Marc Wittmann

Inwiefern ist Meditation anders?
Es ist eher selbst gestaltet und gesteuert. Keine Überforderung.

Aber trotzdem auch eine Grenzerfahrung?
Das Besondere an Grenzerfahrungen ist ja wohl, dass sie sich der Beschreibung durch Sprache eigentlich komplett entziehen. Es sind außersprachliche Erlebnisse, ein Erleben, das außerhalb unserer allgemeinen Alltagserfahrung stattfindet. Ich denke, dass sich solche Grenzerfahrungen auch nicht auf einen bestimmten Zustand reduzieren lassen, sondern
es sich vielmehr um ein Spektrum sehr unterschiedlicher Wahrnehmungen handelt. Es bleibt tatsächlich schwer beschreibbar. Eine Annäherung an solches Erleben kann man in Grenzerfahrungen bei Sport, in der Musik oder beim Sex haben.

Können Sie versuchen, Worte dafür zu finden?
Es ist so, als ob ein Sehender blinden Menschen etwas erklären will, was außerhalb deren Wahrnehmung ist. Wenn wir über Grenzerfahrungen sprechen, übersetzen wir ständig nur ein Erleben, das außerhalb der Alltagswahrnehmung stattfindet, in etwas, was andere tendenziell kennen. Es ist immer nur eine Annährung.

Doch Grenzerfahrungen dürften schon auch manche Gemeinsamkeiten haben, oder?
Ja, es wird zum Beispiel häufig von einem inneren Licht berichtet, ein Licht ohne Quelle. Aber manchmal wird es auch so beschrieben, dass überall Licht ist.

Und was ist die Wirkung so einer Erfahrung?
Meditation wird oft als eine Art von innerer Erfrischung erlebt. Doch was Meditation oder auch Grenzerfahrungen tatsächlich im Hirn machen, bleibt eines der großen Rätsel. Es gibt viele Erklärungsversuche auf biologischer Basis. Was allerdings tatsächlich im Bewusstsein passiert, oder was überhaupt Bewusstsein genau ist, lässt sich mit diesem naturwissenschaftlichen Instrumentarium nicht oder nur partiell erklären. Es sind eben tatsächlich Grenzbereiche. Aber vielleicht ist es dann auch tatsächlich die Grenzerfahrung, die uns ein Verständnis von Bewusstsein erlaubt. 


Dr. Marc Wittmann ist Psychologe und forscht am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg.

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Bilder © Unsplash

Kommentare  
# MArie 2021-08-18 07:41
Spannendes Interview, danke!
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