Diskurs

Seit Hunderten Jahren sehen Menschen Tiere als Fleischlieferanten. Die Stiftung Felsentor veranstaltet Retreats, um diese Einstellung zu verändern – eine Lektion in Empathie für alle Lebewesen.

In der Sonne auf einer Wiese liegen mehrere Schweine, die Augen geschlossen, schnaufend und entspannt. Sie genießen die Wärme. In unmittelbarer Nähe sitzt Schwester Theresia, eine Nonne und Zen-Priesterin. Sie meditiert. Es ist ein friedliches Schauspiel, jeder für sich und doch gemeinsam. Die Lebensrealität der meisten Schweine in Europa sieht allerdings völlig anders aus. Keine Sonne, keine Wiese und keine entspannte Interaktion mit Artgenossen oder Menschen. In Deutschland zielt, laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, „die moderne Schweinehaltung auf eine hygienische, effiziente und kostengünstige Produktion ab“. Deutschland ist der größte Schweinefleischerzeuger in Europa.

„Es ist abstrakt, wir kaufen Fleisch abgepackt im Supermarkt und vergessen, dass es Lebewesen waren“, sagt Martin Kalff, Meditationslehrer, Religionswissenschaftler und Therapeut. Er leitete sechs Jahre lang ein Retreat in der Stiftung Felsentor mit dem Namen „MediTiere“. Die Stiftung Felsentor wurde vom Zen-Priester Vanja Palmers und dem Benediktinermönch David Steindl-Rast gegründet. Es ist ein Ort der Begegnung zwischen Menschen, Tieren und Natur. Ziegen, Schweine und Hühner, die dort in der Tierschutzstelle aufgenommen wurden, gehören der Gemeinschaft an. Martin Kalff leitete hier viele klassische Dharmaretreats. „Dann ist mir die Idee gekommen, ich könnte diese Tierschutzstelle in die Kurse mit einbeziehen“, erzählt er, der gemeinsam mit Vanja Palmer und Schwester Theresia die Retreats durchführte.

Umsorgen statt schlachten

In Deutschland lebten im Jahr 2019 etwa 25,9 Millionen Schweine. Zum Vergleich: Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland Nordrhein-Westfahlen hat knapp achtzehn Millionen Einwohner. Obwohl es so viele Schweine in Deutschland gibt, begegnet man ihnen im Alltag kaum. Der Grund dafür ist, dass einem Mastschwein mit fünfzig bis 110 Kilo laut Gesetz nur 0,75 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Nur in der sogenannten ökologischen Haltung bekommt ein Schwein auch einen zusätzlichen Quadratmeter Auslauf im Freien. Von den jährlich etwa 5,6 Millionen Tonnen Schweinefleisch machte allerdings im Jahr 2016 diese „ökologische Haltung“ nur 0,4 Prozent aus.

Umsorgen statt schlachten
Tiere begegnen einem im Alltag daher zum großen Teil nur abgepackt im Kühlregal. „Für viele Teilnehmer war das Zusammentreffen mit den Tieren sehr eindrücklich. Sie hatten erstmals einen ganz direkten Kontakt mit ihnen“, erzählt Martin Kalff. Im Retreat wurde jeden Tag anderthalb Stunden schweigend auf der Wiese, mit den dort lebenden Tieren, meditiert. „Je mehr Zeit man mit ihnen verbringt, umso mehr nimmt man sie als Lebewesen wahr“, beschreibt er das Hauptziel des Kurses. Der Kontakt zu den Tieren weckt nicht nur das Mitgefühl mit ihnen, sondern tut auch den Menschen gut, wie Schwester Theresia, die Leiterin der Tierschutzstelle in der Stiftung Felsentor, beschreibt: „Tiere haben eine innere Stille, und wenn wir in diesem Gewahrsein sind und mit ihnen Kontakt aufnehmen, dann wird es auch in uns ruhig.“

In der Regel leben Mastschweine etwa sechs Monate, dann haben sie ihr Schlachtgewicht erreicht. Im Jahr 2016 wurden 59 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet. Bei Schweinen stehen nur Nutzen und Gewinn im Vordergrund, obwohl sie genauso empfindlich, gefühlvoll, intelligent und reinlich sind wie unsere Haustiere. „Tiere sind kostbare Lebewesen“, meint Vanja Palmers und erklärt seine Lebenseinstellung: „Ich bin bemüht, das Leid dieser Welt zu lindern. Dies ist nicht nur auf die Menschen beschränkt, sondern auf alle Lebewesen.“

Umsorgen statt schlachten
Martin Kalff führt den heute so grausamen Umgang mit den Tieren auch auf den französischen Philosophen René Descartes (1596–1650) zurück. Er postulierte, dass Tiere lediglich „Maschinen“ sind. Dieses Denken, das Tiere nur eine Sache sind, ist bis heute verbreitet. Das sie auch enorm gefühlsfähig sind, ist in unzähligen Studien längst bewiesen worden. Doch das wird gesellschaftlich kaum wahrgenommen, denn der Fleischkonsum wächst kontinuierlich. Auch wer kein Fleisch isst und sich vegetarisch ernährt, hält den Kreislauf in Schwung, denn die Kühe müssen, um ausreichend Milch zu produzieren, immer wieder Kälber gebären. Wie Schwester Theresia in einem Film, der über das Retreat gedreht wurde, sehr eindrücklich sagt: „Die ganze Milchwirtschaft lebt davon, dass man jedes Kälbchen der Mutter wegnimmt. Wir sind eine der wenigen Spezies, die im Erwachsenenalter noch Milch trinken.“

Im Buddhismus wird das Thema Fleischverzehr stets heiß diskutiert. Für Mönche gibt es drei Reinheitsregeln, die es zu befolgen gilt: Der Mönch soll weder gehört oder gesehen haben sowie wissen, dass das Tier für ihn geschlachtet worden ist, dann dürfe er es essen. Mönche lebten oft von Almosen, deshalb hatte die Regel Sinn. Würde man dies heutzutage auf Laien umlegen, würde es bedeuten, dass, wenn ein Tier nicht für einen getötet wurde, man es essen könne. Jedoch soll der Aspekt von Angebot und Nachfrage hier nicht außer Acht gelassen werden. Die Dimension der Tierhaltung hat sich sicherlich auch seit Buddhas Lebzeiten maßgeblich geändert.

Umsorgen statt schlachten


Je nach Strömung, Region und Zeit gibt es im Buddhismus unterschiedliche Auslegungen, ob Fleischverzehr erlaubt oder ethisch verwerflich ist. Im Lankavatara-Sutra, eines der wichtigsten Sutras des Mahayana-Buddhismus, steht etwa, dass Menschen, die Fleisch essen, sich nicht von Tieren unterscheiden. Man sollte alle fühlende Wesen wie sein einziges Kind betrachten. Isst man Fleisch, kommt das dem Kannibalismus gleich. Hingegen werden in Vinaya-Texten, einer Sammlung von buddhistischen Ordensregeln im Pali-Kanon, Fleisch und Fisch zu den Grundnahrungsmitteln gezählt. Heutzutage sprechen gegen den Fleischkonsum, neben den ethischen Gründen, auch die Gesundheit und der Klimawandel, zu dem die Fleischindustrie maßgeblich beiträgt. Auch das Corona-Virus, das derzeit die Welt lahmlegt, ist wahrscheinlich durch Fleischverzehr entstanden. „Bis zu 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten, die den Menschen betreffen, sind Zoonosen, das heißt, sie haben ihren Ursprung in Tieren“, schätzt das US Centers for Disease Control and Prevention. Durch menschliches Handeln und Zerstörung des Lebensraums begegnen sich Tiere, die sonst nie Kontakt miteinander haben würden, und so können sich Viren ungehindert ausbreiten. „Tierschutz im weitesten Sinne ist eigentlich eine Frage des menschlichen Bewusstseins“, meint Vanja Palmers dazu. 


„Es sollten sich alle anschauen, wie Fleisch heute produziert wird“, sagt Vanja Palmers, „es ist ein Horror. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dieses Leid fortsetzen will.“ Warum aber trotzdem viele Menschen, auch wenn sie wissen, wie die Tiere gehalten werden, auf Fleisch und Milch nicht verzichten, erklärt Vanja Palmers mit folgender Anekdote: „Die Mutter von Bruder David hat gerne gesagt: ‚Wie kann ein so gescheiter Mensch so deppert sein?‘ Wir sind eine clevere und gescheite Spezies, aber wir können nicht sehen, wenn wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören.“

Die Meditation ist ein Weg, sich das Tierleid bewusst machen, etwa durch eine klassische Mitgefühlsmeditation, in der man Tieren Mitgefühl und Wohlwollen entgegenbringt. Martin Kalff geht noch einen Schritt weiter und meint: „Unsere Meditation muss sich manchmal auch ein bisschen ausweiten, so wie das Bewusstsein.“ Er hat einen neuen Meditationsansatz zum inneren Tier entwickelt. Er meint, wie man mit dem inneren Tier aus seinen Träumen umgeht, so geht man auch mit den echten um. Es gilt, auch dem inneren Tier mit Mitgefühl zu begegnen und es zu nähren.

Der Kurs in der Stiftung Felsentor hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewegt, vielen war es nach dem Retreat nicht mehr möglich, Fleisch zu essen. Der Kurs hat das Mitgefühl für die Tiere erweckt. „Es verändert sich die Wahrnehmung, wenn man still und auf den Atem konzentriert ist und mit den Schweinen und Hühner meditiert. Man nimmt sie viel direkter wahr“, beschreibt Martin Kalff diesen Wandel.

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Fotos aus dem Film MediTIERE! © www.viewfinderfilms.ch

 

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