Diskurs

Menschen sind eng miteinander verbunden – durch Hormone wie Oxytocin, durch gemeinsames Arbeiten und manchmal auch durch Nichtliebe – denn auch sie kann verbinden.

Liebe ist gut – Stress ist böse: In diesem falschen Weltbild leben auch viele Buddhisten. Liebe kann nämlich in Hass und Unvernunft münden und Stress in Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft. Die Wissenschaft liefert die Beweise für diese Sicht.

Was ist eigentlich Liebe? Menschen erleben sie als Bindung aneinander, nicht ohne den anderen sein zu können, auch als Elternliebe. Wie solche Bindungen entstehen, wurde bei Frauen entdeckt, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten. Sie haben das „Bindungshormon“ Oxytocin im Blut. Fehlt dieses Hormon, wird das Kind als Fremdling wahrgenommen, oft auch nicht versorgt.

Diese „Mutterliebe“ entwickeln auch Väter, Freunde und Verwandte. Eine liebevolle Bindung zwischen Menschen wird durch Oxytocin angelegt. Eine wundervolle Welt scheint möglich: Oxytocin kann preiswert künstlich hergestellt werden, es wird am besten geschnupft, und die ganze Welt erblüht in Liebe zueinander.

Allerdings dürfte das eher eine Welt von Hass, Gewalt und Krieg werden. Das zeigen uns Liebende. Das erste Symptom der Bindung ist häufig Isolation. Die Liebenden interessieren sich nur füreinander, andere Menschen werden uninteressant. Sie streiten sich, doch wer Partei ergreift, hat gleich zwei Feinde, wenn sie sich wieder vertragen. Was Liebende tun, erinnert oft an Rausch. Vernunft und Klugheit scheinen wie verdampft.

Oxytocin bindet auch Gruppen aneinander. Oxytocin löst zwei Effekte aus. Der erste ist eine Grundhaltung von „wir“ und „die anderen“. Innerhalb der Gruppe erleben Menschen Solidarität, Geborgenheit und Gemeinschaftsgefühl. Die anderen werden ausgegrenzt. In Versuchen zeigt sich unter Oxytocin eine starke Neigung zu Schadenfreude, Vorurteilen und sogar Gewalt. So können Feindschaften zwischen Familien und Gemeinschaften entstehen, die sich über Generationen hinziehen.

Den zweiten Effekt nennen wir „besoffen vor Liebe“. Oxytocin wirkt nämlich ganz genau wie Alkohol, allerdings nicht nur für einen kurzen Rausch. Es enthemmt, schränkt die Wahrnehmung ein, macht unvernünftig und von unberechenbaren Gefühlen beherrscht. Morde und Schlägereien, Eifersucht und Hass sind auch dadurch Teil der Oxytocin-Liebe.

Auch Buddhisten können untereinander eine Oxytocin-Bindung entwickeln. Wir erleben das in Gruppen, in denen die Liebe honigsüß und zäh und völlig unbegründet füreinander fließt. Sekten leben vom Oxytocin. Abweichler und Kritiker werden deshalb aggressiv behandelt. Viele Methoden des Tantra richten sich gezielt auf Oxytocin. Dort gibt es Meditation über geliebte Menschen, die am Ende Liebe für die ganze Welt erzeugen soll. Auch Sex spielt eine Rolle, denn Sex führt zu starken Oxytocin-Bindungen. Im Buddhismus führen solche Methoden sehr häufig in Abhängigkeit von Gurus, in Sektierertum und Hass gegen Andersdenkende.

Menschen


Die Stressreaktion aktiviert, fördert Neugier, Lernbereitschaft und Unternehmungsgeist. Sie unterstützt das aktive Zugehen auf andere Menschen und die Bildung von Gemeinschaften. Biochemisch läuft die Stressreaktion über die bekannten Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin ab, aber auch Hunderte andere Stoffe sind beteiligt.

Menschen in Naturkatastrophen zeigen spektakulär, was Stress bewirkt. Sie nehmen sogar zusätzliche Gefahren in Kauf, wenn sie nur so schnell wie möglich einen Schwarm mit anderen Menschen bilden können. Die Videos von Überwachungskameras (YouTube ist voll davon) zeigen das bei Menschen auf der ganzen Welt.

Ein Schwarm ist eine Gemeinschaft ohne Anführer. Im Schwarm fließen Informationen kurz und knapp, Entscheidungen fallen kollektiv. Schwärme können sehr rasch die Lage beurteilen, Kompetenzen und Fähigkeiten Einzelner einsetzen, schnell gemeinsam lernen und die Schwachen schützen. In kurzer Zeit bilden solche Schwärme ein kollektives Bewusstsein. Es gibt dort keine Fremden mehr. Wenn Einzelne dann jedoch die Führung an sich reißen wollen, werden sie bekämpft. Solche Versuche stören das kollektive Bewusstsein, das dem Schwarm seine ganze Kraft verleiht.

Einen Schwarm gibt es idealerweise überall, wo Menschen Aufgaben erledigen. Familien, Freundeskreise und Vereine bewältigen ständig Aufgaben gemeinsam. Solche Gruppen fühlen sich miteinander wohl. Anführer und Chefs sind dann Schiedsrichter, keine Kommandeure. Solche Gruppen sind nach harter Arbeit erschöpft, aber glücklich und stolz vereint. Das gilt auch im Beruf, wenn Kollegen Teamgeist haben, also einen Schwarm bilden.

„Böser Stress“ entsteht nicht durch große Belastung. Arbeit kann auf später verschoben werden, Belastung ist durch Hilfe abstellbar – solange es den Schwarm gibt. Allerdings, wenn dieser Schwarm zerstört wird – durch Konkurrenz, Kleinkrieg oder Angst vor dem Chef –, dann wird Stress zerstörerisch. Der größte negative Stressauslöser besteht in unsicheren Beziehungen zu anderen Menschen. Der Stress kommt vom Chef und von den Kollegen, die brüllend am Arbeitsplatz stehen, mit Bemerkungen Verachtung äußern und sich dem Schwarm verweigern. Dabei sind auch die von Stress Geplagten Akteure. Eine unsichere Beziehung zu sich selbst oder ehrgeizige Selbstüberforderung erzeugen ebenfalls Stress – auf Dauer kann er tödlich enden.

Meditation auf die Stressreaktion funktioniert sehr einfach, indem die Konzentration auf die Atmung gelenkt, Gedanken abgeschaltet werden und gleichzeitig eine anspruchsvolle Aufgabe erledigt wird. Diese Aufgabe kann eine absichtslose Visualisierung sein, oder eine Wegkunst im Zen. So wird die Stressreaktion auf die Atmung konditioniert und damit beherrschbar. Die Aufgabe öffnet das unbewusste Denken, macht es über die Jahre bewusst und öffnet damit den breiten Zugang zu den eigenen Fähigkeiten. Gefühle werden beherrschbar und weichen einer fröhlichen Vernunft. Das wirkt auch gegen Angst, die meist eher aus Befürchtungen denn aus Fakten im Hier und Jetzt stammt.

Liebe aus der Stressreaktion heraus ist nicht die verzehrende und besitzergreifende Oxytocin-Liebe. Sie ist gekennzeichnet von Neugier und Respekt. Sie ist hilfsbereit und fragt vorher, ob Hilfe auch gewünscht wird. Liebe freut sich am Erfolg des anderen als Teil des Schwarms. Liebe sucht das Team und ist offen für andere, die den Schwarm bereichern können. Sie bringt ihre Fähigkeiten ein und empfindet Wertschätzung für die Fähigkeiten anderer. Aber Vorsicht: Liebe kann aggressiv werden, wenn sie nicht erwidert wird. Egoisten, Kommandeure und Gurus erhalten dann einen Platzverweis.

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Illustration © Francesco Ciccolella 

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