Diskurs

Die Zen-Lehrerin Fleur Sakura Wöss, der buddhistische Psychotherapeut Matthias Ennenbach und der Philosoph Eugen Maria Schulak erklären, was Angst ist und wie sie überwunden werden kann.

Wie fühlt sich Angst an?

Matthias Ennenbach: Wie jede spürbare Emotion benötigt Angst Energie. Das bedeutet, dass das vegetative Nervensystem, der innere Motor, ‚höher dreht‘. Die typischen vegetativen Symptome sind Herzrasen, Verspannungen, Verdauungsprobleme oder Schwitzen.

Eugen Maria Schulak: Schon die Etymologie des Wortes selbst weist darauf hin: Im Griechischen heißt anxein würgen, drosseln. Der gleiche Stamm findet sich im lateinischen angor (Würgen, Beklemmung), in angustia (Enge) und angere (die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen).

Fleur Sakura Wöss: Angst ist Enge. Die Brust zieht sich zusammen, der Kopf kann nicht mehr klar denken, der Blick verengt sich. Die Situation, die Angst hervorruft, stellt den Menschen vor die Entscheidung: Wähle ich Ängstlichkeit oder Mut? Verstecke ich mich oder handle ich?

 

Woher kann Angst kommen?

Ennenbach: Oft werden vegetative Symptome als Angst interpretiert. Dabei versteht derjenige gar nicht, dass er oder sie womöglich nicht ängstlich ist, sondern lediglich das Nervensystem einer Fehlregulation unterliegt. Es ist oft die Folge einer Stressphase.

Schulak: Die Instinkte des Menschen sind kulturell geprägt, überformt, oft verschüttet. Daher kann der Mensch abstrakte und allgemeine Existenzängste empfinden, für die es beim Tier keine Hinweise gibt. Tiere kennen nur instinktgesteuerte Furcht beziehungsweise Realangst.

Wöss: 1. Angst ist unser evolutionäres Erbe. Nur jene, die ihre Angst ernst nahmen, konnten dem Säbelzahntiger entkommen.
2. Jeder trägt auch die Ängste vergangener Generationen in sich, etwa aus Kriegen.
3. Zu den karmisch bedingten Ängsten kommen noch jene aus den Erfahrungen des eigenen Lebens.

Mut finden


Warum gibt es Angsthasen und Mutige?


Ennenbach: Es gibt keine Angsthasen und Mutige, sondern nur Menschen, bei denen der Angsthasenanteil oder der mutige Anteil größer geworden ist. Auch ein Mensch mit großem Angsthasenanteil besitzt Mut, er ist nur nicht genug trainiert.

Schulak: Ich vermute, es liegt an dem, was man Urvertrauen nennt. Es entsteht durch stark positive Familienbindung oder durch Gnade. Und es lässt sich verstärken durch tief empfundene Liebe und Freundschaft sowie den Willen zur Wahrhaftigkeit.

Wöss: Mutige machen den Schritt in den Kreis der Angst – und handeln. So kann Meditation für manche (Angsthasen) eine Flucht in einen geschützten Bereich sein, für andere ist sie eine Chance, Kraft und Weisheit für adäquates Handeln zu entwickeln.

 

Was kann man aus Ängsten lernen?

Ennenbach: Man braucht keine Angst, um zu lernen. Ängste oder andere innere Hochspannungen vernebeln den Geist und sollten ein Anlass sein, sich um mehr Selbststeuerung und Selbstwirksamkeit zu bemühen.

Schulak: Man lernt, wo die eigenen Schwachstellen sind, erfährt, was man demnach noch zu lernen hat, aber auch, was man besser meiden sollte, weil es einem einfach nicht guttut. Ängste sind ein Indikator für das eigene Unheimliche.

Wöss: Wenn die Angst kommt, sehe ich sie mir an und denke: „Hm, da bist du ja wieder. Wir wissen vom letzten Mal, was zu tun ist. Was machen wir jetzt am besten? Wie können wir gemeinsam die Situation meistern?“

 

Wie baut man Mut auf?

Ennenbach: Ein hilfreiches Aufbautraining besteht aus drei Bereichen: 1. Spüren, wie es sich im Körper anfühlt. 2. Spüren, welche Emotionen entstehen. 3. Realisieren, welche Gedanken entstehen, wenn der innere Mutige aktiv wäre. Regelmäßige Wiederholungen stärken den mutigen Anteil.

Schulak: Durch Übung, Disziplin und Hartnäckigkeit, sei es im Sport oder im Beten. Es geht bei Mut auch darum, sich der eigenen Freiheit bewusstzuwerden und den Tatsachen ins Auge zu blicken. Nur so stellt man sich den Herausforderungen und trifft die richtigen Entscheidungen.

Wöss: Mut entsteht durch Meditation und Aktion. Angst wurzelt in der Vergangenheit (Erfahrungen) und projiziert sie in die Zukunft. Die Meditation holt Menschen ins Jetzt und damit in einen angstfreien Raum. Aus dem Jetzt entspringt die Weisheit, heilsam zu handeln.

Dr. Matthias Ennenbach, geboren 1963, ist in eigener Praxis als Psychotherapeut in Berlin tätig. Er bildet Therapeuten (BPT®) und Achtsamkeitstrainer (ASST®) aus. www.Info-BPT.de
Dr. phil. Eugen Maria Schulak, Gründung der ersten Philosophischen Praxis in Wien (1998), Lehraufträge an Universitäten und Fachhochschulen, elf Bücher. www.philosophische-praxis.at 
Dr. Fleur Sakura Wöss ist Leiterin des Zen-Zentrums Mishoan in Wien sowie Coach und Japanologin. https://fleurszenblog.com
 
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