Achtsamkeit & Meditation

Schritt für Schritt, von Moment zu Moment – bewusst durch das Leben gehen und die Meditation in den Alltag integrieren.

Eine Zen-Geschichte. Im Kloster des alten Meisters lebte ein übereifriger Novize, der so schnell wie möglich erleuchtet werden wollte, um die Menschheit mit seinen guten Taten beglücken zu können. Eines Tages fragte er seinen Meister: „Was kann ich tun, um die Welt zu retten?“ Der Meister sagte: „So viel, wie du dazu beitragen kannst, dass morgens die Sonne aufgeht.“ „Aber was nützt mir dann meine ganze Praxis?“, rief der Novize verzweifelt aus. Der Meister sagte ruhig: „Sie hilft dir, wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.“

Jeder Moment ist neu, noch nie da gewesen und verlangt eine neue, frische Antwort von uns.

In gewisser Weise bin ich froh, dass ich keinen so klugen Lehrer wie der junge Novize hatte, als ich vor Jahrzehnten mit der Zen-Praxis begann. Auch ich hätte mich enttäuscht gefragt: Das soll alles sein? Die strenge Disziplin, das stundenlange mühsame Sitzen auf dem Kissen, die Rituale – und das nur, um wach zu sein, „wenn die Sonne aufgeht“? Meine Lehrer dagegen sprachen von Erleuchtung und Erwachen; ein Ziel, das mir jede Anstrengung wert zu sein schien.

Wenn ich allerdings von meinen Sesshins erfüllt und in tiefer Gelassenheit zurückkam, erwartete mich zu Hause mein eigentlicher Zen-Meister. Mein damaliger Freund war überzeugter Christ und nicht bereit, meine Hinwendung zum „gottlosen Buddhismus“ zu akzeptieren. Er pflegte am Morgen meiner Abreise zu einem Sesshin bei mir aufzutauchen und mich als Schutz vor der Verführung mit drei Kreuzzeichen zu segnen. Nach der Rückkehr hielt meine Gelassenheit drei Tage an, dann wurde sie von den Vorwürfen meines Freundes und meiner wenig erleuchteten Reaktion darauf zermürbt. Ich fragte mich, welchen Sinn die Meditation eigentlich hatte. Die meditative Stille und Intensität der Versenkung, die ich lieben gelernt hatte, konnten doch nicht einfach verschwinden, sobald ich den Meditationsraum verlassen hatte. So wuchs ich allmählich in eine andere Definition von Meditation hinein.

Jede Alltagstätigkeit kann im Geist der Meditation ausgeübt werden.

In jedem Seminar oder Retreat stellt unweigerlich jemand die Frage: „Ich bin hier so wunderbar zur Ruhe gekommen. Wie kann ich diesen Zustand in meinem Alltag halten?“ Aber schon der Begriff Zustand führt uns in die Irre: Das Leben bleibt nicht stehen, es verändert sich unablässig. Jeder Moment ist neu, noch nie da gewesen und verlangt eine neue, frische Antwort von uns. Wenn wir das Gefühl der Lebendigkeit nicht verlieren wollen, müssen wir offen bleiben für alles, was das Leben für uns gerade bereithält.

Ich meine, wir sollten radikal umdenken. Dann stellt sich nicht die Frage, wie wir die Meditation in unseren Alltag integrieren, sondern wie wir unseren Alltag im Geist der Meditation leben können. Wenn wir Meditation nicht als Teil einer Religion ausüben, dürfen wir all die Rituale und Regeln, die ein Retreat strukturieren, als hilfreiche Mittel ansehen. Sie erschaffen einen Raum der konzentrierten Stille, in der wir unseren Geist und unseren Körper mit all seinen Reaktionen kennenlernen und neue Qualitäten und Verhaltensweisen einüben können. Eine kostbare Zeit: Kein Partner kritisiert uns, kein Hund will Gassi gehen, kein Chef verlangt von uns Überstunden. Wir dürfen ganz und gar für uns selbst da sein.

Moment

Zu Hause aber leitet uns niemand durch unseren Tag, erklingen keine Glocken, rezitiert niemand für uns uralte weise Texte. Was also ist der Kern der Praxis, wenn wir die traditionellen Formen weglassen? Es ist das offenherzige, nichturteilende Gewahrsein dessen, was gerade geschieht, innen und außen, und unsere Antwort darauf. Wir sind wach, „wenn die Sonne aufgeht“. Und auch dann, wenn sie untergeht. Wir sind wach für alle Freuden und Schmerzen des Lebens.

Zen-Meister pflegen zu sagen: „Alles ist Sitzen.“ Jede Alltagstätigkeit kann im Geist der Meditation ausgeübt werden. Wenn wir auf dem Kissen sitzen, ist das Sitzmeditation. Wenn wir telefonieren, ist das Telefonmeditation. Wenn wir kochen, ist das Kochmeditation. Das Wasser beginnt zu sprudeln, wir geben die grünen Bohnen hinein. Im nächtlichen Herbstregen sind die Blätter von der Kastanie gefallen, wir fegen sie auf. Der Kollege erzählt, dass sein Vater gestorben ist; wir hören mit ganzer Aufmerksamkeit und offenem Herzen das, was er sagt, und auch den Schmerz, den er verschweigt.

Wenn der Alltag zum Meditationsraum wird, erfährt der Begriff „Meditation“ eine ungeahnte Erweiterung. Während wir in einem Zen-Retreat tagelang auf eine weiße Wand schauen, sprüht im Alltags-Zendo das Leben. Ständig kreuzen andere Menschen in unserem Wahrnehmungsbereich auf, mit ihren eigenen Absichten und Ansichten. Der Sohn weigert sich, sein Zimmer aufzuräumen; wir suchen nach einem Kompromiss, der für alle Beteiligten nervenschonend ist. Die Katze maunzt vor dem Fressnapf, wir füllen Futter ein. Jemand hat eine Delle in unser Auto gefahren und ist geflüchtet; wir rufen die Werkstatt an. In der formalen Schulung haben wir gehört und vielleicht erfahren, dass es keine Trennung gibt zwischen „mir“ und „den anderen“, zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien. In unserem ganz gewöhnlichen Leben mit seinen täglich vierundzwanzig Stunden voller Herausforderungen bleibt die „wechselseitige Durchdringung alles Seienden“ garantiert kein Konzept mehr. Unser stets auf seinen Vorteil bedachtes empfindliches Ego mit seinen Wünschen wird mit den Wünschen aller anderen Menschen konfrontiert und muss lernen, zurückzustecken. Wir können uns aus dem Leben nicht heraushalten, wir sind mittendrin im Geschehen und erfahren mit Herz und Geist in aller Deutlichkeit, was „Intersein“ bedeutet. Eine solch hervorragende Schulung bietet selbst das beste Meditationshaus nicht, und kostenlos ist sie auch.

Wenn der Alltag zum Meditationsraum wird, erfährt der Begriff „Meditation“ eine ungeahnte Erweiterung.

In einem spirituellen Leben gibt es keine Trennung zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Es gibt auch keine Trennung zwischen unserem Tun und unserem Geist. Die Wachheit oder Verwirrtheit unseres Geistes bestimmt die Qualität unseres Tuns, und jede Handlung wirkt wiederum auf den Geist zurück. In seinem Buch „Anweisungen für den Koch“ schreibt der Begründer des Soto-Zen in Japan Dogen Zenji: „Wenn du kochst, arbeitest du nicht nur am Essen. Du arbeitest an dir selbst, du arbeitest an anderen.“ Er zitierte auch gern die Worte eines Lehrers von ihm: „Der den Weg suchende Geist widmet sich mit hochgekrempelten Ärmeln der Arbeit.“ Und dann gibt es natürlich den berühmten Vers, den der Laie P’ang-yün im Jahr 786 Meister Shih-t’ou präsentierte und dessen letzter Satz geradezu eine Definition des Zen geworden ist: „Meine wunderbare magische Kraft liegt im Wasserholen und Holzhacken.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 117: „Meditation"

UW117 Cover


Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass dieser Augenblick die einzige Zeit ist, die es gibt. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Leider vergessen wir diese schlichte Wahrheit im Alltag sehr schnell. Während wir kochen, schreiben wir im Kopf die nächste E-Mail. Mit dem Handy am Ohr laufen wir durch die Straßen und nehmen von unserer Umgebung nichts wahr. Wir lassen uns von den Ereignissen mitreißen, wollen drei Dinge gleichzeitig erledigen und geraten in Stress. Thich Nhat Hanh hat dafür ein paar simple, aber wirksame Methoden entwickelt. Er empfiehlt, sich als Erinnerung akustische Anker zu setzen und sie mit der Absicht zu verbinden, in den Augenblick zurückzukehren. Wenn ich also eine Kirchenglocke, Polizeisirene oder Telefonklingel höre, halte ich inne, bringe Geist und Körper wieder zusammen, indem ich mich mit meinem Atem verbinde, und mache mir bewusst: Hier und jetzt, das ist mein Leben. Dann muss ich über mich selbst lachen, weil ich geglaubt hatte, mit meinem Rennen den nächsten Augenblick schneller zu erreichen. Aber er kommt von allein. Zen-Meister Ikkyu sagte: „Weil ich keinen Zielort habe, verlaufe ich mich nicht.“ Eigentlich ist die Alltagsmeditation ganz einfach. Wir gehen bewusst Schritt für Schritt, von Moment zu Moment, und tun, was gerade zu tun ist. Wir sehen, wie die Sonne aufgeht. Und falls der Himmel gerade bewölkt ist, empfiehlt Ikkyu: „Wenn es regnet, lass es regnen, wenn der Wind bläst, lass ihn blasen.“

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh. Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und für Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf: www.margrit-irgang.blogspot.de.

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Kommentare  
# Beate 2022-12-18 10:39
Sehr,sehr hilfreich. Danke
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