Diskurs

Im Gespräch mit Dr. Carola Roloff, Gastprofessorin für Buddhismus und Dialog in modernen Gesellschaften an der Universität Hamburg, und Hendrik Hortz, Herausgeber der Ursache\Wirkung. Sie sprechen über Buddhismus, der sich sozial und politisch engagiert.

Beim Teegespräch sitze ich heute mit Bhiksuni Jampa Tsedroen, oder wie sie bürgerlich heißt, Carola Roloff, zusammen. Sie lehrt und forscht als Gastprofessorin an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Spannungsfeld zwischen Buddhismus und moderner Gesellschaft.

Hortz: Liebe Carola, wir sind uns in der jüngsten Vergangenheit in verschiedenen Kontexten über den Weg gelaufen. Ein persönliches Gespräch ist dabei leider bisher nicht entstanden. Weshalb ich mich freue, heute mit dir über das Thema „Engagierter Buddhismus“ zu reden. Ich bin schon gespannt. Lass uns deshalb doch gleich einsteigen.

Der Engagierte Buddhismus ist ja hauptsächlich durch den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh angestoßen worden. Aber ebenso durch den Dalai Lama und andere. Sie haben jeweils ihre Form des engagierten Buddhismus gefunden. Bei Thich Nhat Hanh würde ich sagen, dass er meint, dass es für die buddhistische Praxis nicht reicht, auf dem Meditationskissen zu sitzen. Man soll nach außen gehen, aber ohne die innere Ruhe zu verlieren. Das ist dann auch mit gesellschaftskritischen Themen verbunden. Es gibt da inzwischen eine buddhistische Variante zur Befreiungstheologie. Angefangen hat die Befreiungstheologie ja in Südamerika, als Engagement für die Unterdrückten ...

 ... aber mittlerweile hat sich das ausgeweitet. Auch feministische Fragestellungen sowie Umweltethik und generell gesellschaftliche Themen haben hier Relevanz erhalten.

Genau, dass man sich zum Beispiel für Menschenrechte einsetzt, wie das ja der Dalai Lama tut oder es andere buddhistische Lehrer getan haben, wie der inzwischen verstorbene thailändische Mönch und Lehrer Buddhadasa. Sie versuchten und versuchen, in ihrer Einflusssphäre soziale Gerechtigkeit herzustellen. In den 1960er-Jahren gab es in buddhistischen Kreisen die Auffassung, dass buddhistische Nonnen und Mönche sich nicht aktiv an gesellschaftspolitischen Diskursen beteiligen sollen. Das ist heute größtenteils anders. Ich denke da etwa an die buddhistische Tzu Chi Foundation in Taiwan, die 1966 von einer Nonne gegründet wurde. Es handelt sich um die weltweit größte buddhistisch inspirierte Wohltätigkeitsorganisation, deren eigene Fernsehstation ich schon persönlich in Taiwan besucht habe. Die Foundation hat einen humanistischen Buddhismus in Taiwan populär gemacht.

Ja, von der Tzu Chi Foundation habe ich gehört. Sie hat ja sogar einen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen. Tzu Chi ist heute vor allem in der Katastrophenhilfe aktiv. Unterhalten sie nicht ihren eigenen Sender mit dem Anspruch, nur positive Nachrichten zu bringen? Wie berichtet man positiv über Naturkatastrophen?

Du berichtest, wie toll sich alle einbringen und wie sie jetzt helfen konnten in dieser Katastrophensituation. Es ist eine andere Art der Herangehensweise. Sie steckt an, mitzumachen. Diese Berichterstattung ist motivierend, Dinge anders zu machen, besser, statt über die ständige Wiederholung, wie schrecklich alles ist, zu entmutigen.

Es gibt Kritik am Engagierten Buddhismus – zum Teil aus den eigenen Reihen. Es heißt, es gäbe eine politische Agenda. Zuerst ist da eine linke Grundhaltung, und dann biegt man sich den Buddhismus ebenso hin, dass er passt. Wie bewertest du diese Kritik?

Aus meiner Sicht geht es darum, das buddhistische Prinzip des Nichtverletzens – oder dass man so wenig wie möglich Schaden anrichtet und versucht, so gut wie möglich Nutzen zu bringen – auf die aktuellen Verhältnisse anzuwenden. Daraus lässt sich dann selbstverständlich ein soziales und politisches Engagement ableiten. Sinngemäß sagt Buddha, wenn du achtsam bist mit dir selbst, dann bist du auch achtsam mit der Welt, und wenn du achtsam mit der Welt bist, bist du auch achtsam mit dir selbst. Das bedeutet, wenn wir für uns selbst gut sorgen wollen, müssen wir auch für die anderen gut sorgen. Deshalb würde ich sagen, dass das Argument mit einer versteckten Agenda von links so nicht stimmt. Wir haben nicht zu viel Politik im Buddhismus, sondern es mangelt eigentlich an gesellschaftspolitischem Engagement.

Ich finde es ja eher bedenklich, wenn jemand Buddhist ist und sich überhaupt nicht sozial engagiert. Das ist für mich nicht richtig buddhistisch.

Ich habe buddhistische Nonnen kennengelernt, die sich als sozial engagiert bezeichnen. Ihr Engagement besteht darin, dass sie den Buddha-Dharma mit anderen teilen, den Dharma weitergeben. Das kann ich durchaus so akzeptieren. Das ist ja eine Art von „Seelsorge“, spirituelle Fürsorge oder Umsorge. Ein Engagement für andere also. Und dann gibt es Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen auf den Buddhismus treffen. Sie suchen zunächst nach einer Stabilisierung, um überhaupt wieder ins normale Leben zurückzufinden. Diese Menschen können sich nicht gleich wieder engagieren. Sie benötigen erst einmal Ruhe und Rückzug. Das darf man ihnen auch nicht nehmen. Aber das ist alles nicht mein Buddhismus. Ich bin schon immer mehr so ein sozial engagierter Typ gewesen. Ich könnte sicherlich eher etwas mehr meditieren (lacht).

Buddhismus


Wenn ich in die alten Überlieferungen schaue, den Pali-Kanon, dann sehe ich einen Buddha, der sich für soziale Fragen offenbar nicht sehr interessiert hat. Geschlechtergerechtigkeit etwa scheint kein Thema gewesen zu sein. Es gibt da ja diese Geschichte, dass Buddha erst auf Druck zugestimmt habe, Frauen zu ordinieren. Zunächst habe er dies abgelehnt. Da stellt sich die Frage, wie man im Buddhismus soziales oder politisches Engagement für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit rechtfertigen will, wenn der Religionsgründer in dieser Weise agiert hat.

Ob Buddha ein Sozialreformer war oder nicht, darüber sind die Gelehrten nicht einer Meinung. Ja, Buddha war immer jemand, dem es nicht vorrangig darum ging, die Welt zu verbessern, sondern über die Welt hinaus zu kommen. Das ist auf jeden Fall das langfristige Ziel im Buddhismus. Aber dennoch bleibt die Frage, hat er Reformen eingeleitet oder nicht. Da sind die Quellen ambivalent. Es gibt Stellen, die kann man aus heutiger Sicht als frauenfeindlich auslegen. Es gibt andere Stellen, die wiederum unsere heutige liberale Sicht unterstützen. Fakt ist, dass er und Mahavira, der Stifter des Jainismus, die ersten beiden in Indien waren, die Frauen als Nonnen zugelassen haben. Es ging Buddha immer um kontextgemäßes Handeln, und es ging ihm darum, was in der gegebenen Situation möglich ist und was nicht. Das sehen wir bei vielen Themen, etwa bei der Frage, ob man Vegetarier sein muss.

Die gesellschaftliche Atmosphäre und die Tatsache, dass wir heute im Westen eine demokratische Verfassung haben, macht es leichter, soziale Gerechtigkeit einzufordern – anders als in der Antike.

Das ist einerseits richtig, aber wir lesen in den Quellen genauso klare Hinweise zu sozialem Handeln. Ich gebe zurzeit in Oslo an der Universität einen Kurs über buddhistische Seelsorge, „Buddhist Care Practices“. Im letzten Blockseminar habe ich auf eine Überlieferung hingewiesen, in der der Buddha seine Mönche kritisiert hat, weil sie sich nicht um einen an der Ruhr erkrankten Mitbruder gekümmert haben. Er sagte: „Wenn ihr euch nicht gegenseitig umeinander kümmert, wer soll es denn sonst tun?“

Ich habe den Eindruck, dass Christen den Buddhisten hinsichtlich ihres sozialen Engagements deutlich überlegen sind. Was denkst du, woran liegt das?

Ja, von Christen kann man hier viel lernen. Woran liegt das? Eine schwierige Frage. Was denkst du?

Ich denke, dass Buddhisten oft mit sich selbst beschäftigt sind. Sie sehen Buddhismus als etwas Inneres, als Rückzug aus der Welt. Er ist für sie Mittel zur persönlichen Befreiung. Darüber wird ein Wirken nach außen vergessen. Aber beides hängt zusammen, wie wir ja gesehen haben. Das muss man erst erkennen.

Das ist richtig, aber ich glaube, das verändert sich zurzeit. Ich sehe das in Asien und auch im Westen. In Asien sind Frauenrechte gerade ein großes Thema. Im Westen sind es andere Dinge, wie etwa die Hierarchien zwischen Laien und Ordinierten. So wie das traditionell überliefert ist, wird es sich im Westen nie durchsetzen. Es passt nicht zur Aufklärung, zu unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Da wird Buddhismus sich bewegen müssen.

Das war jetzt ein schönes Schlusswort, Carola, vielen Dank für das Gespräch!

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