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Buch

In Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit erzählen indigene Aktivisten und Aktivistinnen von Verbundenheit, Verantwortung und einem heilsamen Umgang mit der Welt im Wandel.

 

Rezension: Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit: Indigene Stimmen über die Welt im Wandel

Lernen, in Beziehung zu leben – indigener Aktivismus

Wir stehen in der Mitte der UnendlichkeitWir stehen in der Mitte der Unendlichkeit“ ist ein Sammelband mit Gesprächen mit indigenen Aktivisten. Was wir von ihnen lernen können, ist weniger eine neue Form des Aktivismus als viel mehr seine tiefere Begründung. Denn dieser Aktivismus, so wird in dem vielstimmigen Buch deutlich, ist kein politischer Ansatz, sondern Ausdruck einer unauflöslichen Beziehung: zu Erde, Wasser, Pflanzen, Tieren und zu jenen, die vor uns waren und nach uns kommen. Der Einsatz für die Welt ist hier eine Fortsetzung des Lebens selbst.

Die Indigenen, die zu Wort kommen, sprechen nicht aus der Distanz einer ökologischen Theorie, sondern aus der Erfahrung kollektiver, spiritueller Kontinuität. Wenn Marita Hacker, eine der Ältesten der Dakota Hunkpapa, auf 1492, die „Entdeckung“ Amerikas, verweist, dann benennt sie nicht nur ein historisches Datum, sondern den Bruch einer Beziehung: der Mensch mit der Erde, der Mensch mit sich selbst. Aus dieser Sicht ist die Klimakrise keine Ausnahme, sondern die logische Folge eines entfremdeten Bewusstseins. Aktivismus bedeutet in diesem Zusammenhang, diese Beziehung durch Erinnerung, Verantwortung und Heilung wiederherzustellen.

Die Gespräche zeigen, wie sehr westlicher Aktivismus von Eile, Empörung und Fortschrittsdenken geprägt ist. Dagegen steht das indigene Verständnis einer „langen Zeit“, in der Veränderung nicht durch schnelle Siege, sondern durch Beharrlichkeit geschieht. Gregg Castro, Mitglied der kalifornischen Salinan/Ohlone-Völkerschaft, nennt die westliche Gesellschaft ein „riesiges unreifes Baby“, das „in der Lage ist, sich selbst zu zerstören“. Diese Diagnose ist keine Anklage, sondern eine Einladung zur Reifung. Die indigene Antwort ist kein Rückzug in Romantik, sondern die Praxis des Verbundenseins, ein Aktivismus der Fürsorge, der Rituale, des Erinnerns.

So wird das Buch zu einem Lehrstück über eine andere politische Grammatik: Widerstand nicht als Gegenwehr, sondern als Pflege des Lebendigen. Indigener Aktivismus, wie ihn Shannon Rivers, Mitglied der Akimel O‘otham, etwa mit „Flussmenschen“ zu übersetzen, oder Lyla June Johnston, von den Diné und Cheyenne, lebt, entsteht aus Stolz, nicht aus Schuld, aus Zugehörigkeit, nicht aus Abgrenzung. „Ich bin älter als dieses Konzept“, sagt Ri vers über die Bezeichnung „Native American“ – ein Satz, der jede Identitätspolitik übersteigt.

„Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit“ erinnert uns daran, dass Handeln erst dann heilsam ist, wenn es in Beziehung geschieht. Dieses Buch ist kein Aufruf zur Revolte, sondern zur Rückverbindung mit unserer Erde und unseren Mitgeschöpfen, deren untrennbarer Teil wir sind.

 

Rezensent: Hendrik Hortz


Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit: Indigene Stimmen über die Welt im Wandel

Autor: Dahr Jamail, Stan Rushworth (Hg.)

Verlag: Matthes & Seitz

Seitenzahl: 428 Seiten

Preis: 28,00 €


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Hendrik Hortz

Hendrik Hortz

Frank Hendrik Hortz, Religionswissenschaftler (studierter ev. Theologe und Philosoph), Journalist und Publizist; Herausgeber und Chefredakteur der Ursache\Wirkung.