Polyamorie: Kann eine Beziehung mit mehreren Partner:innen bewusster und erfüllender sein? Ein Blick auf Liebe jenseits der Monogamie.
Ist Polyamorie eine achtsamere Art der Beziehungsführung? Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten, möchte ich den Begriff erst definieren.
Es gibt noch keine allgemeingültige, globale Bestimmung. Ich verstehe Polyamorie als konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg.
Damit ist auch schon klar, wo der größte Unterschied zur Monogamie liegt: Es geht um mehrere Menschen. Wie viele das sind, ist unterschiedlich, und ähnlich verhält es sich auch mit den Wegen, die in eine solche Beziehung führen.
Manche monogamen Paare beschließen gemeinsam, ihre Beziehung nicht nur sexuell, sondern auch emotional zu öffnen und andere Menschen in ihr Leben und ihr Herz zu lassen. Das fällt unter den Begriff der offenen oder konsensual nicht monogamen Beziehung. Manchmal ist es nur eine Person innerhalb der Beziehung, die die Entscheidung trifft und die geliebte Person damit konfrontiert.
Wieder andere Menschen lernen eine Person kennen und verlieben sich und erfahren dann, dass es diese Person nur im Doppel- oder Triplepack gibt.
Auch die Gründe, warum Menschen polyamorös leben, sind unterschiedlich. In meinem Forschungsprojekt, für das ich 33 biografische Interviews mit polyamorös lebenden Personen in Wien geführt habe, haben sich zwei wesentliche Typen herauskristallisiert: jene, die immer schon polyamorös empfunden haben. Für diese Gruppe ist poly sein keine Entscheidung, sie sind poly.
Es ist einzig eine Wahl, ob sie dann auch tatsächlich eine Mehrfachbeziehung führen oder dieses Bedürfnis unterdrücken.
Die Polyamorie ist gekommen, um zu bleiben, und für einen kleinen Teil der Bevölkerung wird sie auch funktionieren.
Für die andere Gruppe ist es eine Entscheidung, einen bestimmten Abschnitt des Lebens die Zeit zu mehreren zu verbringen. Diese Entscheidung ist auch wieder umkehrbar und hat viel mit dem Alter und der Lebensphase zu tun, in der sich die Protagonist:innen gerade befinden. Das hat die Untersuchung ergeben. Was es für ein Gelingen einer polyamorösen Beziehung braucht, ist viel Kommunikation. Das ist unabhängig vom Alter.
Und damit nähern wir uns der Antwort auf die Einstiegsfrage.
Die Basis einer Mehrfachbeziehung muss Vertrauen und Transparenz sein. Das lässt sich nur durch achtsamen Umgang mit allen Involvierten bewerkstelligen. Für die Praxis wurden mir in den Interviews unterschiedliche Herangehensweisen geschildert. So haben zum Beispiel Personen in geschlossenen Dreierbeziehungen bewusst Dinge regelmäßig zu zweit unternommen. Andere haben darauf verzichtet, Rituale, die für die Kernbeziehung wichtig sind, mit weiteren Personen zu teilen. Wieder andere haben sich alle gemeinsam einmal im Monat zum Austausch getroffen, um etwaige Probleme oder Herausforderungen zu besprechen.
All das bedeutet nicht, dass Polyamorie immer und für alle Zeiten gelingt. Und es bedeutet auch nicht, dass Poly-Beziehungen halten müssen, bis der Tod sie scheidet. Aber es kann so sein – zumindest geht die Wissenschaft davon aus. Wir haben noch keine gesicherten Quellen zum Ableben von Menschen in konsensualen Mehrfachbeziehungen.
Worüber wir seit dem Forschungsprojekt allerdings mehr wissen, ist die Verbindung von Polyamorie und religiöser Konfession – zumindest für einen Teil der in Wien ansässigen Community. Der Großteil der evangelisch getauften Teilnehmer:innen ist noch Mitglied. Die Mehrheit der katholisch getauften Personen ist ausgetreten. Dies hat für zweitere Gruppe allerdings weniger mit der Polyamorie als mehr mit der generellen Unzufriedenheit mit der Institution katholische Kirche zu tun.
Menschen anderer Konfessionen waren, außer jenen ohne Bekenntnis, nicht bei den Interviews. Hier wäre es spannend, eine größere Untersuchung anzuschließen.
Bei der Gelegenheit könnte man dann auch gleich versuchen, zu erheben, wie viele Personen tatsächlich polyamorös empfinden und wie viele davon dann tatsächlich entsprechend leben. Bis heute haben wir diesbezüglich nur Schätzungen.
Für den deutschsprachigen Raum gehe ich von circa fünf Prozent der Bevölkerung aus, die entsprechend empfinden – aber nur 0,5 Prozent, die auch entsprechend leben. Das wären in Deutschland, wenn man die Minderjährigen abzieht, etwa 350.000, in Österreich ein Zehntel davon. Diese Zahlen nehmen auch vorweg, wie groß die Chance oder Gefahr – je nach Perspektive – für den Untergang der Monogamie zugunsten respektive zuungunsten der Polyamorie ist: nicht sehr hoch.
Und damit muss sich die Mehrheitsgesellschaft auch nicht vor der Polyamorie fürchten. Sie wird im größeren – wenn auch nicht großen – Feld der konsensual nicht monogamen Beziehungen eine Nische bleiben, auch wenn sie medial gerade in aller Munde ist. Aber die Polyamorie ist gekommen, um zu bleiben, und für einen kleinen Teil der Bevölkerung wird sie auch funktionieren.
Hinweis: Dieser Text ist auf Wunsch des Autors in der aktuellen genderspezifischen Schreibweise verfasst.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
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