Scham prägt unser sexuelles Empfinden. Doch woher kommt sie – und soll sie unbedingt überwunden werden?
Scham ist eine rätselhafte Emotion. Bei so gut wie allen anderen Emotionen können wir angeben, in welchen Situationen sie typischerweise auftreten. Wütend sind wir in Situationen, in denen sich Menschen absichtlich in einer für uns negativen Art und Weise verhalten. Angst beziehungsweise Furcht empfinden wir, wenn wir erwarten, dass eine bedrohliche Situation eintreten könnte.
Aber wann genau schämen wir uns?
Lange Zeit hat man sich in Philosophie und Wissenschaft vor allem mit Situationen beschäftigt, in denen Menschen sich schämen, weil sie sich falsch verhalten haben: Scham als eine Art kleine Schwester des Schuldgefühls, sozusagen. In einer Reihe von Studien konnte aber gezeigt werden, dass sich Situationen, in denen wir uns schämen, und solche, in denen wir uns schuldig fühlen, durchaus voneinander unterscheiden.
Während wir uns typischerweise für einzelne Handlungen schuldig fühlen, betrifft Scham meist die gesamte Person. Und während Scham typischerweise unter den Blicken der anderen auftritt, kann man Schuldgefühle auch allein erleben. Hinzu kommt: Menschen schämen sich nicht nur in Situationen, in denen sie sich moralisch falsch verhalten haben, sondern beispielsweise auch, wenn sie in einer Prüfungssituation versagen oder wenn sie sich bei der Ärztin nackt ausziehen sollen.
Ohne Scham, moralische oder sonstige Schranken verkäme Sex schnell zu einem höchst banalen Unternehmen.
Die heute gebräuchlichen Definitionen in der Psychologie beschreiben Scham als ein Gefühl, das auftritt, wenn wir nicht den Maßstäben gerecht werden, die wir selbst oder andere an uns anlegen. Das kann in moralischer Hin sicht sein, aber auch in Bezug auf unsere Leistungen. Aus dieser Perspektive hätte Scham eine wünschenswerte Funktion. Sie würde uns zeigen, wo wir noch besser werden können.
Dagegen spricht, dass, wie wiederum eine ganze Reihe von Studien gezeigt hat, Scham häufig wenig wünschenswerte Konsequenzen hat: Statt sich zu (ver)bessern, ziehen sich beschämte Menschen zurück und werden teilweise sogar aggressiv.
Und häufig tritt Scham ja auch in Situationen auf, in denen Menschen ihr Verhalten gar nicht ändern können, es manchmal noch nicht mal ändern wollen. Zum Beispiel nackt bei der Ärztin oder in der Umkleidekabine.
Körperscham betrifft sogar Menschen, die sich selbst schön finden. Die Philosophin Krista Thomason spricht hier von der dunklen Seite der Scham. Die Sexualscham zählt sie dazu.
Dass sich Menschen für Nacktheit und Sex schämen, lässt sich praktisch universell auf der ganzen Welt und in allen Zeitaltern beobachten, wie der deutsche Kulturhistoriker Hans-Peter Duerr eindrucksvoll an vielen Beispielen nachzeichnet.
Doch warum ist das so?
Warum schämen sich Menschen, wenn sie nackt gesehen werden, selbst wenn Nacktheit in dieser Situation nicht verboten oder moralisch verpönt ist?
Und warum schämen sie sich für oder beim Sex?
Manchmal hat Sex eine Leistungsdimension, und Scham entsteht dann, wenn diese Leistungsnormen nicht erfüllt werden können. Denken wir etwa an die Scham für einen nicht normschönen Körper, für eine nicht perfekte Intimrasur oder eine ausbleibende oder instabile Erektion. Die meisten psychologischen Messinstrumente, die Sexualscham messen, beziehen sich vor allem auf solche Aspekte.
Und natürlich kann Sex auch eine moralische Dimension haben, etwa wenn – vielleicht sogar ungewollt – ein Kind gezeugt wird, wenn kein Konsens hergestellt wurde oder wenn sexuell übertragbare Krankheiten weitergegeben werden.
In vielen Religionen gibt es mehr oder weniger enge Vorgaben, in welchem Rahmen Sexualität erlaubt ist. So wundert es nicht, wenn Menschen, die streng religiös aufwachsen, es besonders schwer haben, Sex ohne Scham zu genießen. Doch interessanterweise betrifft Sexualscham nicht nur diese Personen.
In einer Interviewstudie mit Menschen aus sogenannten sexpositiven Communitys habe ich herausgefunden, dass sich auch Menschen beim und für Sex schämen, die solche religiös geprägten Vorstellungen – möglicherweise inzwischen – für sich ablehnen.
Warum ist das so?
Warum ist der Sex selbst oft so schambehaftet?
Tatsächlich hat mich dann eine Interviewpartnerin auf eine wichtige Spur gebracht. Ich habe sie gefragt, was andere Menschen, die mitbekommen, dass sie bestimmte ausgefallenere Sexualpraktiken mag, sagen könnten, damit sie sich schämt. Nach einigem Überlegen sagte sie: Wenn sie sagen würden: „Ma, ist das grauslich.“
Wenn sie also ihren Ekel zum Ausdruck bringen würden. Scham können wir demzufolge auch dann erleben, wenn andere Menschen sich vor uns ekeln.
In unserer Evolutionsgeschichte könnte es tatsächlich sinnvoll gewesen sein, wenn sich Menschen, die ansteckende Krankheiten hatten, vor Scham von der Gruppe zurückgezogen haben und somit keine hygienische Gefahr für diese mehr darstellten. Sex hat ja tatsächlich auch das Potenzial, ein wenig eklig zu sein, vor allem, wenn man überraschend damit konfrontiert wird und selbst nicht erregt ist. Rührt Sexualscham vielleicht von diesem potenziellen Ekel anderer? Hier steht die Forschung noch ganz am Anfang, aber das scheint mir eine vielversprechende Spur zu sein.
Aber welche Möglichkeiten gibt es nun, mit Sexualscham umzugehen? Gelingt es irgendwann, sie ganz abzulegen, und ist das überhaupt wünschenswert?
Die Soziologin Janice Irvine hat dazu eine interessante Position: Sie geht davon aus, dass Scham Sex überhaupt erst spannend und interessant macht. Ohne Scham und ohne moralische oder sonstige Schranken, die erst überwunden werden müssen, verkäme Sex schnell zu einem höchst banalen Unternehmen. Müssen wir also froh sein, wenn wir uns ein wenig schämen, weil das Sex aufregend und bedeutsam macht?
Möglicherweise kann Sex Scham aber nicht nur auslösen, sondern auch dabei helfen, diese zu überwinden.
Diese Idee vertritt der Philosoph Gal Katz, der mit Hegel argumentiert, dass Menschen sich für ihren Körper schämen, weil diese unzulänglich seien: tierisch, unkontrollierbar, sterblich. Wenn jetzt aber jemand diesen Körper trotzdem begehrt, ihn sogar erregend findet in all seiner Unzulänglichkeit, dann nimmt das genau diese Scham.
Menschen können sich angenommen fühlen in dem, was sie selbst vielleicht ablehnen.
Vor diesem Hintergrund ist die Frage möglicherweise gar nicht so sehr, wie Sexualscham überwunden werden kann, um eine befreite Sexualität leben zu können, sondern vielmehr, mit wem und in welcher Weise Menschen Sex haben wollen, um gemeinsam ihrer Scham ins Auge zu sehen.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"
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