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Leben

Weibliche Weisheit verbindet, heilt und gestaltet. In einer komplexen Welt bietet sie neue Kraft für Gemeinschaft und Wandel.

„Weibliche Weisheit“ kann ehrlich, direkt, manchmal mürrisch, kantig, aber auch warm und praktisch sein. So viel Wissen von Großmüttern und Müttern über den Alltag und über das Älterwerden ist bereits verloren gegangen. Das Durchschnittsalter in der gesamten westlichen Welt steigt rapide.

In den nächsten Jahren wird es in Deutschland mehr Menschen über 67 als unter 20 geben. Alter und Altwerden müssen entsprechend neu gedacht werden, auch kulturell. Für eine stabile Zukunft wird es unumgänglich, dass sich Menschen in der zweiten Lebenshälfte aktiver einbringen – vor allem Frauen.

Denn unsere schlingernde Gesellschaft der Gegenwart ist reif für eine zeitgemäße Version der „weisen Alten“, die tröstenden, empathischen Hüterinnen der sozialen Gesundheit, den Medien zwischen der irdischen und der mit postfaktischen Gespenstern bevölkerten Geisterwelt. Demokratische Bewegungsabläufe werden deutlich anfälliger für Krankheitserreger autoritärer Natur – vielleicht findet man in einer feministischen Weisheit ein Gegengewicht zur hitzköpfigen Autorität des „Strongman“.

Gemeinsam, Schulter an Schulter, können weise Frauen dem „starken Mann“ gegenübertreten, der eher vereinzelt auftritt. Verteidigen und erschaffen kann man auch mit einer funktionierenden und dadurch starken Gemeinschaft, die das Menschliche, Alltägliche und Wertschätzende in den Vordergrund stellt.

Die Weisheit von Frauen leuchtet auch außerhalb von Auditorien, Ehrungen oder Fachliteratur. Weise Frauen berücksichtigen Wissen über soziale Strukturen, Kommunikation, Organisation, Heilkunde, Spiritualität, Nachhaltigkeit, Sex und Care, das über Jahrtausende der Menschengeschichte von Frauen ausgetauscht und weitergegeben wurde.

Diese Überlieferungen sind seit Jahrhunderten als volkstümlicher Humbug, als minderwertige Expertise oder als weibischer Aberglaube abgetan und zu großen Teilen vernichtet worden.

Mit Perspektive auf die Zukunft ist es wichtig, dieses weiblich konnotierte Wissen gleichwertig zu behandeln und sichtbar zu machen. Woher sollen sonst beispielsweise künstliche Intelligenzen (KI) künftig die Weisheit der Menschheit in ihrer Gänze begreifen? Zumal KI in Sachen Weisheit ohnehin Nachhilfe braucht – beim Herumexperimentieren mit einer Rechtschreibsoftware wurde das Wort „weise“ konsequent durch „klug“ ersetzt – so „out“ ist Weisheit.

Die Psychologin Prof. Dr. Judith Glück forscht an der Universität in Klagenfurt zur angewandten Weisheit.

Sie hat Menschen gefragt, wie sie diese Weisheit definieren: Ihre Studienteilnehmer:innen nannten Expertise, Gemeinschaftsdenken, Gelassenheit, Reife, Neugier, Selbstvertrauen und Toleranz. Sie hat mir erzählt, dass Offenheit, Selbstkritik, Nachdenklichkeit und eine realistische Einschätzung der eigenen Grenzen als Merkmale der Weisheit gelten.

Weibliche Weisheit versteckt sich manchmal in scheinbar Banalem. Auf meiner Suche bin ich zunächst der Spur der Entwertung gefolgt: Warum wurden Frauen in vergangenen Zeiten aus der Medizin ausgeschlossen? Warum wurden bestimmte Frauenexpertisen und deren Protagonistinnen in der Vergangenheit so marginalisiert? Ich bin weder Psychologin noch Historikerin und wähle deswegen einen persönlichen Ansatz.

Weise Frauen lebten und leben überall auf der Welt.

 

 

Dr. med. Kate Campbell Hurd-Mead

Weise Frau 1Das meiste Wissen um antike Ärztinnen und Medizinerinnen ist einer weisen US-amerikanischen Medizinerin namens Dr. Kate Campbell Hurd-Mead zu verdanken. Hurd-Mead kam 1867 in Massachusetts zur Welt und gehörte zur zweiten Generation von Frauen, die in den USA offiziell als Gynäkologinnen praktizieren durften. Die letzten 16 Jahren ihres Lebens, nach dem Ende ihrer Karriere als Ärztin, widmete sie der Rekonstruktion und Erforschung der Geschichte der weisen Frauen. Dazu nistete sie sich zwei Jahre im Archiv des Britischen Museums ein, durchsuchte jede medizinische Quelle nach Hinweisen auf weibliche Ärzte und reiste um die Welt.

Auf mehr als 600 Seiten dokumentierte sie im Jahr 1938 die bis heute umfassendste Geschichte von Frauen in der Medizin: „A History of Women in Medicine: From the Earliest of Times to the Beginning of the Nineteenth Century.“ Hurd-Mead schrieb, dass „Frauen als natürliche Heilerinnen, Hebammen und Knochensetzerinnen, als Priesterinnen ihrer Götter und Repräsentantinnen ihrer Göttinnen gesehen wurden.“ Für Hurd-Mead füllte die Geschichte der Frauen in der Vergangenheit nicht nur eine Lücke in der Medizinhistorie. Vielmehr wollte sie angehende Ärztinnen inspirieren, sie empowern und sich für Chancengleichheit im medizinischen Beruf einsetzen – ein Ziel, das bis heute, über 80 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1941, nicht an Relevanz verloren hat.

 

Ich habe sie bei den Mapuche, einem indigenen Stamm in Chile, und in Südkorea gesucht, in Indien und in Afrika. Sie praktizieren Varianten von Weisheit, die sich vom westlichen Feminismus unterscheiden, sich aber als nicht weniger selbstbestimmt verstehen. Von der kommunalen Feuerstelle über archaische Rituale bis zum Hightechlabor arbeiten die weisen Frauen auf der Welt an denselben Themen: zusammenfügen, verstehen, nähren, verteilen. Erhalten, bewahren, weitergeben. Dazu stellen sie sich ihren eigenen Geschichten, ihren eigenen verinnerlichten Abwertungen. Nur wer diese überwinden kann, schafft Raum für Weisheit.

Für die Psychoanalytikerin und Autorin des Buchklassikers „Die Wolfsfrau: Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, Clarissa Pinkola Estés, steht die Figur der „weisen Alten“ für die „Fähigkeit, nicht nur mit den Augen, sondern mit den Augen des Herzens, mit den Augen der Seele, mit den Augen der schöpferischen Kraft und der belebenden Kraft der Psyche sehen zu können“.

Weise Frauen wissen, dass Gespräche über die Generationen hinweg unentbehrlich sind, dass jede Phase des Lebens Weisheit benötigt und beinhaltet. Feministische Weisheit ist durchlässig und zugewandt, faktenbasiert, warm, wertschätzend und verbindend.

Auch Männer können sie praktizieren, jeder Mensch, alle Geschlechter, denn sie liebt, kämpft und verzeiht. Die Welt hat sie selten dringender gebraucht.

Denn weibliche Weisheit kann eine subtilere Form von Macht repräsentieren – eine, bei der es nicht um Dominanz geht, sondern um Führung, Fürsorge, Offenheit, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. Kann man davon je genug haben?

 

 

Margot Friedländer

Weise Frau 2Im Sommer 2024 strahlte die 103-jährige Margot Friedländer vom Cover der deutschen Ausgabe des Modemagazins „Vogue“. Ihre Aura der Weisheit in einem Zeitschriftenregal voller Hiobsbotschaften war unübersehbar. Friedländer verlor ihre Eltern und ihren Bruder im Holocaust. Sie versteckte sich selbst monatelang im Untergrund, wurde 1944 entdeckt und ins Konzentrationslager deportiert. Sie überlebte, wanderte in die USA aus und ließ sich in New York nieder.

Im Alter von 88 Jahren kehrte sie nach Berlin zurück, um „mit euch zu sprechen, euch die Hand zu reichen. Aber euch zu bitten, dass ihr die Zeitzeugen sein sollt, die wir nicht mehr sehr lange sein können. Was war, können wir, wie gesagt, nicht ändern. Es darf nur nie wieder geschehen. Es ist in eurer Hand, dass ihr vorsichtig seid.“ Ihre Geschichte, ihre eigene Weisheit trägt Margot Friedländer nicht wie ein schweres Mahnmal, sondern wie eine federleichte Superkraft bei sich. Sie lehrt uns Erinnerung, Menschlichkeit – Inbegriffe weiblicher Weisheit.

 


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"

Vom Alten lernen


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Bilder © Ursache/Wirkung


 

Miriam Stein

Miriam Stein

Miriam Yung Min Stein ist Journalistin und Buchautorin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie hat mit Christoph Schlingensief und Rimini Protokoll Theater gemacht und ist eine profilierte deutsche Kulturjournalistin. 
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