Ein Wort, ein Blick, eine Kritik – und schon fühlen wir uns verletzt oder missverstanden. In der Rubrik Nachgefragt: Frag den spirituellen Lehrerenden geht Bhante Sukhacitto der Frage nach, wie wir achtsam mit dem Bedürfnis umgehen können, im „richtigen Licht“ gesehen zu werden.
In der Rubrik Nachgefragt: Frag den spirituellen Lehrenden wenden sich U\W-Leserinnen und -Leser mit ihren Anliegen an bekannte spirituell Lehrende.
Sie haben auch Interesse? Schreiben Sie uns gerne an: fragen@ursachewirkung.com
Leserfrage von Werner K: Was tun, wenn man sich unfair behandelt fühlt?
Ich benötige euren Rat zu einer Situation, die mich mehr beschäftigt, als ich erwartet hatte: Mein Vorgesetzter hat konstruktive Kritik an meiner Art zu kommunizieren geübt. Etwa einen Tag später verspürte ich Angst und das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen. Die Sorge vor Arbeitsverlust, die durch die Kritik kurz bei mir aufgeflammt ist, habe ich als irrational erkannt und durch Achtsamkeit und Meditation gut bewältigt. Doch das Verlangen, im richtigen Licht gesehen zu werden, ist hartnäckiger.
Wie soll ich damit umgehen, wenn mein Ich sich unfair behandelt oder missverstanden fühlt und nach Anerkennung strebt?
Die Antwort des spirituellen Lehrenden Bhante Sukhacitto:
Lieber Werner,
vorab finde ich deinen Satz beeindruckend: „Mein Vorgesetzter hat konstruktive Kritik an meiner Art zu kommunizieren geübt.“ Dies heißt, du bist offen für das, was gesagt wurde. Konstruktive Kritik kann helfen zu wachsen. Es ist normal, dass im Anschluss auch Angst hochkommt und das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Spannend wäre es zu wissen, ob du mit der Achtsamkeitspraxis und Meditation die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, nur zur Seite geschoben hast. Oder hast du dich mit dem aufkommenden Gefühl beschäftigt, so dass es sich durch genaues Hinsehen als irrational gezeigt hat und du es loslassen konntest?
Das Verlangen, im richtigen Licht gesehen zu werden, ist ein bekannter und verständlicherweise hartnäckiger Wunsch.
Jeder hat seine eigenen Vorstellungen da von, wie er von anderen wahrgenommen werden möchte. Manchmal stimmen das Selbstbild und das Bild, das andere von einem haben, nicht überein.
Der Vorgesetzte ist dir offensichtlich sehr wichtig. Ich nehme eine gewisse Härte gegen dich selbst wahr, weil dir das passiert. Es ist jedoch völlig normal für unerleuchtete Wesen, wenn wir noch in diesen Fesseln stecken und eine „Ich-Ansicht“ haben. Wir vergleichen uns noch mit anderen; das ist eine ganz normale Regung.
Ich würde erst einmal versuchen, mir selbst gegenüber noch mehr Wertschätzung zu entwickeln. Versuche zu erkennen, welche Prozesse auf der Gefühlsebene ablaufen.
Du fragst nach dem Umgang mit dem Gefühl, unfair behandelt oder missverstanden zu werden, und dem Verlangen nach Anerkennung. Ein erster Schritt ist, achtsam zu beobachten, was innerlich passiert, und diesen Prozess bewusst zu verfolgen.
Das Gefühl der Unfairness hängt oft mit inneren Urteilen zusammen; es kann bedeuten, dass etwas in dir verletzt oder getriggert wurde. Indem du diese Reaktionen erkundest, gewinnst du ein tieferes Verständnis für deine Emotionen und kannst konstruktiv mit ihnen um gehen.
Es ist auch wichtig, nicht alles allein mit sich selbst zu klären.
Wenn ein Gespräch mit dem Vorgesetzten möglich ist, solltest du nochmals nachfragen, um zu verstehen, ob es tatsächlich Missverständnisse in der Wahrnehmung gibt, oder um genauer zu erfahren, was er gemeint hat.
Beste Wünsche, Bhante Sukhacitto
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 129: „Kraftquellen"
Bilder © Unsplash.com




