Reisen ist eine Quelle der Freude. Ob man allein oder gemeinsam unterwegs ist. Es ist wohltuend, sich auf Neues einzulassen und die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Ein spontaner Scherz mit einer fremden Person oder der intensive Duft eines blühenden Orangenhains in der Nase: Beim Reisen nehmen wir uns oft als aufgeschlossener, neugieriger und aufnahmefähiger wahr als im Alltag.
Unterwegs zu sein gibt das Gefühl, das Leben viel intensiver zu spüren. Immerhin lässt man die alltäglichen Aufgaben hinter sich und sagt „Adieu“ zum Alltag, zum Job, zur Hausarbeit und zu dem immerwährenden Gefühl, all den Anforderungen nicht hinterherzukommen.
„Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben“, formulierte es der Schriftsteller Kurt Tucholsky.
Wenn der Urlaub ansteht, ist gewiss: Jetzt kommen Wochen des tiefen Ausatmens, Loslassens, Treibenlassens.
Das ermöglicht es dem Mensch, „artgerechter“ zu leben: Anstatt in Büros zu hocken, sind Draußensein und Sonne angesagt. Anstatt zwischen Betonwänden und -städten eingeklemmt zu sein, kann man die Sinne in der Natur schärfen.
Sich aufmachen und bei sich ankommen
Viele schlafen aus, das erholt. Sie laufen barfuß, das erdet. Sie bewegen sich mehr, was fit und glücklich macht. Sie atmen frische Bergluft ein, was gesundheitsfördernd wirkt.
Zwischendurch wandeln die Urlaubenden durch historische Städte und Museen, was inspiriert. Sie erlauben sich Leichtigkeit, Entspannung, Freiheit, Müßiggang und Langeweile – oder versuchen es zumindest.
Vor allem aber: Auf Reisen entscheiden wir selbst über unsere Zeit und fühlen uns dadurch selbstwirksam.
Die zweite Erklärung für die gesteigerte Wahrnehmung und das intensive Lebensgefühl auf Reisen klingt weniger nach Urlaubskatalog: Das Gehirn ist in neuen, unbekannten Situationen viel aktiver als sonst.
Es verarbeitet unentwegt neue Informationen und schätzt Gefahren ein.
Menschen, die unterwegs sind, sind wachsam und klar, der innere Kompass ist auf Ungewohntes eingestellt.
Das fordert heraus.
Persönliches Wachstum basiert auf Herausforderungen, daher bietet das Reisen die ideale Umgebung dafür, vorausgesetzt, man bringt ein gewisses Maß an Anstrengung auf.
Nur am Hotelstrand zu liegen und im Meer zu baden, kann zwar erholsam und wichtig sein. Wer sich aber weiterentwickeln und Neues an sich entdecken will, braucht andere Erlebnisse, bei denen er auch mal aus der eigenen Komfortzone tritt.
Das müssen nicht zwingendermaßen große Abenteuer wie eine Busreise quer durch Südamerika oder eine vierwöchige Alpenüberquerung zu Fuß sein.
Schon eine Bahnreise ins Nachbarland bietet ausreichend Möglichkeiten für neue Herausforderungen.
Ich bin unlängst mit dem Zug kreuz und quer durch Tschechien gereist. Wegen einer Verspätung habe ich an einem Tag den Anschluss verpasst und mich spätabends an einem Umsteigebahnhof, müde und erschöpft, überhaupt nicht zurechtgefunden.
Ein aufmerksamer Einheimischer erkannte meinen suchenden Blick.
Ich rief ihm den Namen des Zielorts zu, so gut ich ihn aussprechen konnte. Er deutete beherzt auf den richtigen Bahnsteig, und ich erwischte gerade noch den letzten Zug.
Diese kurze zwischenmenschliche Begegnung ließ mich innerlich aufblühen: Mein Vertrauen, dass das Leben überraschenderweise oft Gutes bereithält, wurde gestärkt.
Ich war dankbar für die Hilfsbereitschaft und glückselig, durch das geöffnete Fenster im Zug den frischen Luftzug zu spüren und der Abendsonne entgegenzugleiten. Die kurzen Vorhänge flatterten im Fahrtwind, während sich meine Lippen aus Freude zu einem Lächeln formten.
Reisen macht empfänglich für die kleinen Dinge des Lebens
Wir geben ihnen den Raum, den sie verdienen.
Und so verwandeln sich die vermeintlich kleinen in große Dinge, weil sie das Herz mit Freude und Zufriedenheit erfüllen.
Mit glücklichen, nährenden Momenten werden auch jene verwöhnt, die eine Reise gemeinsam mit lieben Menschen unternehmen. Sie teilen Erlebnisse, nehmen sich Zeit füreinander und führen gute Gespräche; das verbindet.
Mehr Potenzial zur inneren Entfaltung birgt ein Solotrip.
Wer allein verreist, ist auf sich gestellt und lernt sich auf vielen Ebenen besser kennen.
Man reist quasi ein Stück weit näher zu sich selbst. Soloreisende müssen sich orientieren, selbst entscheiden und fortlaufend die eigenen Bedürfnisse abfragen.
Wenn etwas schiefgeht, suchen sie eigenständig nach einer Lösung.
Das stärkt das Vertrauen in sich selbst. Das sichere Gefühl, einen Umgang mit den verschiedensten Situationen finden zu können, nehmen sie mit in den Alltag.
Beim Alleinreisen tauchen zwischendurch wie von selbst auch schwierige Gefühle auf: Alleinreisende fühlen sich mitunter einsam oder betrübt, weil sie sich in einem ruhigen Moment eingestehen, was ihr Leben beschwert.
Das auszuhalten, ist zwar schmerzhaft.
Es kann aber hilfreich sein, weil man lernt, die eigenen Gefühle besser zu regulieren. Das macht frei.
Mein persönliches Fazit: Reisen ist eine wirksame Kraftquelle, aber bei Weitem nicht die einzige
Wir können auch im Alltag immer wieder der Komfortzone entfliehen, um zu wachsen.
Das spart Reisekilometer und schont die Umwelt, stärkt die eigene Persönlichkeit und lässt uns ein Stück weit bei uns selbst ankommen.
Und genau das ist doch der Kern des Reisens – sich aufmachen und ankommen.
Wie weit man sich dafür geografisch bewegt, ist nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, sich zu trauen, den eigenen Weg zu gehen und sich auf Neues einzulassen.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 129: „Kraftquellen"
Foto Header & Teaser © Unspash.com




