U\W-Leserinnen und -Leser wenden sich mit ihren Fragen zu spirituellen Herausforderungen an erfahrene buddhistische Lehrende. Erfahre, wie man trotz scheinbarem Stillstand und Zweifeln beim Etablieren neuer Gewohnheiten geduldig und mutig weitergeht.
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Silke Wiland fragt:
Wenn ich mich einer neuen Herausforderung stelle oder versuche, eine neue Gewohnheit zu etablieren, erreiche ich irgendwann immer einen Punkt, an dem ich keinen sichtbaren oder spürbaren Fortschritt mehr mache.
In diesen Momenten fühle ich mich oft wie falsch und ich denke dann, dass sich bei aller Anstrengung sowieso nichts ändern wird. Unsicherheit beginnt an mir zu nagen, lässt mich zweifeln und bringt mich aus dem Gleichgewicht.
Dabei weiß ich eigentlich, dass gerade in solchen Phasen Geduld entscheidend ist. Wie gelingt es, in solchen Situationen nicht den Mut zu verlieren und unbeirrt weiterzumachen, auch wenn es so scheint, als bewege sich nichts?
Ich möchte diesmal nicht an diesem Punkt scheitern, wie es mir in der Vergangenheit schon oft passiert ist.
Die Antwort des Dharma-Lehrenden:
Liebe Silke, es ist leichter, deine Frage anhand eines konkreten Beispiels zu beantworten. Das hilft, die Antwort greifbarer zu machen. Und du kannst die Erkenntnisse auf deine eigene Situation übertragen.
Stell dir vor, jemand ist überzeugt, dass tägliche Meditation als neue Gewohnheit gut für ihn wäre. Was nach einiger Zeit geschieht, beschreibst du sehr gut: kein Fortschritt, kein Ergebnis, Zweifel, Aufgeben, Scheitern.
Als Erstes empfehle ich: Mache dir klar, dass dies eine falsche Wahrnehmung ist.
Bei konsequenter Übung gibt es immer kleine Fortschritte, doch die sieht man oft nicht.
Man will immer mehr. Man will Großes und das möglichst schnell.
Suche eine Lehrerin oder einen Lehrer und du wirst im Austausch merken, dass sich schon etwas verändert hat. Das kann neuen Mut geben. Die kleinen Fortschritte sind Samen. Sie sind fein, aber sehr bedeutsam.
Denke daran, wie viel Zeit und Pflege es braucht, bis im Garten die Samen zu großen Bäumen werden.
Zweitens: Reflektiere darüber allein, aber auch mit anderen, auf welche Art du eine neue Gewohnheit wie etwa die Meditation festigen möchtest.
Vielleicht übst du etwas, das du gelernt hast, jedoch mit Anstrengung und Mühe verbindest. Oft meinen wir, mit dem Einsatz von starkem Willen viel erreichen zu können – das ist oft der Fehler, denn man kann es auf Dauer nicht durchhalten. Bei jedem Training wirkt es viel besser, wenn man sich dabei innerlich entspannt und auf die Stimme des Körpers hört.
Wir sollten Methoden und Wege finden, beim Handeln Körper und Geist zu entspannen und Freude dabei zu finden.
Drittens: Untersuche genauer, was das Gebiet deiner neuen Gewohnheit ist.
Oft scheitert es daran, dass wir im Grunde die Tätigkeit nicht interessant finden. Vielleicht finden wir beim Meditieren den Atem eigentlich langweilig.
Der Atem kann uns aber mit der Kraft des Lebens in uns verbinden. Er kann Dankbarkeit und so gar Liebe hervorrufen, kann uns berühren.
Was immer du tust, versuche, das Schöne, Erfreuliche und Bemerkenswerte daran zu entdecken. Bleibe nicht an der Oberfläche stehen, sondern lerne, tiefer zu schauen und zu verstehen, was wirklich im Geist geschieht.
Herzlich, Paul Köppler
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 130: „Stille"
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