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Leben

Für Tibeter gibt es kaum etwas Glückverheißenderes, als den Dalai Lama zu treffen. Aber auch für Nichttibeter ist die Begegnung mit dem 89-jährigen buddhistischen Mönch ein Highlight.

Tagelang habe es geregnet, erzählen die Einheimischen in Dharamsala – oder besser gesagt in McLeod Ganj. Das ist der Stadtteil der nordindischen Stadt, in dem die tibetische Diaspora daheim ist. Es ist der Sitz der tibetischen Exilregierung. Und der Sitz des spirituellen Oberhaupts der Tibeter, des Dalai Lamas. Schon über 60 Jahre ist es her, dass der damals 24-Jährige vor den chinesischen Kommunisten fliehen musste und im Norden Indiens Zuflucht fand. 

Ganz anders als auf dem tibetischen Hochplateau regnet es in Dharamsala viel. Meist ist der Himmel wolkenverhangen, vor allem in den Sommermonaten des Monsuns. Die Sonne lässt sich dann oft tagelang nicht blicken. 

Unsere Gruppe ist an jenem Tag lange nicht die einzige, die den Segen des Dalai Lamas empfangen darf.

Doch an jenem Tag war es anders. Schon am Vorabend hatten sich die Wolken gelichtet und einem rosaroten Sonnenuntergang über der bunten Stadt in den grünen Ausläufern des Himalajas Platz gemacht. 

An jenem Morgen war der Himmel über McLeod Ganj strahlend blau. Vor den Toren der Residenz des Dalai Lamas herrscht geschäftiges Treiben. Der Tsuglagkhang, also der senffarbene Tempelkomplex des Dalai Lamas, umfasst unter anderem einen Haupttempel, Nebengebäude und auch seine Residenz. Seit den späten 2000er-Jahren wohnt er zwar nicht mehr dort, empfängt aber weiterhin Gäste. Das große Tor ist von mehreren Sicherheitskräften flankiert. Einer von ihnen deutet streng, nicht in seine Richtung zu fotografieren.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 130: „Stille"

130 cover


Zwischen den Eisenstäben sieht man strahlende Menschen Richtung Ausgang gehen. Jeder von ihnen hat um den Hals einen langen weißen Schal hängen. Die Khatags werden in Tibet traditionell zum Gruß oder zur Verabschiedung überreicht – oder eben, wenn man einen hohen Lama trifft. Auch vor den Toren des Gebäudekomplexes standen einzelne Grüppchen zusammen, manche haben den Schal schon umgehängt, andere noch nicht. Unsere Gruppe der deutschen Friedrich Naumann-Stiftung, die die Exilregierung seit vielen Jahren unterstützt, gehört auch dazu.

Bevor wir eintreten dürfen, müssen wir noch unsere Ausweise zeigen. Über eine Liste wird jede einzelne Person überprüft, ob sie angemeldet ist. Schon da lächelt „Seine Heiligkeit“ über den Vorplatz zwischen Residenz und Haupttempel: Über dem Tempeleingang hängt ein Banner, das ein Bild des Dalai Lamas zeigt. Darunter gehen viele Tibeter Richtung Tempel, um vor den großen Buddhastatuen ihre Niederwerfungen zu machen. Auch Ausländer sind unter ihnen, manche sogar in der traditionellen tibetischen Chuba, dem tibetischen Gewand.

Unsere Gruppe ist an jenem Tag lange nicht die einzige, die den Segen des Dalai Lamas empfangen darf. Und doch hat das Büro des Dalai Lamas dessen Engagements in den vergangenen Jahren drastisch reduziert. 89 Jahre alt ist der tibetische Mönch heute. Unermüdlich hat er sich ein Leben lang weltweit für Tibet eingesetzt. Bis heute prangert er die systematische Unterdrückung der tibetischen Kultur in Tibet an. Über die vielen Jahrzehnte wurde er zur Galionsfigur der Tibeter, dem international viel Faszination, aber vor allem immenser Respekt für seinen gewaltlosen Weg entgegengebracht wurde. Abertausende Menschen hat er über die Jahre so empfangen.

Als Vertriebener, als staatenloser Flüchtling, gehört die Interaktion mit der Öffentlichkeit zum realpolitischen Kern seines Wirkens. Doch jenseits des weltlichen Ansinnens ist aus buddhistischer Perspektive die Hinwendung zu seinen Mitmenschen Kern seiner Identität: Denn für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama den Bodhisattwa des Mitgefühls. 

Bodhisattwas sind in der tibetischen Kosmologie Lebewesen, die eigentlich längst die Erleuchtung erlangen könnten, sprich aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten aussteigen könnten. Doch zum Wohle aller entscheidet sich ein Bodhisattwa dagegen, um allen Lebewesen dabei zu helfen, erleuchtet zu werden. Avalokitesvara heißt der Bodhisattwa des Mitgefühls auf Sanskrit. Chenresig lautet die Bezeichnung auf Tibetisch. Der Dalai Lama, so die Überzeugung der Tibeter, ist eine Verkörperung jenes Mitgefühls.

Je näher wir kommen, umso ruhiger wird es. Bald ist nichts mehr vom Gewusel, dem Chaos von eben zu spüren. Jede Hektik ist verflogen. 

Plötzlich muss es schnell gehen. Unsere Gruppe ist mit dem Listencheck eigentlich noch nicht fertig. Aber ein Mitarbeiter kommt herangeeilt, wir seien schon spät dran. Flott werden wir durch die erste Sicherheitsschleuse geführt, danach heißt es im Innenhof bei der nächsten Kontrolle alle Taschen abgeben. Ein Mitarbeiter nimmt mir auch das tibetische Rollbild ab, das ich noch am Vorabend gekauft hatte. Er werde sich darum kümmern, dass es gesegnet wird. 

Es herrscht große Hektik. Die einen rufen uns zu, rasch weiterzugehen. Die anderen pochen darauf, dass wir noch durchsucht werden. Schließlich folge ich der kleinen Prozession über einen Asphaltweg. Schon aus der Ferne ist bald eine Menschenschlange zu sehen, die sich unter einem Dach anstellt. Je näher wir kommen, umso ruhiger wird es. Bald ist nichts mehr vom Gewusel, dem Chaos von eben zu spüren. Jede Hektik ist verflogen. 

Eine Gruppe von Tibetern kommt uns entgegen, unter ihnen auch ein Mann, der weint. Für Tibeter gibt es kaum etwas Glückverheißenderes, als den Dalai Lama zu treffen. Der tibetische Mönch ist zum größtmöglichen gemeinsamen Nenner einer über den Globus verstreuten Diaspora geworden. Und er ist Bindeglied zwischen jenen Tibetern, die in Tibet geblieben sind, und jenen, die geflohen sind.

Heute sind die Grenzen besser bewacht denn je. Und doch kommen immer wieder Tibeter nach Indien. Viele von ihnen haben nur diesen einen Wunsch, einmal den Dalai Lama zu sehen. Ihn bloß zu sehen, ist ein derart großer Segen, der die beschwerliche Reise aufwiegt. 

Die Flucht, die Vertreibung der Tibeter aus ihrer Heimat, sei ein „blessing in disguise“, ein „Glück im Unglück“, meint eine Tibeterin, die schon im Exil aufgewachsen ist. Als Osttibeterin wäre sie nie in die Situation gekommen, so nahe beim Dalai Lama zu sein. Sie hätte nie die Möglichkeit gehabt, ihn wiederholt zu sehen. Für die Tibeter ist der Dalai Lama ein Ort des Trosts, ein Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft. „Jetzt ist es aber langsam Zeit, nach Hause zu gehen“, fügt sie hinzu.

Segen

Im Tsuglagkhang deutet mir ein Mönch, mich gegenüber der Menschenschlange hinzusetzen. Vor mir wartet bereits ein taiwanisches Pärchen. Ich blicke hinüber zu den Menschen. Und zwischen den vielen Köpfen sitzt er. Der Dalai Lama. So wie man ihn schon so oft auf Fotos, im Fernsehen oder auf Zeitungscovers gesehen hat. Es ist einer jener Momente, die gleichzeitig zutiefst profund und zutiefst gewöhnlich sind. Und das ist wohl der Zauber, den der Dalai Lama perfekt verkörpert: Er sei ein ganz normaler Mönch, betont er immer wieder. Und doch beten ihn Tausende Menschen an. Seine Aussagen hängen als Kalendersprüche auf den Wänden im Westen. Und doch sind es Essenzen einer hochkomplexen Philosophie, die er in ganz gewöhnliche Worte destilliert. 

Ein Mönch verteilt die weißen Khatags, also die Seidenschals, die der Dalai Lama seinen Besuchern früher selbst um den Hals legte, als er noch jünger war. Als ich an der Reihe bin, mich anzustellen, denke ich an die tibetische Verkäuferin, bei der ich am Vorabend noch das Rollbild kaufen wollte. Meine Bankkarten haben nicht funktioniert, Bargeld hatte ich nicht dabei. Als die Verkäuferin hörte, warum ich das Bild kaufen möchte, gab sie es mir einfach mit. Ich solle morgen bezahlen. Sie vertraue mir, sagte sie.

Auch das ist die Fähigkeit des Dalai Lamas: das Beste aus den Menschen hervorzuholen und darauf zu vertrauen, dass die Dinge gut werden, weil sie es ja schon sind. 

Ich hörte, wie unsere Gruppe dem Dalai Lama vorgestellt wurde. Als ich schließlich an der Reihe war, mich direkt vor ihm hinzustellen, faltete ich die Hände und verbeugte mich tief, er hielt kurz meine Hand - schnell wurde ich auch schon wieder weitergeschoben. Denn es waren noch viele hinter mir in der Schlange. Und sie alle wollen seinen Segen.

 

Introbild © Robert Harding/Alamy Stock Foto
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Bild im Text © Robert Harding/Alamy Stock Foto

 

Dr. Anna Sawerthal

Dr. Anna Sawerthal

Dr. Anna Sawerthal ist Tibetologin und Journalistin. Sie studierte in Wien, Nepal, Lasha und Heidelberg. Sie lebt in Wien.
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