Leben

Im Königreich Bhutan erhielten 142 Frauen die volle Ordination – ein Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung im tibetischen Buddhismus.

Eine kleine Revolution ereignete sich am 21. Juni 2022 im Königreich Bhutan: 142 Novizinnen empfingen – erstmals in der modernen Geschichte des tibetischen Buddhismus – in einer feierlichen Zeremonie die volle Ordination zu Nonnen, vergleichbar mit der katholischen Priesterweihe.

Jahrhunderte war den buddhistischen Frauen in der gesamten tibetischen Tradition diese höchste Weihe verwehrt, sie konnten lediglich das Novizinnen-Gelübde nehmen. Da half nur noch beten und Wünsche zu formulieren, dass sie als Mann wiedergeboren werden. Denn nur als Mann ist es ihnen gemäß einiger bedeutender Schriften möglich, das letzte Ziel buddhistischer Praxis zu erreichen: das Erwachen. Das Wunschgebet „Mögen alle Frauen in der Welt Männer werden“ steht heute noch in übersetzten traditionellen Texten, etwa des buddhistischen Meisters Shantideva (7./8. Jh. n. u. Z.).

Von jetzt an reicht es, nach Bhutan zu reisen, um das Gelübde zur Bhikshuni, wie die Nonnen in der indischen Sprache Sanskrit genannt werden, zu nehmen. Damit sind die Nonnen den Mönchen formal gleichgestellt, können als Lehrerinnen wirken und alle Ämter bekleiden. Sie können eigene Klöster gründen und andere Nonnen anleiten sowie ausbilden.

„Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich das noch erlebe“, sagt die Nonne Carola Roloff sichtlich gerührt. Sie praktiziert selbst im tibetischen Buddhismus, aber hier konnte sie sich nicht voll ordinieren lassen. Daher ging sie 1985 nach Taiwan, um das Gelübde aus der chinesischen Tradition zu empfangen. Seit 35 Jahren engagiert sie sich nun für die Gleichberechtigung der Frauen im Buddhismus, für eine bessere Bildung und für die Wiedereinführung einer vollwertigen Frauenordination.

Buddha hatte vor 2.500 Jahren in der patriarchisch geprägten indischen Gesellschaft gezögert, Frauen in die geistliche Gemeinschaft aufzunehmen. Doch dann wagte er den Schritt doch, Frauen die höchste Ordensweihe zu ermöglichen und einen Nonnenorden zu gründen. Der Nonnenorden verbreitete sich bereits zur Zeit von Kaiser Ashoka (304–232 v. u. Z.) nach Sri Lanka.

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Carola Roloff

Doch etwa im 11./12. Jahrhundert starb er dort im Zuge von Hungersnöten aus, genauso der buddhistische Mönchsorden. Dieser konnte mithilfe von Mönchen aus Myanmar und Sri Lanka wiederbelebt werden. Da aber nach strenger Auslegung des Ordensrechts, das so etwas wie eine religiöse Verfassung ist, Bhikshunis in einem gemeinsamen Ritual mit Mönchen, Bhikshus, ordiniert werden müssen, war es nicht möglich, den Nonnenorden wiederzubeleben. Daher gab es keine Bhikshunis mehr.

Erst in den letzten Jahrzehnten machte man Fortschritte. Buddhistinnen in Asien und im Westen versuchten, die Praxis der Nonnenordination wiederherzustellen, zuerst in Sri Lanka. Doch das war mühsam. Denn der Kampf wird auch auf dogmatischer Ebene ausgetragen. Laut Ordensrecht gibt es verschiedene dogmatische Ansätze, wie das Bhikshuni-Gelübde gegeben wird und wiederhergestellt werden kann. Schnell lässt sich behaupten, diese oder jene Form des Rituals stünde „nicht im Einklang mit den Lehren des Buddha“.

In Bhutan leitete eine Gruppe von Mönchen unter dem Abt Je Khenpo die Zeremonie, ohne dass Bhikshunis, etwa aus anderen Ländern Asiens, anwesend waren. Auch diese Möglichkeit, die Ordination zu geben, stünde im Einklang mit dem Ordensrecht, so Roloff, die dazu geforscht hat. Unterstützung gab es von offizieller Seite: Mitglieder des Königshauses waren demonstrativ an diesem großen Tag präsent.

Roloff erhielt am Morgen der Zeremonie eine E-Mail aus Bhutan, dass das Ritual nun beginne. „Mein Herz raste, meine Smartwatch schlug Alarm“, beschreibt sie den Moment. „Dreißig Minuten lang meldete der Tracker eine erhöhte Herzfrequenz. Es war einer der glücklichsten Momente meines Lebens.“


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 121: „Mit allen Sinnen"

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Und wie reagieren die Mächtigen im tibetischen Buddhismus? Auffällig ist das große Schweigen. Reaktionen von ranghohen Lehrern außerhalb Bhutans gab es zunächst nicht. Auch der Dalai Lama äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht. Er hat das Anliegen der Nonnen, gleichberechtigt zu sein, immer unterstützt. In vielen Gesprächen gab er Carola Roloff Rückenwind und setzte sich dafür ein, dass Frauen den Titel der „Geshe-ma“ erwerben können, den höchsten Ausbildungsgrad der tibetischen Klosteruniversitäten.

Allerdings sprach der Dalai Lama kein Machtwort, denn der Orden regelt Angelegenheiten durch Abstimmung im Konsens. 2007, bei einem wichtigen internationalen Nonnenkongress, den Carola Roloff in Hamburg initiierte, beklagte der Dalai Lama, die Widerstände bei den Mönchen seien enorm. Die Entscheidung müsse ein buddhistisches Konzil treffen. Das Problem: Zu dieser religiösen Versammlung würden nur Mönche geladen, und welches Interesse sollten sie haben, ihre eigene Macht zu beschneiden?

Macht, Freiheit und Selbstbestimmung werden den Frauen nicht geschenkt, sie müssen erkämpft werden. „Wenn Frauen an einem Strang ziehen, können sie Geschichte schreiben und Traditionen verändern“, resümiert Roloff.

Wie geht es nun weiter? Eine Ordination, wenn sie einmal von Mönchen erteilt oder bestätigt ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. „Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten“, da ist sich Roloff sicher. Viele Frauen werden dem Beispiel der 142 Bhikshunis folgen. „Das geht nicht mehr aus der Welt, zumindest nicht so schnell“, lächelt sie zufrieden – wie jemand, der eine große Aufgabe erfüllt hat.

Birgit Stratmann, Textchefin von Ursache\Wirkung und verantwortliche Redakteurin beim Onlinemagazin www.ethik-heute.org. Von 1994 bis 2012 war sie Chefredakteurin einer buddhistischen Zeitschrift.

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