Leben

Zu Beginn der Psychotherapie sagen Menschen oft, dass sie erst zufrieden sein können, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. So wollen manche Menschen, dass sich die Partnerin oder der Partner ändert.

Andere sind mit dem Job oder den Lebensumständen unzufrieden. Eine Garantie, dass sich mit der Therapie alles zum Guten wendet, gibt es nicht.

Einmal suchte eine Frau um Unterstützung, weil sie unbedingt einen Partner für eine Langzeitbeziehung finden wollte. Sie tat alles, damit der Wunsch in Erfüllung ging. Die Frau war Buddhistin und wandte sich zuerst an die spirituelle Lehrerin. Diese meinte, die Suche nach einem Partner sei zu intensiv und eine Anhaftung. Sie riet ihr, dass sie sich auch mit anderen Dingen beschäftigen und neue Hobbys finden solle. Doch je mehr die Frau den Ratschlag befolgen wollte, umso größer wurde die Sehnsucht nach einem Mann. Das Ganze war mit dem „Rosa-Elefanten-Effekt“ vergleichbar. Demnach können bestimmte Denkverbote wie „nicht an einen rosa Elefanten denken“ das Gegenteil bewirken. Die Frau schämte sich, weil sie das Loslassen nicht schaffte. Gleichzeitig wuchsen die Selbstzweifel. Die Frau fragte sich, ob mit ihr etwas nicht in Ordnung sei.

Partner

In der Psychotherapie war der Selbstwert ein großes Thema. Die Frau entdeckte, dass ihre Muster aus der Kindheit stammten. Als Kind hörte sie von den Eltern oft Sätze wie „aus dir wird nie etwas werden“, „du machst alles falsch“, „für dich muss man sich schämen“. Für die Eltern waren die Söhne wichtiger. Die Frau ließ sich als Erwachsene oft auf Männer ein, die wie ihre Eltern waren und sie kleinmachten. Zum Glück dauerten solche Affären nicht lange. In der Psychotherapie konnte sie sich langsam von den alten Glaubenssätzen lösen. Sie lernte, dass sie sich nicht alles gefallen lassen muss. Die Frau hatte gleichzeitig viele starke Anteile. Obwohl ihr die Eltern wenig zutrauten, fand sie rasch eine Wohnung und einen Job. Sie absolvierte verschiedene Ausbildungen.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 118: „Zufriedenheit"

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Schließlich besann sie sich auf ihre starken Anteile. Mit der Zeit wuchs auch ihr Selbstbewusstsein bei der Partnersuche. Früher hatte sie auf Onlineplattformen gewartet, bis sich jemand bei ihr meldete. Nun ergriff sie die Initiative. Sie lehnte auch Männer ab, wenn sie ein schlechtes Gefühl hatte. Die Frau stammte aus einem Dorf. Dort war es früher für den sozialen Status wichtig, verheiratet zu sein. Daher drängten sie die Eltern, rasch einen Partner zu finden. Doch der Frau wurde bewusst, dass sie als Erwachsene ihren eigenen Weg gehen konnte und musste. Sie verdiente gut und brauchte keinen Mann zur Absicherung. Die Frau wurde im Zuge der Therapie innerlich frei. Damit wuchs ihre Zufriedenheit. Der Wunsch, schnell einen Partner zu finden, relativierte sich.

Christian Höller ist Psychotherapeut und Coach in Wien. Er ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. Er erzählt in dieser Kolumne fiktive Situationen aus dem psychotherapeutischen Alltag.

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