Leben

Veränderung entsteht nur, wenn man erkennt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Während ich diesen Artikel schreibe, beschäftigen sich viele Menschen angesichts der Wahlen in Deutschland mit der vergangenen und zukünftigen Politik. Dieses Ereignis sowie die Bedrohungen der Sicherheit durch Corona, Klimawandel und Radikalisierung treiben viele Menschen in große Unzufriedenheit. Vor Kurzem sagte mir eine gut informierte Freundin, sie wäre mit der Politik so unzufrieden, dass sie daran denke, gar nicht wählen zu gehen. Vielfach höre ich, es wäre ja alles schlechter geworden, und wer jetzt zur Weiterführung der Regierung anträte, wäre noch schlimmer. Manchmal frage ich dann, was sich denn in ihrem Leben so verschlimmert hätte. Dann stellt sich heraus, dass die grundlegenden Bedingungen des Lebens wie Wohnung, Einkünfte, Lebensstil und Versorgung doch gleichgeblieben sind. Woher kommt dann dieser Frust, der nicht wenige Menschen in die Hände radikaler Kräfte oder in die Resignation treibt?

Buddha sagt, ein wesentlicher Grund für Unzufriedenheit – er nennt das Leiden – liegt darin, dass wir das nicht bekommen, was wir wollen, und dass wir das haben, was wir nicht wollen. Wir leben ständig in Unsicherheit, Bedrohung und erleben, wie vieles, was wir bewahren wollen, wieder verschwindet oder gefährdet ist. Auf der weltlichen Ebene gibt es daraus kein Entkommen. Wir halten Ausschau nach äußeren Bedingungen, die uns zufrieden machen, wir wollen ja glücklich sein. Fast alle Menschen unserer Gesellschaft sind überwiegend zufrieden, finden vieles, woran sie sich erfreuen. Doch selbst dann schleicht sich immer wieder Unzufriedenheit ein. Je mehr wir haben, desto größer die Angst vor dem Verlust. Wir haben etwas zu verteidigen und geben Besitz und Sicherheit den größten Wert im Leben. Doch auch wenn wir bescheiden und vernünftig leben, gibt es eine innere Tendenz, unzufrieden zu sein. Äußerlich gesehen gibt es dafür viele Gründe: Die hohen Mieten, die schlechte Internetverbindung, die Arbeitsbedingungen, die niedrigen Löhne oder etwa die Kollegen bei der Arbeit. Daraus entstehen Frust, Ärger und die Suche nach Schuldigen. Das ist die ungesunde Art der Unzufriedenheit, mit ihr fühlen wir uns nicht wohl, vor allem, wenn sie eine dauerhafte Geisteshaltung wird. Wir möchten lieber zufrieden sein. Doch für Zufriedenheit finden wir keine Gründe. Der jeder Unzufriedenheit zugrunde liegende Wunsch, etwas anderes zu wollen, ist jedoch nicht grundsätzlich falsch. Im Gegenteil, er ist ein wichtiger Antrieb und Motor im Leben. Wie könnte eine gesunde Unzufriedenheit aussehen?

unzufrieden

Zunächst ist es wichtig, den Grund für die Unzufriedenheit zu finden. Wenn ich eine Realität in keiner Weise ändern kann, ist es unsinnig, die Unzufriedenheit weiter zu nähren. Es bringt nur Frust, zum Beispiel mit dem System Demokratie unzufrieden zu sein. Ich sollte einsehen, dass in jedem System unvermeidbare Fehler stecken, bisher jedoch im Vergleich der politischen Systeme kein besseres als die Demokratie gefunden wurde. Wenn ich Gegebenheiten zu akzeptieren beginne, vermindere ich mein Leiden und sehe zugleich klarer. Akzeptieren bedeutet nicht, negative Entwicklungen gutzuheißen. Ich erkenne sie, ich kann sie ansprechen, wenn es sinnvoll ist, doch ich lasse mir mein Leben damit nicht verdüstern. Ich darf unzufrieden sein, doch nur so weit, wie es meinem Erkennen der wahren Gründe dient und mir hilft, etwas zur Veränderung einer Situation etwas beizutragen. Ich darf nicht von anderen erwarten, dass sie die Probleme lösen und mir Zufriedenheit schenken.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 118: „Zufriedenheit"

cover 118


Buddha sagt, der einzige berechtigte Grund für Unzufriedenheit sollte darin liegen zu erkennen, was in mir selbst noch zu verbessern ist. Unsere Achtsamkeit sollte darauf gerichtet sein, welche Gier und welcher Hass, welcher Ärger und welche Dummheit in uns vorhanden sind, und damit nicht zufrieden zu sein. Selbst wenn wir auf dem Weg der geistigen Entwicklung manches erreicht haben, sollen wir nicht zufrieden sein, solange wir das höchste Potenzial unseres Geistes nicht erfahren haben. Buddha ist sich jedoch bewusst, dass solch eine Vorstellung den meisten Menschen wie ein ausgedachtes und unerreichbares Ziel vorkommt. Deswegen formuliert er das Ziel seines Weges ganz einfach: „Ich lehre den Weg, der zum Ende des Leidens führt.“
Hier kommt nun der wichtigste Aspekt einer nützlichen Unzufriedenheit ins Spiel: Sie braucht ein Ziel, einen lohnenden Wert, eine Ausrichtung. Ich denke, der anfangs geschilderte Frust hängt damit zusammen, dass in unserer Gesellschaft höhere Werte weitgehend nicht vorhanden sind. Natürlich dürfen die äußeren materiellen Bedingungen einen Wert haben, doch wenn es nur diese geht, werden wir nie dauerhaft zufrieden sein. Wir müssen darüber nachdenken, worum es im Leben wirklich gehen könnte, was unsere Aufgaben sind und was wir aus dem in uns wirkenden Geist machen sollten.
Wahre Zufriedenheit ist kein passives Erdulden oder eine Resignation, die andere ausnutzen können. Sie beruht auf dem Wissen, dass wir in allem, was uns das Leben bietet, den Stoff finden, mit dem wir uns geistig weiterentwickeln können.

Wie werden wir auf eine gute Weise zufrieden?
  • Die eigene geistige Entwicklung an die erste Stelle setzen – sie als Ziel in den Fokus nehmen.
  • Unzufriedenheit zum Erreichen dieses Ziels bewusst einsetzen.
  • Gute Lebensbedingungen schaffen, die wir für den Weg zu diesem Ziel benötigen.
  • Auf dieser Grundlage erkennen, was wir wirklich brauchen, wie gute Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Medizin, Freundschaft, Zeit und Lehren. Vieles andere reduzieren oder aufgeben.
  • Das Gute, das bereits da ist, sehen und schätzen lernen.
  • Freude am Verzicht und der daraus gewonnenen inneren Freiheit finden. 

 

Kommentar schreiben