Leben

So paradox es klingen mag: Ich überschreite meine Grenzen, indem ich sie achte. Ich strecke mich über den Tellerrand meiner Gewohnheiten mit meinem wunderbaren Mantra „Under-do“.

Wie sehr hilft mir das, wenn ich nicht zu viel von mir verlange! Lange Phasen in meinem Leben bin ich laufend über meine Grenzen gegangen, körperlich und emotional. Ich habe mehr in den Tag hineingepresst, als ich verdauen konnte, habe mir zu viele Verpflichtungen auferlegt, mich mit Erwartungen belastet, die nicht einmal Superwoman hätte erfüllen können.

Mein Forschungszentrum sind gegenwärtig die Yoga-Stunden. Wer will beurteilen, wie weit ich mich strecken soll? Kann ich das nicht nur in mir selbst erfahren? Immer wieder entdecke ich meine Tendenz, über meine Grenzen zu gehen und zu viel von mir zu erwarten. Mein Denken ist meinem Körper immer ein Stückchen voraus, will mehr, länger, weiter, vergleicht, fordert. Wie lange kann ich die Übung namens „das Brett“ halten? Bin ich schon reif für die „Krähe“? Wenn mir zum Glück einfällt: „UNDER-DO – mach weniger, halte inne, bevor du dich völlig verausgabst“, dann beobachte ich, dass meine Kräfte wesentlich besser ins Fließen kommen. Meine Muskulatur wird geschmeidiger, dehnbarer und kraftvoller zugleich.

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Die Übung besteht darin, Vorstellung und Wirklichkeit zu synchronisieren, das heißt die Idee vom Körper seiner Wirklichkeit anzupassen. Ganz im Körper sein ohne begleitende Kommentare abzugeben, ohne zu bewerten, was gerade geschieht, in reiner Bewusstheit von Körper und Atem ruhen. Wenn dann Körper und Geist als entspannte Einheit zusammen agieren, rutscht der Schlüssel ins Schloss, und die Tür geht auf. Neue Räume! Aufatmen und loslassen. Ich empfange das Geschenk der unmittelbaren Erfahrung, die stimmt, so wie sie ist.

Und um mein Under-do als alte Yogini nun vom Fuß auf den Kopf zu stellen, muss ich auch gestehen, dass es mir zuweilen richtig guttut, aus meiner Komfortzone herauskatapultiert zu werden. Unerwartet mitgerissen von einem couragierten Gegenüber befinde ich mich zuweilen in Erfahrungsräumen, die ich alleine nicht aufsuchen würde. Da habe ich plötzlich eine Virtual-Reality-Brille auf der Nase und schüttle mich vor Lachen, weil alle vertrauten Grenzen durcheinanderpurzeln. Ich stehe mit beiden Füßen fest auf dem Boden und fürchte mich trotzdem ganz unmittelbar vor dem virtuellen Abgrund, der sich vor mir auftut. Weil beide Erfahrungsräume sich widersprechen, weil es so deutlich ist, dass die Furcht nur ein Hirngespinst der virtuellen Realität ist, entlädt sich die Spannung in Lachsalven.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 113: „Grenzen überschreiten"

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Was einst LSD und psilocybinhaltige Pilze bewirkten, wird jetzt mit visueller Stimulation erreicht, die Grenzen unseres Bewusstseins werden erweitert. Durch die digitale Revolution öffnen sich unermessliche, neue Erfahrungsräume, die uns fordern, über alt vertraute Grenzen zu gehen und die erlebte Gegenwart mit der virtuellen Realität so zu verbinden, dass der menschliche Geist dadurch wachsen und reifen kann. Und trotzdem sicher im Körper verankert bleibt.

Bilder © unsplash

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