Leben

Eine Wanderung an der ungreifbaren Grenze zwischen Menschen und Tieren – ein Versuch, den Unterschied zu finden.

„Es ist nicht bloß die äußere Menschenähnlichkeit der Tiere, der Glanz ihrer Augen, die Fülle und Schönheit ihrer Gliedmaßen, was uns anzieht, auch die Wahrnehmung ihrer mannigfaltigen Triebe, Kunstvermögen, Begehrungen, Leidenschaften und Schmerzen zwingt uns, in ihrem Innern ein Analogon von Seele anzuerkennen.“ Mit diesem Zitat hat der deutsche Sprachwissenschaftler Jacob Grimm vor mehr als 150 Jahren die Beziehung des Menschen zu den Tieren beschrieben. Diese für das 19. Jahrhundert neue Sichtweise war auch eine Folge des Zeitalters der Aufklärung und der Entwicklung der Menschenrechte. Denn der Umgang gegenüber den Tieren spiegelte auch immer das Verhalten wider, das man gegenüber anderen Menschen zeigte. Gesellschaften, die manchen Menschen grundsätzliche Freiheitsrechte absprachen und diese als Sklaven behandelten, versuchten auch immer, diese eher in die Nähe von Tieren als von Menschen zu rücken. Und ebenso haben heute in vielen Ländern Tiere nur den Rechtstatus von „Sachen“, die einen Besitzer haben, der frei über sie verfügen darf.

In Deutschland wurde in einer Novelle des Tierschutzgesetzes die „Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ festgehalten und damit die Gleichstellung von Tieren mit Sachen beseitigt. Auch in Österreich gilt seit dem Jahr 1988: „Tiere sind keine Sachen; sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Die für Sachen geltenden Vorschriften sind auf Tiere nur insoweit anzuwenden, als keine abweichenden Regelungen bestehen.“ Aber was sind dann diese unzähligen anderen Lebewesen, wenn sie nur negativ abgegrenzt im Gesetz als „keine Sachen“ beschrieben werden? Und warum bemühen wir uns offenbar seit Beginn unserer Menschwerdung, uns im Unterschied zu dieser ganzen Vielfalt an Lebensformen als etwas völlig anderes und Einzigartiges darzustellen?
Überprüfen wir dazu die gängigsten Argumente, die verwendet werden, um unsere Andersartigkeit zu belegen.

Der Umgang gegenüber den Tieren spiegelte auch immer das Verhalten wider, das man ge-genüber anderen Menschen zeigte.

Rein körperlich sind Menschen Universalisten. Wir haben viele Fähigkeiten, aber in keiner „Disziplin“ sind wir besser als alle anderen Tiere. Geparde sprinten schneller. Pferde laufen länger. Raubvögel sehen besser. Vögel können fliegen, und Hunde unterscheiden mehr Gerüche. Die Liste könnte man lange fortsetzen, und selbst die Fähigkeit zu träumen, hat man sogar bei weit entfernten Tierarten wie den Insekten nachgewiesen. An dieser Stelle argumentieren viele mit den technischen Errungenschaften, die es dem Menschen auch ermöglichen, zu fliegen oder sich schneller als jedes Tier fortzubewegen. Wenn das das entscheidende Argument für die Andersartigkeit wäre, dann müsste man aber auch die provokante Frage stellen, ob die Menschen vor der Erfindung von Flugzeugen oder Autos noch keine Menschen waren.

Die menschliche Fähigkeit, zu sprechen, wird auch oft als Argument für die Vorherrschaft angeführt. Sowohl von Menschenaffen, Papageien, Delfinen und Walen ist bekannt, dass sie nicht nur mit ihren Artgenossen akustisch kommunizieren, sondern auch über Symbole verfügen, abstrakte Begriffe wie „Freund“ oder Oberbegriffe wie „kugelförmig“ verstehen. Das Gleiche gilt für den Werkzeuggebrauch: Viele Tierarten von Ameisen bis Menschenaffen verwenden Hilfsmittel, um Aufgaben zu lösen. So biegen beispielsweise Krähen mit ihren Schnäbeln Draht zu einem Haken, um damit Futter aus einer Box zu angeln. Solche Techniken werden auch kulturell innerhalb einer Gruppe von Generation zu Generation weitergegeben.

Menschen

Nächster Abgrenzungsversuch: Wie steht es um das Selbstbewusstsein? Dazu wird der sogenannte Spiegeltest verwendet, bei dem man einen Farbpunkt im Gesicht aufbringt. Anschließend beobachtet man, ob das Kind beziehungsweise das Versuchstier beim Betrachten des eigenen Spiegelbildes eine Reaktion zeigt, etwa durch Hingreifen oder Wegwischen, denn das wäre ein Hinweis auf die eigene Körperwahrnehmung. Kinder bestehen den Spiegeltest im Alter von etwa drei Lebensjahren, Schimpansen bereits nach ihrem ersten Geburtstag.

Das finale Argument für die Vorherrschaft ist deshalb meist die menschliche Intelligenz. Kein Tier kann mathematische Probleme lösen oder ein Schachspiel gewinnen. Doch das trifft auch auf viele Menschen zu. Wir wissen, dass erwachsene Schimpansen bei Intelligenztests besser abschneiden als ein zweijähriges Menschenkind. Macht das den Schimpansen dadurch menschlicher, als es ein Kleinkind wäre? Intelligenz als Maßstab für das Menschsein wurde in der Vergangenheit auch dazu missbraucht, rassistische Theorien zu untermauern, wie der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould in seinem Buch „Der falsch vermessene Mensch“ präzise nachgewiesen hat.

75 Prozent der Gene des Menschen stimmen mit denen der Fruchtfliege überein.

Der Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes legte im 16. Jahrhundert für die damalige Welt gültige Grenzen zwischen Menschen und Tieren verbindlich fest und befand, dass Tiere nur Reiz-Reaktionsmaschinen wären. Seinem viel zitiertem Spruch „Ich denke, also bin ich“ stand seitdem das der Tierwelt zugeschriebene „Ich fühle, also reagiere ich“ entgegen.
Erst Biologen wie Charles Darwin zeigten drei Jahrhunderte später die gemeinsame Abstammung und Verwandtschaft aller Lebewesen einschließlich des Menschen. Und heute wird die einstige Sonderstellung des Menschen kontinuierlich mit der Entdeckung vieler genetischer Gemeinsamkeiten relativiert. 75 Prozent der Gene des Menschen stimmen mit denen der Fruchtfliege überein und fast 99 Prozent mit dem Schimpansen. Und auch ohne DNA-Analyse erkennt man, dass die körperlichen Unterschiede zwischen Insekten und Elefanten größer als zwischen Menschen und Menschenaffen sind. Affenforscher wie Volker Sommer vom renommierten University College London bezweifeln daher nicht, dass es nach wie vor möglich wäre, dass Homo sapiens und Schimpanse gemeinsame Nachkommen zeugen könnten.

Tiere wurden in Jäger-Sammler-Kulturen oft religiös verehrt und genossen besondere Wertschätzung. Menschen früherer Kulturen entwickelten daher Rituale, um die mit der Jagd und dem Töten verbundene Schuld aufzuheben. Mit dem Übergang zu Agrargesellschaften und einer Tierzüchterkultur wurde dieser Respekt gegenüber anderen Lebewesen zurückgedrängt. Der Totemismus ist zunehmend durch Monotheismus ersetzt worden, und Menschen sahen sich nun selbst – und nicht mehr Tiergestalten – als göttliches Ebenbild. Je menschenähnlicher Gott wurde, desto größer wurde der Abstand zwischen dem Menschen und den Tieren. Im jüdisch-christlichen Eingottglauben und in der Folge auch im Islam verschwanden Tiere als Gegenstand religiöser Verehrung völlig. Von Mahatma Gandhi wird dieses treffende Zitat überliefert: „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.“ Wollte man sich daran halten, dann wären wir Menschen wohl eine amoralische Nation von Zwergen.

Peter Iwaniewicz ist Biologe und Journalist. Er unterrichtet an der Universität Wien Wissen-schaftskommunikation und ist Autor zahlreicher Bücher.

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Illustration © Francesco Ciccolella

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