Leben

Wenn klassische Meditationshaltungen aufgrund von Behinderungen nicht möglich sind. Eine zentrale Botschaft der buddhistischen Lehre besagt: Die Dinge sind nicht so, wie sie uns auf konventionelle Weise erscheinen.

Für Menschen mit einer Behinderung ist das tatsächlich nicht allzu schwer zu begreifen. Vieles, das anderen normal vorkommt, ist für Behinderte nicht normal. Eine gewöhnliche Bordsteinkante kann für einen Rollstuhlfahrer zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Jemand, der an Asthma erkrankt ist, wird oft schmerzvoll an die Kostbarkeit des nächsten Atemzugs erinnert. Und für kleinwüchsige Menschen wie mich ist die Welt ganz einfach ein Stück zu groß – und vor allem unglaublich unpraktisch. „Kleinwuchs“ ist zunächst nur eine Bezeichnung für ein verringertes Körperlängenwachstum, dem verschiedene Ursachen zugrunde liegen und das dementsprechend zu unterschiedlichen Erscheinungsformen führt.

Aus dem Fernsehen dürfte Christine Urspruch aus dem Münsteraner Tatort bekannt sein, oder auch Peter Dinklage, der den Tyrion Lannister in der Serie „Game of Thrones“ spielt. Dessen Kleinwuchsform nennt sich „Achondroplasie“ und ist dieselbe, mit der ich geboren wurde. Die Herausforderungen für einen kleinwüchsigen Menschen fangen bei alltäglichen Dingen an: Wenn ich einkaufen gehen will, muss ich zunächst einen Geldautomaten finden, dessen Tastatur niedrig genug ist. Anschließend suche ich gezielt Läden auf, von denen ich weiß, dass sie die Sachen, die ich brauche, auf einer Regalhöhe anbieten, die ich erreichen kann. Und sie sollten Einkaufswagen für Kinder haben. Der Griff eines „normalen“ Einkaufswagens ist für mich nicht zu erreichen. Und natürlich bedeutet Einkaufengehen auch immer, sich den Blicken der Leute auszusetzen – manchmal nur neugierig oder irritiert, oft belustigt oder abwertend. Früher wurde ich auch manchmal mit der Frage konfrontiert, ob ich denn aus dem Zirkus komme oder ob das ansteckend sei.
Was das alles mit Buddhismus zu tun hat? Unglaublich viel, wie ich jeden Tag aufs Neue lernen darf. Tatsächlich begann mein Interesse an Meditation mit der Annahme, hier würde es endlich mal nicht um den Körper gehen. Sitzen und den Atem beobachten, das sollte doch hinzukriegen sein! Also suchte ich Anfang 2000 nach einer buddhistischen Meditationsgruppe, die zu dieser Zeit hier in der Provinz gar nicht so einfach zu finden war.

Doch bereits am ersten Abend stieß ich auf Hindernisse. Wie meditiert man mit Achondroplasie? An Lotosoder Schneidersitz ist mit den kurzen Beinen nicht zu denken. Kniend ist es ebenfalls nicht möglich. Auf dem Stuhl, mit der starken Lordose, der Verkrümmung der Wirbelsäule, und den Beinen in der Luft baumelnd?

Irgendwie war das alles recht unbefriedigend, zumal ich auch das Meditieren selbst als frustrierend erlebte – keine Spur von Entspannung. Im Gegenteil, mit jeder Minute ärgerte ich mich mehr über die vielen Gedanken, die ich nicht aus dem Kopf bekam. Der Leiter dieser Gruppe zeigte sich nicht besonders hilfreich – weder in seinen Erklärungen bezüglich des Ziels von Meditation noch in seiner Bereitschaft, nach einer speziellen Lösung für mein Problem zu suchen. Ich blieb nicht lange und verließ die Gruppe mit dem Gefühl, dass auch Meditation nichts für mich sei. Zum Glück ließ mein Interesse am Buddhismus nicht nach. Mein Fokus richtete sich stärker auf die theoretischen Grundlagen. Ich vermutete, auch dabei würde es nicht so sehr um den Körper gehen, sondern um Philosophie und die Frage, warum wir so ticken, wie wir ticken.
Mit Begeisterung absolvierte ich ein mehrjähriges Fernstudium im Tibetischen Buddhismus. Ich liebte, was ich hörte. Mir wurde klar, warum mir so vieles in dieser Welt immer so falsch vorgekommen war. Welch eine Erleichterung, zu hören, dass beinahe unser ganzes Erleben auf falscher Wahrnehmung beruht.
Selbst die Lehre über Karma, die ich am Anfang noch auf sehr traditionelle Weise interpretierte, half mir weiter. Es mag absurd klingen, aber es hat etwas extrem Ermächtigendes, wenn man die eigene Behinderung plötzlich nicht mehr als zufälliges, unverständliches und ungerechtes Schicksal wahrnimmt, sondern als eine karmische Entwicklung, die man im Hinblick auf die Zukunft positiv beeinflussen kann.

Behinderungen

Meditation erlebte ich in den ersten Jahren immer noch als schwierig. Ich hatte inzwischen zwar verstanden, dass es nicht darum geht, Gedanken zu unterdrücken. Durch das Experimentieren mit verschiedenen Meditationskissen hatte ich auch eine halbwegs passable Haltung gefunden. Doch längeres Sitzen war nach wie vor mit Schmerzen verbunden. Ich hatte ein subtiles Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Ich studierte Buddhismus, so wie ich meinen Beruf studiert hatte.
Das Dharma berührte meinen Geist und manchmal mein Herz, aber ich bemühte mich immer noch, meinen Körper außen vor zu lassen. Schmerzen versuchte ich zu ignorieren, schwierige Erlebnisse im Alltag als Illusion abzutun. Ich tat das, was John Welwood so treffend als „spiritual bypassing“, also spirituelle Umgehung, bezeichnet hat. Ich meditierte und philosophierte mich in eine buddhistische Welt, in der ich meine Emotionen und Erfahrungen ignorieren konnte. Leider macht die Art und Weise, wie Buddhismus im Westen häufig präsentiert wird, es leicht, ihn rein intellektuell zu verstehen. Ich frage mich, ob sich die Lehrer, die das Dharma aus dem asiatischen Raum in den Westen brachten, bewusst waren, wie entkörpert, wie vergeistigt viele Menschen hier sind. Wir schaffen es, selbst aus dem Erleben des Atems, der ja vollkommen somatisch ist, einen rein geistigen Prozess zu machen.
Es war für mich von entscheidender Bedeutung, einem Lehrer zu begegnen, der verschiedene somatische Protokolle lehrt, um sich wieder mit der eigenen Körperweisheit zu verbinden. Er begreift auch die Gewahrseinsmeditation im Sitzen als zutiefst verkörperten Prozess. Nach Will Johnson: „Alignment, relaxation, resiliency“, auf Deutsch: „Ausrichtung, Entspannung, Resilienz“. Und mittlerweile habe ich auch eine Meditationsbank gefunden, auf der ich gut und lange sitzen kann. Dabei denke ich manchmal an Buddha Maitreya, der in der tibetischen Mythologie als zukünftiger Buddha nicht klassisch im Lotossitz, sondern auf einer Bank sitzend dargestellt wird.
Angeblich, weil er seinen Platz noch nicht richtig eingenommen hat. Aber vielleicht zeigt er uns auch nur, dass Meditieren in allen Körperhaltungen – und mit allen Körpern – möglich ist.

Katja Rübsaat studiert und praktiziert Buddhismus seit vielen Jahren. Sie ist Vorsitzende von Dharma Ocean Europe und lebt mit Hund und Katzen in der hohenlohischen Provinz. www.dharmaocean-europe.org

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