Leben

Das Leben hält viele Herausforderungen bereit – drei Beispiele, wie sie sich meistern lassen.

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Foto © Alexis Berg

Eva Sperger, Laufen als Achtsamkeitsübung
Als Eva Sperger 2019 den Großglockner Ultratrail gewann, war sie um eine ganze Stunde schneller als die bisher schnellste Frau. Die Münchnerin lief die 110 Kilometer und 6.500 Höhenmeter in knapp über sechzehn Stunden. Schon 2016 gewann sie fünf Wettkämpfe; wie aus dem Nichts eroberte sie die Podeste des Ultralaufs. „Mein Erfolg erklärt sich nicht aus meiner sportlichen Historie“, sagt Sperger. Ja, sie hat immer viel Sport gemacht: Thaiboxen, Bergsteigen, Skitouren. Hin und wieder lief sie in der Stadt, um fit zu bleiben. Aber von strukturiertem Lauftraining war das weit entfernt. Im Nachhinein, erzählt die ausgebildete Psychologin, waren es einerseits die viele Stunden auf dem Berg. Aber vor allem verdankt sie den Erfolg ihrer langjährigen buddhistischen Praxis. „Das ganze Laufen ist für mich eine Meditation.“

Im Moment bleiben. Wahrnehmen. Hinspüren. Wenn man bereits fünf Stunden gelaufen ist und 22 vor sich hat, ist das schlicht eine Überforderung.
Bei Kilometer 100 braucht es Techniken, um mit der Überforderung umzugehen. Parallel zu ihrem Berufsstart begann Sperger 2006 eine fünfjährige Buddhismus-Ausbildung. Dabei lernte sie, dass Schmerz und Leiden wie ein Magnet sind. Dass es schwer ist, dem Schmerz nicht zu folgen. „Das Wissen darüber, wie ich es schaffe, aus so einer Schleife sofort wieder auszusteigen, ist zentral für den Ultralauf.“ Da motzt man plötzlich die Freundin an, die zur Unterstützung mitgekommen ist, wird wütend auf sich selbst: Gefühle von Schuld oder Scham trägt man für die nächsten Stunden mit sich.
Man muss mit diese Gefühlen umgehen, denn „sie würden einem sonst den Atem nehmen“. Sich in Achtsamkeit zu üben, fällt Sperger beim Laufen leichter als im Alltag. „In so einem langen Lauf kann man es sich nicht leisten, im Autopiloten zu landen.“ Beim Laufen sei es wie beim Meditieren:
So starker Langeweile und den damit verbundenen Impulsen ausgesetzt zu sein, sei nicht angenehm. „Die Frage ist aber: Wofür ist man bereit zu leiden?“ Das Wissen von Mitgefühl hilft Sperger, sich dem Sog des Leidens zu entziehen, sprich: sich nicht auf die Erschöpfung zu konzentrieren. Stattdessen fokussiert sie ihre Körpermitte und sieht sich wie von einer Blase umgeben. Das gibt ihr die Möglichkeit, dem eigenen Körper beim Laufen zuzuschauen. „Wie eine liebevolle, hinschauende Instanz, die mich begleitet. Dann spüre ich hin zum Jetzt und entdecke, wie der Körper nach wie vor, selbst nach dieser langen Zeit noch die Möglichkeit hat: einfach zu laufen.“



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Foto © Chris Zvitkovits

Florian Fladerer, Schwere Krankheit akzeptieren
Im Nachhinein gesehen hatte Florian Fladerer schon eine subtile „Nichtstimmigkeit“ im Arbeitsumfeld wahrgenommen. Er hat sie aber immer wieder ignoriert und sich gedacht: Das wird schon. Der 63-Jährige ist Paläontologe und Yogalehrer, der solide im Leben steht. Die Diagnose „bösartiger Tumor“ vor über fünf Jahren war eine noch nie da gewesene Herausforderung. Aber er empfand sie nicht so, „als ob ich demnächst sterben würde“, erinnert er sich. Unter anderem haben ihn über dreißig Jahre Yoga-Praxis geschult, Ereignisse anzunehmen. Anfang der 1980er-Jahre hatte er mit Yoga begonnen, deutlich vor dem großen Boom. Eigentlich kam er übers Klettern dazu, sein Kletterlehrer hatte ihm zu einem Yoga-Kurs geraten. Ihm gefiel der sanfte Zugang, mit dem Sich-Spüren und den nicht alltäglichen Haltungen. Aber auch die Philosophie, die die Körperwahrnehmung hinterfragt, hat ihn fasziniert. Ab Anfang der 1990er-Jahre unterrichtete er selbst, bis heute ist er am Universitätssportinstitut Wien tätig. Das Ziel beim Yoga sei es, so Fladerer, durchlässig zu werden. Man muss die Dinge vorerst mal so zulassen und akzeptieren, wie sie sind. „In den Yoga-Positionen lernt man auch, mit der Perspektive zu spielen – wie im Kopfstand zum Beispiel.“

Nach der Diagnose hat er mit Vertrauen eine Chemobehandlung begonnen, aber bereits mit dem ersten Zyklus stellten sich gravierende Nebenwirkungen ein. „Es war eine klare Botschaft des Körpers, das Weitermachen mit der Behandlung wäre einem Suizid gleich gekommen.“ Der behandelnde Arzt meinte, solche Nebenwirkungen hätte er noch nie gesehen. Zu deren Überwindung hat sich Fladerer auch mit alternativen Ansätzen beschäftigt. „Es ist eine höchst individuelle Entscheidung. Man sollte unbedingt das machen, was ein gutes Gefühl erzeugt und worin man Vertrauen hat“, rät er. „So eine Lebenssituation ist ein klares Zeichen zum Innehalten.“ Er selbst hat schließlich den Tumor nicht als Feind betrachtet, sondern eher als Wegweiser, erzählt er. Der Tumor hat ihm aufgezeigt, dass es ratsam ist, eine etwas andere Route zu nehmen. Er habe wohl auch einen deutlichen Wegweiser gebraucht, damit er nach über 25 Jahren endlich wieder nach Indien fährt, lacht er. Seine Yoga-Schüler haben ihm gesagt, dass sich sein Unterricht durch die Krankheit etwas geändert hat: Er sei mitfühlender. „Mit Pushen und Strenge können wir uns aber kaum entspannt als das in uns wirkende Zeitlose und grenzenlose Ganze fühlen, das dem Namen Yoga den ursprünglichen Sinn gibt.“


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Lisbeth Bitto, Tanzend Grenzen überwinden

Jedes Jahr vor der großen Abschlussveranstaltung muss Lisbeth Bitto oder eine ihrer Kolleginnen in der Früh noch mal bei einem der Mädchen anrufen: Nein, sie kann jetzt, so kurz vor der Aufführung nicht absagen. Zwanzig Mädchen hängen doch von ihr ab. Und jedes Mal noch trauen sich am Ende alle auf die Bühne und führen die Performance vor, die sie eine Woche lang einstudiert haben. Bitto ist Choreografin und Tanzpädagogin und betreut das Projekt „TheaterFlucht“ in Wien. Die Idee ist, einen Raum zu schaffen, wo sich die Mädchen, egal ob mit oder ohne Fluchterfahrung, kennenlernen können, ohne die Stempel von Flüchtling oder Österreicherin aufgedrückt zu bekommen.
Ganz oft fangen die Kinder mit traumatischen Fluchterlebnissen selbst an zu erzählen – in den Pausen, beim Mittagessen, „in den Zwischenräumen“, wie Bitto es nennt. Die Idee des Tanztheater-Projekts stammt aus der Schweiz. 2013 brachte es Susanna Sulig nach Wien, mittlerweile arbeiten fünf Frauen zum größten Teil ehrenamtlich dafür. „Es ist so schön, die Mädchen, die sonst durch alle Netze fallen, über die Woche aufblühen zu sehen“, erzählt Bitto. „Durch Tanz beginnst du, deinen Körper zu fühlen.“ Die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit fördert das Selbstbewusstsein und lässt einen selbst spüren: Wer bin ich? Und wo sind meine Grenzen?
Bis 2015 waren auch Jungen beteiligt. Das Team hat aber gesehen, dass dann Mädchen schnell zu kurz kommen und sie die Teilnehmerinnen so besser fördern können. Es war auch eine Ressourcenfrage, erzählt Bitto. Die studierte Indologin will durch ihr Engagement der Gesellschaft etwas zurückgeben. Sie selbst hat autodidaktisch mit Breakdance begonnen, ging dann aber weg vom „Wie schaut das für andere aus“ hin zu Tanzformen, bei denen es um das „Wie fühlt sich das für mich an“ geht. Bitto ist auch künstlerische Leiterin des Projekts „My body (my) rules!“ für Frauen ab sechzehn Jahren, einer Initiative, bei der das Bewusstsein für körperliche Grenzen geschaffen wird, um sich gegen sexuelle Gewalt in jeglicher Form zur Wehr setzen zu können.
Das Wichtige bei den Abschlussveranstaltungen ist, dass die Teilnehmerinnen Anerkennung und Wertschätzung für etwas bekommen, was sie sich selbst erarbeitet haben. „Das gibt so viel Selbstbewusstsein“, weiß Bitto. „Du hast die Erfahrung, etwas geschafft zu haben, das du dir selbst nie zugetraut hast.“ 


Theaterflucht: www.theaterflucht.at
My body (my) rules!
wemakeit.com/projects/my-body-my-rules

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Bilder Header & Teaser © Unsplash

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