Leben

Über die Kunst, als hochsensibler Mensch in Balance zu bleiben und dabei anderen eine seltene Fähigkeit zugutekommen zu lassen.

Meine Grundschullehrerin war für mich eine furchterregende Person. Frau Andersch redete so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Unter ihren Schritten ächzten die Holzdielen, und wenn sie meine Buchstaben auf der Schiefertafel nicht schön genug fand, war ich tagelang verstört. Eines Tages befahl Frau Andersch meine Mutter zu sich und eröffnete ihr, dass ihr Kind zu sensibel sei. „Das Kind“, verkündete Frau Andersch, „muss sich dringend ein dickes Fell zulegen.“ Meine Mutter fand den Vorschlag im Prinzip nicht schlecht, war aber ehrlich genug, um zuzugeben, dass sie eine ebenso dünne Haut hatte. Am Abend saßen Mutter und Tochter am Tisch und fragten sich, wie man das macht: sich ein dickes Fell zulegen.

Es fehlt diesen Menschen sozusagen ein Filter, der andere automatisch davor schützt, von Eindrücken überschwemmt zu werden.
Jahrzehnte später entdeckte ich die Forschungsergebnisse der amerikanischen Psychologin Elaine Aron zu einem angeborenen Temperament, das sie „sensory-processing sensitivity“ nennt. Leider hat sich im Deutschen dafür der missverständliche Begriff „Hochsensibilität“ eingebürgert. Wissenschaftler nennen es zutreffender „höhere sensorische Verarbeitungssensitivität“. Elaine Aron fand heraus, dass das Nervensystem der Hochsensitiven mehr Reize hindurchlässt. Es fehlt diesen Menschen sozusagen ein Filter, der andere automatisch davor schützt, von Eindrücken überschwemmt zu werden. Die Schätzungen darüber, wie viele Menschen hochsensitiv sind, gehen von ein bis zwanzig Prozent, und natürlich zweifeln Nichthochsensitive das sensitive Temperament an. Da stellen Ärzte gerne die Diagnose Burn-out oder ADHS, und Freunde raten den Überforderten, sich einfach mal zusammenzureißen.
Hochsensitive erfahren die Welt intensiver. Lärm ist lauter, Gerüche sind stärker, positive und negative Gefühle werden tiefer empfunden. Was anderen Menschen Vergnügen bereitet, ist für Hochsensitive oft Stress: Partys, Rockkonzerte, die Fußgängerzone samstagmittags oder auch nur die Geburtstagsfeier der Freundin. Hochsensitive erleben Eindrücke wie Bombardements, die ihr Nervensystem schnell überfordern. Da liegt die Versuchung nahe, sich von der Welt zurückzuziehen, doch das ist meist keine Lösung und wäre für die Gesellschaft zudem ein Verlust.
Zwischen der vergeblichen Suche nach dem dicken Fell und der Entdeckung, dass ich mit meiner Anlage nicht allein bin, war irgendwann die Meditation in mein Leben getreten. In der Stille und visuellen Einfachheit des Zendo kam mein Nervensystem zur Ruhe. In den Jahren des Sitzens hatte ich Stabilität und Einsicht in meine Gefühle und Gedanken gewonnen, die mir halfen, auf ganz neue Weise am Leben teilzunehmen.

Balance
Als ich schließlich die Literatur über Hochsensitivität studierte, die grundsätzlich davon sprach, dass ein Hochsensitiver „sich schützen“ müsse, hatte ich eine andere Antwort parat. Ich fand sie damals im Sedaka Sutta des Pali-Kanon; es ist die Geschichte von den Bambus-Akrobaten, die der Buddha seinen Mönchen erzählt.
Ein Akrobatenpaar zeigte ein Kunststück auf den Märkten der Dörfer, bei dem die Gehilfin Medakathalika auf einer Bambusstange auf den Schultern des Mannes balancierte. Eines Tages sagte der Mann zu ihr: „Achte auf mich, und ich werde auf dich achten. Wenn jeweils einer den anderen bewacht, werden wir unser Kunststück weiterhin wohlbehalten vorführen können.“ „Nein, Meister“, sagte Medakathalika, „achte du auf dich selbst, und ich werde auf mich achten.“ Der Buddha bestätigte die Klugheit der Gehilfin: „Auf sich selbst achtend, ihr Mönche, achtet man auf den anderen. Auf die anderen achtend, achtet man auf sich selbst.“
Die meisten Hochsensitiven haben die Gabe, die Gedanken und Gefühle der Menschen, die sie umgeben, zu erkennen. Im ungünstigen Fall verlieren sie im Zusammensein mit anderen das Gefühl für sich selbst. Aber die Gabe, sich einzufühlen und subtile Informationen über den anderen zu empfangen, kann sie zu sehr guten Lehrern, Therapeuten, Priestern oder Künstlern machen. Sie müssen nur die Kunst beherrschen, sich zum Wohl der ihnen anvertrauten Menschen immer aufs Neue auszubalancieren. Sie müssen kluge Akrobaten werden.
Für eine Hochsensitive ist es lebenswichtig, genau wahrzunehmen, was in Körper und Geist gerade vor sich geht. Wahrgenommenes muss ernst genommen werden, um jederzeit korrigierend eingreifen zu können. So verlassen Hochsensitive vielleicht ein Fest, um stattdessen am Seeufer spazieren zu gehen, legen eine Pause ein, sagen Verabredungen ab, verbringen den Abend allein. Das alles nicht, weil sie – wie manche Nichthochsensitive gerne mutmaßen – unsozial, menschenscheu oder gestört sind, sondern weil sie Meister und Meisterinnen der Balance sind.

Für eine Hochsensitive ist es lebenswichtig, genau wahrzunehmen, was in Körper und Geist gerade vor sich geht.
Doch jeder Mensch muss sich mit dem Thema Balance auseinandersetzen. Während ein Hochsensitiver zu viel aufnimmt, bemerkt ein Nichthochsensitiver oft zu wenig. Wer die Emotionen seiner Mitmenschen übersieht, hat ein mindestens genauso großes Problem wie jemand, der von ihnen überschwemmt wird. Und dann verharrt man in einem Zustand der Unkreativität. In einem Rundfunk-Feature über den freien Willen sprach ich einmal mit dem inzwischen leider verstorbenen Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, der eine große Sympathie für den Buddhismus hegte. Er sagte, Lebendigkeit verlange, sich in Unsicherheit zu begeben, „positiv ausgedrückt, in einen sensiblen Schwebezustand. Gerade dort, wo wir uns am unsichersten fühlen, sind wir am lebendigsten und kreativsten.“
Eine Möglichkeit, die Balance zu finden, ist, wie gesagt, die Meditation. Hochsensitive sollten sich aber die Schule oder Gruppe, für die sie sich letztendlich entscheiden, sorgfältig aussuchen. Jede Meditationsform benötigt eine Struktur, die im besten Fall wie ein Gefäß ist, das den Meditierenden birgt und ihm die Möglichkeit gibt, sich unbelastet von Gedanken über den Ablauf ganz seiner eigenen Praxis zu widmen. Aber es gibt rigide Strukturen und flexible. Ich empfehle Hochsensitiven wie mir, die Leitungsperson sorgfältig auszuwählen: Wie viel Eigenverantwortung lässt er oder sie zu? Darf ich mal eine Sitzrunde auslassen und stattdessen eine Gehmeditation im Garten machen? Darf ich die Sitzhaltung wählen, die mir guttut, sogar auf dem Stuhl sitzen? Kann ich im Einzel- oder Rundgespräch alles aussprechen, was mich bewegt, und werde ich damit vorbehaltlos angenommen?
Ein Mensch, der immer wieder neu die Balance sucht, macht sein Leben zu einem Kunststück. Er stürzt nicht ab; er hält sich selbst und damit alle, die zu ihm gehören, in jenem sensiblen Schwebezustand, in dem Kreativität möglich wird. Für alle, die nicht selbst zur Minderheit gehören: Von Hochsensitiven können alle lernen.

Margrit Irgang, Schriftstellerin und Meditationslehrerin, praktiziert Zen seit 1984, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh. Sie leitet Retreats, schreibt Bücher und Rundfunksendungen zu den Themen Spiritualität und Achtsamkeit und bloggt auf www.margrit-irgang.blogspot.de.

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