Leben

Weil Freude ohne Leid nicht existiert, gilt es, Strategien für die Herausforderungen des Lebens zu entwickeln. Das Ziel: ausgeglichen durchs Leben gehen.

Es ist ein Ziel vieler Menschen: „Balance finden“. Ein sowohl positiver als auch realistischer Leitfaden. Er rechnet mit ein, dass bei einer Balance zumindest zwei Seiten berücksichtigt werden müssen. Zum Beispiel Freud und Leid oder positiv und negativ. Beim Streben nach Positivem kann man feststellen, dass sich viele Menschen auf das Streben nach Glück und auf das Vermeiden von Negativen fokussieren.

Nicht wenige Therapeuten lenken die Aufmerksamkeit auf die dunklen Seiten einer Biografie. Damit sollen gewissermaßen fehlerhafte Ereignisse aufgearbeitet und gelöst werden. Heute weiß man, dass diese Art der Herangehensweise einer Strategie bedarf. Alles, was wiederholt wird, hat die Neigung, sich zu verstärken. Wenn oft Negatives aus der Vergangenheit wiederholt wird, dann werden diese Ereignisse im Bewusstsein dominanter, und der gegenteilige Effekt wird erreicht: Die Probleme werden nicht kleiner, sondern scheinbar größer.

Ohne eine spezielle Unterstützung bei der Suche nach Balance dominieren allerdings eher Vermeidungsdevisen. Die einen stecken den Kopf in den Sand, andere versuchen es mit Verdrängung, indem sie alle Energie in Arbeit umsetzen. Eine ebenfalls beliebte Vermeidungsstrategie ist Betäubung: Sex, Drugs and Rock ‘n‘ Roll. Psychologen haben aufgrund dieses Phänomens die sogenannte Selbsterschöpfung entdeckt. Der Verdrängungsprozess ist nicht bewusst, verbraucht aber Energie. So als würde im Hinterkopf eine große Kühltruhe laufen, in der alle schmerzlichen Erfahrungen eingefroren werden. Man spürt sie kaum noch, aber diese Kühltruhe verbraucht viel Energie. Und je mehr hineingeben wird, desto mehr Energie wird verbraucht.

Es gibt Menschen, die nur kurz zum Einkaufen fahren und sich danach wundern, dass sie total erschöpft sind. Dessen ungeachtet besteht weiter die Devise „Streben nach Glück – Vermeiden von Unglück“. Das klingt doch auch logisch. Und es hat natürlich eine hohe Relevanz, aber nicht selten werden dabei die dunklen Aspekte des Lebens abgewertet oder ignoriert. Wer glücklich sein möchte, darf eben scheinbar nicht traurig sein. Menschen haben sehr oft die Idee, dass Freude, Zufriedenheit und Glück unbedingt die Abwesenheit von Problemen, Pech und Leid bedeuten. Das macht diese positiven Aspekte so flüchtig, denn Probleme schleichen sich erfahrungsgemäß immer wieder ein.

Die buddhistische Lehre und ihre Praxis zeigen einen anderen, stabileren Weg. Beim „Balance finden“ gilt, sich auch der dunklen Seiten des Lebens bewusst zu werden. Schließlich gibt es ein ungleiches Zwillingspärchen: Freud &und Leid. Das eine möchte man festhalten, das andere vermeiden. Das ist wohl sehr menschlich. Mehr noch, alle fühlenden Wesen funktionieren genauso: Sie vermeiden Leidvolles und streben Freudvolles an. Dabei wissen so gut wie alle, dass Leidvolles nicht dauerhaft vermeidbar ist oder verdrängt werden kann.

Eine Herangehensweise ist die folgende: das Annehmen von Leiden, um Freude dauerhaft zu sichern. Dieses Annehmen bedarf einer besonderen Strategie, denn schließlich will man sich nicht im Leiden wälzen und suhlen. Um diesen Weg zu verdeutlichen, muss das Rad nicht neu erfunden werden. Es gibt dafür die 2.600 Jahre alte buddhistische Lehre. Eine der wohl zentralsten aller buddhistischen Weisheiten sind die Vier Edlen Wahrheiten, auch bekannt als Wahrheiten über das Leiden. In aller Kürze: Die Erste Edle Wahrheit besagt, dass Leiden unumgänglich ist. Die Zweite Edle Wahrheit stellt dar, dass das Unbewusste, die Anhaftungen und Widerstände das Leiden hervorbringen. Die Dritte Edle Wahrheit sagt aus, dass Leiden aufgelöst werden kann. Die Vierte Edle Wahrheit verdeutlicht letztendlich acht verschiedene Lebensbereiche, auf die besondere Sorgfalt gelegt werden sollte, um Leiden zu überwinden und Befreiung zu finden.

Mantra

Die Erste Edle Wahrheit erscheint sehr logisch: Klar, man leidet eben immer wieder. Die Zweite Edle Wahrheit ist aus psychotherapeutischer Sicht besonders interessant. In diesem 2.600 Jahre alten Text steht explizit, dass das Unbewusste die Ursache für viele Probleme sei. Es ist also eine Erkenntnis, die lange Zeit vor Sigmund Freund existierte. Die Dritte Edle Wahrheit wird heute mit dem Naturgesetz der Neuroplastizität untermauert. Menschen können sich vollkommen wandeln, weil das menschliche Nervensystem neuroplastisch funktioniert. Das heißt, es besitzt die Fähigkeit, sich das ganze Leben lang anzupassen und zu verändern. Und die acht Bereiche, die die Vierte Edle Wahrheit benennt, sind: Denken, Reden, Handeln, Beruf, Sichtweise, Anstrengung, Konzentration und Achtsamkeit.

Jeder der genannten Aspekte verdient eine angemessene Würdigung und vertiefte Auseinandersetzung, eine regelmäßige Übung zur Verinnerlichung. Die Erste Edle Wahrheit ist scheinbar banal: Leiden ist unvermeidbar. Wiederholt man die Erste Edle Wahrheit und hört in sich hinein, kann erforscht werden, welche Wirkung diese Aussage hat. Womöglich findet man es nachvollziehbar und kann diese Tatsache einfach bestätigen. Zugleich ist vielleicht auch eine leichte Abwehr spürbar. Niemand leidet gern, man möchte diesen Gedanken natürlich und logischerweise loswerden.

Aber die gleiche Logik sagt auch, dass das nicht gehen wird. Zu Unrecht, denn es liegt hier eine sehr große Chance verborgen. Zuerst einmal wird in zwei Arten des Leidens unterschieden. Es gibt unvermeidbares Leid: den Schmerz der Geburt, das Alter, Krankheiten und den Tod. Darüber hinaus bestehen tausendfache Leidvarianten des Alltags, auf die man kaum oder keinen Einfluss hat. Ein paar Beispiele: Man geht vor die Tür und es regnet, dann wird ein Kratzer im Autolack entdeckt oder das Fahrrad gestohlen. An der Supermarktkasse ist nur eine Kasse geöffnet, an der dementsprechend eine sehr lange Schlange steht. Die zweite Variante des Leidens bezieht sich auf die Reaktionen, die man beim Auftreten der ersten Variante des Leidens zeigt. Wie kann mit dem Altwerden und Sterben umgegangen werden? Wie reagiert man, wenn Dinge schieflaufen?

Dazu gibt es eine Analogie: Eine Person sitzt in einem Loch. Was macht sie? Viele haben den Drang, schnell wieder herauszufinden. Andere möchten dort etwas verweilen, weil es ein Schutzraum sein könnte. Aber das, was die meisten tatsächlich tun: Sie graben! Sie sitzen im Loch und denken: „Immer passiert mir das. Ich werde es nie schaffen. Ich bin einfach zu dumm, zu dick, zu unbeliebt, nicht schlau genug. Ich muss mich noch mehr anstrengen.“ Oder sie werden wütend.

Wenn etwas scheinbar Problematisches passiert, haben Menschen die starke Neigung, es schlimmer zu machen. Selten wird ein guter Umgang mit Schwierigkeiten und Problemen gefunden. Die Erste Edle Wahrheit lädt aber dazu ein, Leid als eine Normalität zu betrachten. Nicht als eine schöne Normalität, aber als eine, die nun mal da ist und immer wiederkommen wird.

Wenn man also entdeckt, dass das Fahrrad gestohlen wurde, dass es an der Supermarktkasse lange dauern wird, dass man nassgeregnet wird, dass der Partner einen verlässt, dass man selbst oder jemand, dem man nahesteht, krank wird, oder, oder, oder – dann sollte man sagen: „Es ist nicht schön, aber es ist normal.“

Hier eine Anregung für einen Selbstversuch: Immer, wenn etwas Unangenehmes passiert, die Muskeln lockern, langsam durchatmen und dann zu sich selbst sagen: „Es ist okay.“ Das Okay-Mantra ist ein sehr wirkungsvolles Werkzeug, um das Loch nicht tiefer zu graben. Und das Okay-Mantra verdeutlicht auch, dass man nicht gutheißen muss, was gerade scheinbar schiefläuft. Da Fakten aber nicht mehr gelöscht werden können, findet man mit dem Okay-Mantra einen Weg, die Situation zu akzeptieren. Regt sich einmal Widerstand? Auch das ist okay. Aber vielleicht gibt man sich selbst die Chance, es immer mal wieder auszuprobieren.

Ganz wichtig: Es geht nicht darum, sich im Leid einzurichten oder es gar gutzuheißen. Es geht vielmehr darum, keine unnötigen Energien zu verschwenden, die fürs Hadern, Jammern, Grübeln und Verdrängen notwendig sind. Stattdessen nimmt man es an. Okay! Das spart Energie, die sehr gut genutzt werden kann, um die Probleme zu lindern oder womöglich zu lösen. Der Weg der Befreiung aus dem Leiden und in die Balance führt uns also erst einmal etwas näher in das Leiden.

Ein achtsamer Umgang mit dem Leiden bedeutet gleichzeitig eine betrachtende und annehmende Umgangsform. Aber damit es nicht zu kopflastig bleibt, hier noch eine Übung zur Balance auf körperlicher Ebene: Langsam durchatmen und die Atmung spüren, dann verbindet sich das Bewusstsein mit dem Körper, der Körper wird wahrgenommen. Und dann kann man zu sich sagen: „Es ist okay“. Als Folge finden messbare Veränderungen im vegetativen Nervensystem statt. Dort befinden sich der Sympathikus, ein Areal, welches Aktivität steuert, und der Parasympathikus, der die Ruhe steuert.

Wenn man wirklich ruhig und tief atmen kann, dann aktiviert sich automatisch das Ruhezentrum. Die messbaren Folgen sind physische und psychische Veränderungen in Richtung Balance; Blutdruck, Blutwerte, Stresshormone, Verdauung, Muskelspannung, nervlichen Anspannungen und Immunsystem normalisieren sich. Damit entstehen wichtige innere Ausgleichs- und Balancevorgänge. Die wichtigsten Auswirkungen sind eine deutliche gesundheitliche Stabilisierung und eine erhöhte mentale Leistungsfähigkeit. Es geht hier übrigens nicht um Tiefenentspannung, sondern um die Selbstregulation und Selbststeuerung, die einen in einem guten mittleren Spannungsniveau halten können.

Das sogenannte Yerkes-Dodson-Gesetz der Psychologie zeigt, dass anfangs mit geringer innerer Spannung die kognitive Leistungsfähigkeit ebenfalls gering ist. Bei mittlerer Spannung erreicht sie ihren Höhepunkt, und bei noch stärkerer innerer Spannung fällt die Leistungskurve drastisch, bis hin zum Blackout.

Erst durch eine gute innere Balance kann das volle Potenzial ausgeschöpft werden. Auch aus diesem Grund erscheint es überaus wichtig, dass man regelmäßig die innere Spannung zu einem guten Mittelmaß, also in die Balance, führt. Diese Übungsbausteine gehören zu den sogenannten Mikropausen: kurz Schultermuskel lockern, langsam durchatmen: „Es ist okay.“ Schon aktiviert sich der Parasympathikus, das Ruhezentrum, was zur Folge hat, dass man sich mental frischer fühlt. Das Immunsystem wird aktiviert und der Effekt der Selbststeuerung deutlich: Man kann etwas spürbar in sich verändern. Das wiederum stärkt die psychische Stabilität.

 

Dr. Matthias Ennenbach, ist Dipl.-Psychologe/appr. Psychotherapeut, Leiter des Zentrums für Buddhistische Psychotherapie, Ausbilder Buddhistische Psychotherapie BPT® und Ausbilder Achtsamkeitstrainer ASST ® www.Info-BPT.de

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