Leben

Vom AfD-Mitglied zum Buddhisten – das wechselvolle Leben des Berliners Clemens Torno.

U\W: Herr Torno, Sie waren kürzlich noch AFD- Mitglied, haben sich dann aber distanziert und sich dem Buddhismus zugewandt. Wie sind Sie auf den Buddhismus aufmerksam geworden?

Clemens Torno: Witzigerweise durch die Fernsehserie „Die Simpsons“. Es gibt eine Folge, in der Lisa Simpson mit Richard Gere über Buddhismus spricht. Die Folge hatte für mich eine tiefere Botschaft. Tatsächlich hat mir dies den Anstoß gegeben, mir Bücher über Buddhismus zu kaufen. Während des Lesens hatte ich ein Aha-Erlebnis, als ich feststellte, dass bewusstes Erleben von Momenten Kern buddhistischer Lehre ist.

Warum hat Sie gerade dieser Aspekt besonders angesprochen?
Torno: Ich habe schon lange, bevor ich mit dem Buddhismus in Berührung kam, viel darüber nachgedacht, wie ich Momente bewusster erleben und diese dadurch besser in Erinnerung behalten kann. Dazu kommt das Versprechen der Loslösung von allem Leidbefleckten und die Meditationspraxis, die ich als hilfreich im Alltag empfinde. Zusätzlich hat mich Asien auch schon immer fasziniert. Ich liebe die asiatische Küche, die Landschaft und die Menschen. Ich bin sehr kulturell interessiert, auch wenn es manche aufgrund meiner AfD-Vergangenheit verwundert.

War Spiritualität schon immer ein Thema für Sie?
Torno: Ich habe mich mit neunzehn Jahren taufen lassen, bin also recht spät zur Kirche gekommen. Zehn Jahre war ich in der evangelischen Kirche, doch wirklich gläubig war ich nie. Ich blieb immer ein Suchender. Ich hatte auch eine Phase, in der ich den Papst toll fand und mir überlegte, zum Katholizismus zu konvertieren. Diese Idee verwarf ich aber relativ schnell wieder. Eines Tages stellte ich mir dann die Frage, wenn ich überhaupt keinen Bezug zur Religion habe, warum bezahle ich dann Kirchensteuer? So beschloss ich, auszutreten.

Welchen praktischen Rahmen haben Sie sich im Blick auf den Buddhismus selbst gegeben?
Torno: Ich bin letztes Jahr der Deutschen Buddhistischen Union beigetreten und habe mich damit dem gemeinsamen Bekenntnis verpflichtet. Ich lebe vegetarisch und trinke kaum Alkohol, denn ich versuche, mich nicht in irgendwelche bewusstseinsverändernden Zustände zu begeben.

Meditieren Sie auch?
Torno: Meditieren tue ich immer wieder, aber nicht regelmäßig. Ich habe mir eine Meditationsdecke gekauft. Derzeit bin ich viel beschäftigt, denn ich lege Prüfungen für meine Ausbildung ab. Sobald diese abgeschlossen ist, will ich stärker an Studienkreisen teilnehmen und mich noch mehr mit Buddhismus auseinandersetzen. Auch war es mir wichtig, vorher noch mit der AfD abzuschließen. Ich war bis vor Kurzem noch Mitglied und wollte nicht, dass es einen komischen Eindruck erweckt. Deshalb habe ich mich erst mal aus buddhistischen Kreisen hinausgehalten und mit mir selber beschäftigt. Ich habe ganz viel gelesen, und das regte mich zum Nachdenken an. Mit dem Thema Toleranz habe ich mich viel auseinandergesetzt.

Hat sich dadurch etwas in Ihrem Leben verändert?
Torno: Ich habe vorher viele Unterschiede gemacht zwischen Menschen. Früher habe ich Menschen nach dem Äußeren bewertet. Wenn ich etwa jemanden mit Kopftuch gesehen habe, dann war das für mich kein Mensch, sondern ein Mensch mit Kopftuch. Ich habe die Person darauf reduziert, was sie auf dem Kopf trägt.

Clemens Torno

Sie waren sechs Jahre in der AfD?
Torno: Ja, und etwa vier Jahre lang war ich von der Idee überzeugt. Im politischen Gremium, in welches ich gewählt wurde und auch noch bis nächsten September bin, hatte man mir gesagt, dass man mich immer als den Hardcore-AfDler empfindet.

Und, waren Sie ein Hardcore-AfDler?
Torno: Ich habe manche Menschen sehr stark ausgegrenzt und sie herabgesetzt. Es hat einem schon ein Machtgefühl gegeben. Man konnte quasi auf Kosten von Menschen Politik machen. Ich habe zwar nie Politik gegen Flüchtlinge gemacht, aber ich habe mich gleichwohl lautstark in den sozialen Medien und in der Öffentlichkeit gegen Muslime geäußert. Ich habe muslimischen Menschen auf der Straße komische Blicke zugeworfen oder in der Nacht, wenn jemand in meine Nähe gekommen ist, habe ich „no islam“ gerufen. Beim Autofahren, wenn jemand mit Kopftuch am Steuer saß, habe ich immer gehupt. Ich hatte die Überzeugung, die gehören nicht hierher, und fragte mich: Warum sind sie hier? Ich habe es nicht verstanden, warum sie nicht in ihrem Heimatland sind. Warum kommen sie alle zu uns? Solche Fragen haben mich beschäftigt. Ich wollte sie zum Gehen veranlassen.

Wie sehen Sie das heute?
Torno: Ich bin Rechtsanwaltsfachangestellter und habe daher auch einen juristischen Background. Dieser verschaffte mir auch Klarheit über den Gleichheitsgrundsatz: Das Grundgesetz verbietet es, jemanden wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen. Der Gleichheitsgrundsatz meint, wie der Buddhismus, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt. Früher habe ich das aber nicht verstanden.

Wie kam es zum Ausstieg aus der AfD?
Torno: Es war ein Prozess von Jahren. 2018 hat dieser Transformationsprozess begonnen. Eine Vielzahl von Ereignissen führte dazu, wie etwa der Trauermarsch von Chemnitz, die Ermordung von Walter Lübke durch einen Rechtsextremen in Kassel, der Anschlag in Hanau sowie parteiinterne Ereignisse. Ich merkte immer mehr, dass die AfD zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Im Jahr 2016 zog ich in die Berliner Bezirksverordnetenversammlung und wurde auch von der Partei angestellt. Der wirtschaftliche Faktor hat auch mitgespielt. Ich dachte mir, wenn ich jetzt austrete, schade ich mir selber.

Sie dachten also schon früher ans Aussteigen?
Torno: Solche Momente gab es häufiger. Ich habe mich zu lange von der Propaganda einlullen lassen. Ich relativierte lange die eigene Partei, bis mir aufgefallen ist, dass die Partei komplett mein Denken verändert hat.

Wollen Sie sich jetzt auch weiter politisch engagieren?
Torno: Ich betrachte es wie in einem Job oder der Ehe. Ich war neun Jahre bei der CDU, ein halbes Jahr bei den Piraten und sechs Jahre bei der AfD. Wenn ich mit einer Beziehung nicht mehr zufrieden bin, dann beende ich diese. Mit einer Parteimitgliedschaft sehe ich es genauso. Ich bin froh, dass die AfD-Mitgliedschaft nicht so lange war wie die CDU-Mitgliedschaft, das wäre sonst peinlich. Die Lebenserwartung in Deutschland liegt etwa bei 86 Jahren, und wer weiß, bei welchen Parteien ich noch Mitglied werde. Die AfD hat mich eines gelehrt, und zwar, dass ich nicht konservativ bin. Meine politische Grundeinstellung hat sich verändert. Ich bin heute eher sozialliberal und sehe mich eher als so einen Öko-Aktivisten. Ich bin in den letzten Monaten der Bundesvereinigung für Umwelt und Naturschutz beigetreten und fördere Greenpeace. Ich habe auch eine Patenschaft für ein Kind in Mali übernommen.

Hat nur der Buddhismus zu Ihrem Wandel beigetragen?
Torno: Der Rassismus war bis zum Austritt aus der Kirche tief verankert. Der Buddhismus hat mich angeleitet, mich mit Toleranz zu beschäftigen und mein Denken zu ändern. Noch ein Ereignis spielte eine besondere Rolle: Ich lag sechs Wochen nach einem Unfall mit einem E-Roller im Krankenhaus. Ich hatte in den ersten paar Wochen furchtbare Schmerzen. Im Krankenhaus reinigte ein Mann, er war muslimisch, jeden Tag mein Zimmer. Wir kamen ins Gespräch. Jeden Tag zum Abschied sagte er, dass er für mich betet. Anfangs dachte ich, er will mich verarschen. Aber eigentlich war ich ihm tief dankbar und stellte fest, dass er ein ganz lieber Kerl war. Ich merkte, dass man Menschen nicht auf ihre Religion reduzieren darf. Wenn man Muslime nicht näher kennt, erlaubt man sich ein Urteil, ohne zu wissen, wie sie wirklich sind. So stellte ich fest: Er will mich nicht umbringen. Er ist kein Terrorist. Er will einfach nur das Zimmer reinigen und reden. Ich konnte mit ihm über alles Mögliche sprechen, das war für mich ein Erlebnis.

Bleiben Sie jetzt beim Buddhismus oder kommen noch weitere Wechsel?
Torno: Man wechselt die Religion ja nicht wie eine Unterhose. Ich bin überzeugt, dass Buddhismus das Richtige für mich ist. Um nach den Lehren Buddhas zu leben, muss man sich viel mit sich selber beschäftigen. Bei mir hat sich dadurch ein großer Lebenswandel vollzogen. Ich bin seit einem Jahr Vegetarier, weil alles für mich ein Lebenskreislauf ist. Wenn jemand etwas Schlechtes tut, dann hat das Auswirkungen. Dies habe ich an mir selber schon erlebt, da dachte ich: „Das war mein Karma.“

Clemens Torno, ist Rechtsanwaltsfachangestellter und saß für die AfD in der Berliner Bezirksverordnetenversammlung. Er trat im November 2020 nach sechs Jahren in der Partei aus, behielt aber sein Mandat.

 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Foto Clemens Torno © Privat

Bilder Header ©Christopher Sardegna Unsplash 

Kommentar schreiben