Leben

Die buddhistische Tradition kennt exzentrische, erotische und machtmissbrauchende Heiligengeschichten – der Beitrag geht der Frage nach, ob der „verrückte Heilige“ ein echtes buddhistisches Ideal, ein Scharlatan oder einfach nur eine Witzfigur ist.

In jüngster Zeit hört man immer wieder von „verrückten Heiligen“. Regelmäßig taucht der Begriff im Zusammenhang mit schlimmen Skandalen auf, die schon seit einigen Jahren den Buddhismus im Westen erschüttern. Mehrere Meister missbrauchten ihre Schülerinnen und Schüler, in einem Fall sogar Kinder. In Gemeinschaften des tibetischen Buddhismus gab es auch Fälle von Gewalt und Demütigung durch Gurus, die zudem einem luxuriösen Lebensstil frönten und diesen aus Spendenmitteln finanzierten. Nachdem mutige Betroffene die Skandale nach jahrzehntelangem Schweigen öffentlich gemacht hatten, entwickelte man schnell Strategien der Rechtfertigung aufseiten der betroffenen Gemeinschaften. Dabei ist oft von „crazy wisdom“ die Rede. Für einen verwirklichten tantrischen Meister gelten die normalen Maßstäbe von Gut und Böse nicht, heißt es.
Tatsächlich gibt es in einigen buddhistischen Traditionen so etwas wie den „verrückten Heiligen“, wobei auf wirkliche oder fiktive Personen der Vergangenheit Bezug genommen wird. Die ungewöhnliche Lebensweise dieser Menschen hat in einigen Gemeinschaften stilbildend auf deren religiöse Praxis gewirkt. Die Vorstellung, dass ein buddhistischer Meister jenseits von Ethik und Moral stehen könnte, gibt es nur im Mahayana-Buddhismus. Im frühen Buddhismus wurde mit Nachdruck auf die strikte und ausnahmslose Einhaltung der Vinaya-Vorschriften gesetzt. Regelverstöße wurden sanktioniert, Gelübdebrecher konsequent des Ordens verwiesen. Über „verrückte Heilige“ oder gar deren Verehrung ist nichts weiter überliefert.
Mit dem Aufkommen des Mahayana-Buddhismus entwickelt sich ein moralischer Relativismus. Das bedeutet: Im Namen eines „höheren“ Zieles dürfen Regeln gebrochen werden. Der erleuchtete Bodhisattva, der einen Verbrecher tötet, vollbringe in Wahrheit eine gute Tat, da er nicht nur das Leben anderer Menschen rettet, sondern auch dem Übeltäter schlechtes postmortales Karma erspart.
Den „verrückten Meister“ gibt es vor allem in den Schulen des chinesischen, japanischen, tibetischen und koreanischen Buddhismus. Eine sehr frühe Legende stammt aus Korea. Wie auch in späteren Zeugnissen des Wirkens solcher Mönche geht es regelmäßig um Sexualität und den Bruch von Ordensregeln. Aber erst seit jüngster Zeit wird solches Verhalten erstmals mit der Verwirklichung höherer Ideale in Verbindung gebracht.

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Der koreanischer Mönch Wonhyo, der durch ein Bad mit einer Frau, einen unglaublichen Segen erhielt. © Wikipedia Commons


Lockung und Erleuchtung in Korea
So kursiert in Korea die bekannte Legende der beiden Mönchsfreunde Uisang (625–702) und Wonhyo (617–686). Als ein schönes junges Mädchen einst versuchte, Uisang zu verführen, ist sein Herz hart wie ein Fels geblieben und er hat den Verlockungen nicht nachgegeben. Wonhyo hingegen, ein regelmäßiger Bordellbesucher und bekannt für sein exzentrisches Verhalten, war von anderem Kaliber. Die Geschichte erzählt, dass die beiden gemeinsam auf einem meditativen Rückzug waren, bei dem ihre Klausen direkt nebeneinander lagen.
Eines Abends kam die junge Schöne dorthin und bat um eine Unterkunft für die Nacht. Sie hatte sich verirrt. Während Uisang sie schroff abwies, ließ Wonhyo sie ein. Als die Frau ein Bad nahm, bat sie Wonhyo, zu ihr in die Wanne zu steigen. Er folgte der Aufforderung und sofort sei, laut Überlieferung, ein unbeschreiblicher Segen über ihn gekommen. Seine Haut habe augenblicklich eine goldene Farbe angenommen und aus dem Badegefäß sei eine riesige Lotusblüte geworden. Im selben Moment verwandelte sich die Frau in den Bodhisattva Avalokiteshvara, die Verkörperung universellen Mitgefühls im Mahayana-Buddhismus.
Die Geschichte geht noch weiter: Angezogen von diesem Geschehen, betrat nun auch der andere Mönch den Raum und erblickte im goldenen Leib seines Gefährten den künftigen Buddha Maitreya, den kommenden großen Weltlehrer. Eingeladen, auch in das Badewasser zu steigen, wich alle Scheu von Uisang und kaum, dass sein Leib in das Wasser eintauchte, hatte auch er sich in einen Buddha verwandelt.

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Zen-Meister Ikkyu der Frauen und Alkohol zugetan war. ©pxhere


Sacred Wisdom in China und Japan
Bei den „verrückten Heiligen“ Chinas ist die sexuelle Komponente weniger ausgeprägt. Dafür dienen diese Figuren oft zur Illustration von Flexibilität im Umgang mit allzu starren Vorschriften, die den Realitäten des Lebens nicht entsprechen. In Wu Cheng’ens (1504–1582) buddhistischem Roman „Die Reise nach Westen“ wird das verrückte Gebaren zu einem Handeln aus lebenspraktischer Weisheit.
Der verrückte Heilige ist ein Affe. In allen Gefahrensituationen springt dem ein wenig realitätsfremden Mönch Xuan Zang der Affenköng Sun Wukong zur Seite, dessen Gerissenheit und Schläue den Meister auf seiner Reise zu den Stätten des indischen Buddhismus vor vielen Gefahren bewahrt und so den Erfolg seines Vorhabens – neue Sutren nach China zu bringen – überhaupt erst ermöglicht. Das verrückte Agieren wird zum eigentlichen Geheimnis des Erfolgs.
Obwohl selbst kein anerkannter Chan-Meister, ist der Mönch Ji Gong (1148–1209) der bekannteste menschliche Repräsentant dieses Typus in China. Diesem „verrückten Mönch“ aus dem zwölften Jahrhundert galten auch buddhistische Traditionen nur als leere Formen. Er soll Fleisch gegessen und Alkohol getrunken haben. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Ist das Fleisch in meinem Magen, wandert die Seele des Tieres aus meinem Herzen in den Himmel.“ Anders als im japanischen oder tibetischen Buddhismus werden die „verrückten Heiligen“ in China zwar als Fleischesser und Schnapstrinker porträtiert, ihr sexuelles Gebaren aber eher zurückhaltend beschrieben.
Japan nennt mit dem Zen-Meister Ikkyu (1394–1481), der 200 Jahre nach Ji Gong lebte, ebenfalls einen prominenten Heiligen dieses Typs sein Eigen. Bekannt wurde dieser unkonventionelle Mönch als Kritiker des Zen-Establishments und Verfasser erotischer Verse, der, eigenem Zeugnis zufolge, in seiner schwarzen Robe regelmäßig Bordelle besuchte. Dort frönte er nicht nur seinen Lüsten, sondern unterwies die Damen auch im Dharma. Die Dienste von Prostituierten dienten der Vertiefung seiner Erleuchtungserfahrung, behauptete er.
Die historischen Quellen schildern ihn als jemanden, der gern dem Alkohol zusprach, später den Tempel verließ und eine Zeit lang in Begleitung von Künstlern und Poeten durch die Lande zog. Mit der blinden Sängerin Mori soll ihn eine innige Liebe verbunden haben. In seinen späten Jahren wurde er wohl aufgrund seiner Popularität zum Abt eines Klosters ernannt, eine Rolle, die er allerdings nur widerstrebend und erst nach langem Zögern anzunehmen bereit war. Vielen japanischen Kindern gilt er bis heute als nacheifernswerter Volksheld, der Lehrer und Machthaber austricksen konnte.
Beliebte Zeichentrickfilme erzählen Geschichten aus seinem Leben. An seinem Image als buddhistischer Meister aber scheiden sich bis heute die Geister: Den einen ist er ein Vertreter spontaner Direktheit, ein Grenzüberschreiter im Namen des Heiligen, andere halten ihn für einen Säufer und „Hurenbock“.


Polyamourös in Tibet
Eine neue Wende nimmt das Paradigma des „verrückten Heiligen“ im tibetischen Buddhismus. War er in China, Japan und Korea eine belächelte Randfigur des Pantheons, als buddhistisches Ideal jedoch eine allenfalls tolerierbare Gestalt, so wird er im tibetischen Buddhismus zu einem Leitbild und durch Marpa (1012–1097) und dessen Hauptschüler Milarepa (1040–1123) sogar zum Begründer einer eigenen Richtung mit großer Anhängerschaft. Die Verrücktheit gilt nicht länger als eine Entgleisung, sondern als Zeichen höchster Verwirklichung und erleuchteter Präsenz mitten im Herzen des Mandalas.
Milarepa entwickelte erstmals die typische Form dieser Belehrung mit Fokus auf meditative Erfahrung und der Visualisierung des Gurus als geistigen Führer. Ohne Anleitung eines Meisters könne der Schüler auf seinem Weg keine wirklichen Fortschritte erzielen, hieß nun das neue Credo, das allen Adepten von Anfang an eingebläut wurde. Das Image der „Verrücktheit“ immunisierte den Meister gegen jedwede Kritik und machte aus ihm so etwas wie einen spirituellen Feudalfürsten, gegen dessen Omnipotenz jede Auflehnung ein schlimmer Frevel war.
In der Folgezeit reifte ein gewaltiger Schatz von Legenden heran, die in blumigen Worten die neuen Meister preisen. Diese lehrten durch ganz unkonventionelles Verhalten ihre Schüler und Schülerinnen, vorgeblich mit dem Ziel, deren Begierden zu transformieren, wobei sexuelle Inhalte oft eine zentrale Rolle spielen. Hatten ihre Vorgänger kaum Anhänger und auch keine bekannten Schüler, die ihrem Weg folgten und ihr Wirken fortsetzten, so sammelten sich in Tibet bald große Scharen von Schülern hinter diesen Meistern neuen Typs.
Mehrere Umstände haben diesen Wandel ermöglicht: Die gesellschaftlichen Grundstrukturen waren zwar in allen genannten Ländern feudalistisch, aber in Tibet herrschte eine brutale Leibeigenschaft und Analphabetismus. Dazu kam, dass sich in China der Buddhismus gegenüber dem Daoismus und Konfuzianismus behaupten musste und in Japan gegenüber dem einheimischen Shintoismus. Eskapaden mit verrückten Heiligen sorgten nur dafür, die Ernsthaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit der eigenen Religion infrage zu stellen, und mussten – allein schon aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz – auf bizarre Randphänomene beschränkt bleiben. In Tibet hingegen existierte keine solche Heilskonkurrenz. Doch es gab den Glauben an Wunderheiler und magische Praktiken, die von Schamanen ausgeführt wurden. Sie förderten die Akzeptanz von Glaubensvorstellungen, die mit Vernunft und Alltagsklugheit nicht auf eine Linie zu bringen waren.
Von erwähntem Milarepa aus dem 11. Jahrhundert über Chögyam Trungpa im 20. Jahrhundert und bis zum zeitgenössischen Sogyal Rinpoche etablierte sich so ein neues Ideal: der unberechenbare Meister, gesegnet mit „übernatürlichen Kräften“ höchster Erleuchtung und befähigt, tief ins Herz eines jeden seiner devoten Schüler zu sehen. Unkonventionelle Methoden wie Beleidigungen, Anzüglichkeiten oder sogar Schläge gelten als „geschickte Mittel“. Der Meister setzt sie in diesem Verständnis vollkommen selbstlos ein, um die Adepten im „Kampf gegen ihr Ego“ zu unterstützen. Die Verrücktheit des Meisters enthebt ihn zudem jeder Kritik.
Als wundertätiger Thaumaturg und gleichzeitig Schnapstrinker sowie polyamouröser Erotiker ist es seine tantrische Kompetenz, die ihn weit außerhalb der moralischen Normen der in ihrer Dualität befangenen Weltlinge stellt. „Hütet euch, der Weisheit des Vajrayana menschliche Moral in die Quere kommen zu lassen“, verkündet Khyentse Dzongsar Jamyang, einer der glühendsten Verfechter dieser Praxis in der Gegenwart. Bernhard Pörksen bezeichnete in „Buddhismus aktuell“ die Tradition des „crazy wisdom“ kürzlich sehr zutreffend als „eine weihevoll formulierte Form von bullshit.“ Und er hat wohl recht mit seiner Vermutung, dass diejenigen, die sie am lautstärksten vertreten, am allerwenigsten daran glauben. Der „verrückte Heilige“ fungiert vor allem als doktrinäres Machtinstrument, um die innere Stabilität der religiösen Gruppen zu sichern, die diesem Leitbild folgen.

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Jetsün Milarepa Begründer der Kagyü-Schulen.© Wikipedia Commons

Kollateralschäden ohne Ende
War im frühen Buddhismus die Heiligkeit das Ergebnis eines ethischen und moralischen Lebenswandels, so kommt es im tibetischen Buddhismus beim Erleuchteten zu einer Entkopplung von Moralität und Heiligkeit. Der „vollverwirklichte Meister“ steht jenseits der Normen der Alltagswelt. Den Guru als einen gewöhnlichen Menschen zu betrachten oder gar zu behandeln, wird als schlimmes Fehlverhalten aufgefasst. „Was auch immer er tut, der Schüler hat es als eine Belehrung zu verstehen“, so Stephan Butterfield, ein früherer Schüler des tibetischen Rinpoche Trungpas.
Solch gottähnliche Verehrung eines Sterblichen erscheint vielleicht in den abgelegenen Regionen Tibets nachvollziehbar: Die Menschen damals waren Analphabeten, die einzige Bildung bekamen sie in Klöstern. Worauf sollten die Menschen sonst vertrauen, die in Armut und mit vielen Entbehrungen lebten und denen jede medizinische Versorgung fehlte? Schwerer nachvollziehbar ist hingegen, was moderne und gebildete Menschen im Westen dazu veranlasst, sich bedingungslos auf ein solches Glaubenssystem einzulassen. Sie folgen einem Heilsbringer, allein weil er ihnen als Lohn für ihre Unterwerfung wunderbare und segensreiche Zustände in Aussicht stellt.
Es ist dabei ziemlich unerheblich, ob man die Macht des Gurus allein über hypnotische Suggestion oder andere psychologische Phänomene erklärt oder ob er tatsächlich Zugang zu einem realen tantrischen Pantheon zu verschaffen imstande ist: Weithin sichtbar und ganz unberührt von dieser Frage sind auf jeden Fall die Kollateralschäden, die dieses Glaubenssystem anrichtet. Der Wunsch, „loszulassen“, führte viele Betroffene geradewegs in neue, gefährliche Abhängigkeiten. Über kurz oder lang mussten viele Betroffene dann feststellen, dass ihre Offenheit und Gutgläubigkeit finanziell und mitunter auch sexuell brutal ausgebeutet wurden. Viele Opfer der „verrückten Meister“ brauchen Jahre bis Jahrzehnte, bis sie sich aus diesen Verstrickungen lösen können.
Von höchsten Höhen in tiefste Tiefen gestürzt, kehren leider nicht wenige dem Buddhismus am Ende dann ganz den Rücken. Mit jedem neuen Skandal verfliegt zudem die Euphorie über den Buddhismus und die Projektion seiner Repräsentanten als wahrhaft heilig und erleuchtete Vertreter einer Religion, die den angestammten Religionen so weit überlegen ist. Wir leben in einer Zeit charismatischer Ernüchterung, es ist gut, einmal darüber nachzudenken, warum der historische Buddha es anders als Jesus wohlweislich vermieden hatte, einen Nachfolger zu bestimmen und am Ende seines Lebens schlicht sprach: „Seid Euch selbst eine Insel und Zuflucht.“

 

Hans-Günter Wagner ist ein traditionsübergreifender Buddhist. Er war fünfzehn Jahre in China beruflich tätig. Heute ist er Chinesisch-Lehrer und Übersetzer buddhistischer Prosa- und Lyrikwerke. Im Oktober erschien von ihm ein Grundlagenwerk zum chinesischen Buddhismus im Verlag Matthes & Seitz in Berlin: "Buddhismus in China: Von den Anfängen bis in die Gegenwart".

 

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