Leben

Der österreichische Neurobiologe Marcus Täuber ist überzeugt, dass Gedanken viele Körperfunktionen beeinflussen. Besonders toxisch ist chronischer Stress.

Der Titel Ihres neuen Buches ist „Gedanken als Medizin“. Das könnte vor allem Kranken große Hoffnungen machen. Wie meinen Sie das genau?
Gedanken sind Aktivitäten der Nervenzellen. Sie steuern Hormone, Immunsystem, Muskulatur und viele andere körperliche Zustände. Deshalb können Gedanken also auch sehr spezifisch auf verschiedene Organe wirken. Es geht weit über Entspannung oder positives Denken hinaus.

Wieso kommen Sie zu dieser Annahme?
Aus Experimenten, die das eindeutig belegen. Diabetiker zum Beispiel müssen sich für ihre Insulinspritzen an der Zeit orientieren. Gibt man ihnen eine Uhr, die doppelt so schnell läuft, dann richtet sich auch ihr Insulinbedarf daran aus, also nicht an der realen Zeit. Daran sieht man sehr deutlich, welche Kraft in den Gedanken steckt. Das zeigt auch ein Experiment zu Hunger- und Sättigungsgefühl.

Das ist für Übergewichtige interessant.
Genau, es geht um die Frage, wie das Hungerhormon Ghrelin und das Gefühl, satt zu sein, zusammenhängen. Es gibt eine sehr eindrückliche Studie mit Milchshakes. Zwei Gruppen bekamen ein und denselben Milchshake. Die eine Gruppe glaubte jedoch, sie bekäme einen niedrigkalorischen Diät-Shake, die andere dachte, es wäre ein hochkalorischer Genuss-Shake.

Und?
Bei den Teilnehmenden, die den vermeintlichen Genuss-Shake erhielten, sank der Ghrelin-Spiegel dreimal so stark. Allein der Gedanke an etwas Hochkalorisches hatte sich massiv auf das Hungerhormon Ghrelin ausgewirkt. Das ist doch ein Zeichen dafür, wie stark Vorstellungen unseren Körper beeinflussen können.

Die Einbildungskraft des Menschen wird in der Naturwissenschaft als Placebo-Effekt bezeichnet. Meinen Sie dieses Phänomen?
Im Grunde genommen, ja. Ich denke, der Placebo-Effekt hat mit einer Besonderheit des menschlichen Gehirns zu tun. Es versucht stets, die Zukunft vorherzusehen. 

Gedanken


Tun wir das?

Ja, dazu gibt es auch eine Reihe von Untersuchungen. Man hat festgestellt, dass Schmerzpatienten, die glauben, gleich Opiate zu erhalten, selbst körpereigene Opiate zu produzieren beginnen. Das heißt: Das Gehirn produziert nicht nur reine Gedanken. Im Bestreben, die Zukunft vorherzusehen, verändert das Gehirn den Körper. Das kann man nutzen. Der Körper verfügt in einem gewissen Ausmaß auch über Selbstheilungskräfte, die sich gezielt aktivieren lassen.

Klingt zu schön, um wahr zu sein.
Es geht mir um ein neues Verständnis von Krankheit. Ich sehe es als physiologischen Prozess. Gedanken sind ein wichtiger Faktor, eine Art Verstärkung sozusagen. Das lässt sich aber nicht direkt, also willentlich, beeinflussen, sondern sozusagen nur über einen Umweg.

Aber wie konkret?
Über Meditation, innere Bilder und tiefe Überzeugung für Sinn und Spiritualität. Über die Wirkung von Bildern wissen Mediziner seit Langem aus der Methode des Biofeedbacks Bescheid. Man kann seinem Herz nicht befehlen, langsamer zu schlagen. Doch wenn man sich angenehme Bilder ansieht, beruhigt sich das Herz.

Gibt es noch andere Beispiele?
Bei psychischen Erkrankungen spielen Gedanken eine wesentliche Rolle. Beim Gefühl Vertrauen wird das Bindungshormon Oxytocin freigesetzt. Es senkt Stress und hebt die Stimmung, weil dann auch der Serotoninspiegel ansteigt.

Und was ist schlecht für den Körper?
Chronischer Stress, er ist der Gegenspieler für Selbstheilung. Bei Stress produziert der Körper Cortisol, also ein Hormon. Und dieses Hormon wirkt dann, wenn es langfristig produziert wird, negativ auf eine Reihe von anderen körperlichen Systemen. Etwa auf die Immunabwehr, die aus dem Gleichgewicht kommt. Unter Dauerstress wird auch der Kampf gegen Tumorzellen und Infektionen unterdrückt, die Produktion von Antikörpern wiederum angeheizt. Letzteres erhöht das Risiko für Asthma und Allergien. Deshalb ist es aus meiner Sicht notwendig, chronischen Stress so tief greifend wie möglich aufzulösen.

Wie?
Mit Meditation, insbesondere mit Achtsamkeitsübungen oder auch Mantra-Meditationen, denn sie stärken das sogenannte Stirnhirn, also jenen Bereich, der die Kontrolle über stressbehaftete Gedanken und Gefühle haben kann. Durch Meditation lernt man, seine Gedanken abschalten zu können und dadurch Ruhe in sich zu finden.

Wie lange dauert dieses Lernen?
Es dauert schon ein paar Wochen, bis man diese Technik des Gedankenabschaltens erlernt hat. Ich empfehle zunächst fünfzehn Minuten pro Tag. Ein Ziel kann sein, ganz bei der eigenen Atmung zu bleiben und sich auf das Heben und Senken der Bauchdecke zu konzentrieren. Es ist dann auch wirklich toll, zu sehen, dass sich Gedanken tatsächlich wegschieben lassen. Damit lernt man ja auch, seine Gefühle zu steuern. Gedanken und Gefühle sind ja untrennbar miteinander verbunden. Allerdings kann es zu Nebenwirkungen kommen.

Welche Nebenwirkungen?
Beim Meditieren kommen immer wieder starke Empfindungen hoch. Es kann sein, dass eine Person zunächst sogar leichter reizbar wird. Deshalb kann eine Begleitung sehr sinnvoll sein. Es ist vergleichbar mit Tauchen: Kein Anfänger würde beim ersten Mal alleine gehen. Wenn es um das Eintauchen in die Psyche geht, ist es ähnlich, zumindest zu Beginn, dann stellen sich auch die Erfolge schneller ein. Mit dem Gehirn ist es wie mit Muskeln im Fitnessstudio: Training erhöht die Kraft.

Welche Entspannungstechniken erachten Sie als sinnvoll?
Klassische Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung können ein Einstieg sein, sind aber weniger wirkungsvoll als Meditation. Ich halte aber auch die Imagination, also das mentale Üben mit der Vorstellungskraft, für sehr tief greifend. Man kann zum Beispiel Schmerz als Farbe visualisieren und dann versuchen, diese Farbe zu verändern. Oder Krebspatienten stellen sich Krebszellen vor, die besiegt werden. Damit lässt sich die Wirkung einer Therapie unterstützen. Besonders spannend ist der Faktor Spiritualität. Sie hat sich in wissenschaftlichen Untersuchungen als sehr effektiv herausgestellt.

Wenn hinter Meditation ein Glaube steht, wirkt sie besser?
Ja, es gibt ja auch Studien, die zeigen, dass Glaube lebensverlängernd ist. Ich denke, dass ein Glaube, egal welcher, eine Form von Selbstwirksamkeit entstehen lassen kann, sich also auf das Selbstbewusstsein auswirkt. Das dürfte eine innere Ruhe bringen.

Ist das ein Plädoyer für den Glauben?
Es geht um den Frieden mit sich selbst und der Welt. Spiritualität lässt sich auch säkulär praktizieren – also ohne Kirche und Gott. Wie man dieses innere Kraftwerk findet, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Bei Religionen kommt allerdings das Gemeinschaftserlebnis mit anderen dazu, und das Gefühl des Eingebettetseins in etwas Größeres. Und genau das spielt bei Gesundheit eine wichtige Rolle.

Und welche Gedanken schwächen?
Das Gefühl von Hilflosigkeit zum Beispiel oder auch die Selbstwahrnehmung, man wäre ein Opfer ohne Kontrolle über das, was rund um einen passiert, ist für die Gesundheit nicht förderlich. Grundsätzlich sind allerdings chronischer Stress und seine negative Wirkung auf den Organismus etwas, dem wirklich viele Menschen ausgesetzt sind.

Sie meinen also: zu viel Arbeit?
Arbeit ist ein Aspekt. Es geht aber auch um fehlende Pausen für tiefe Erholung. Daneben gibt es auch andere Formen von chronischem Stress. Auch Euphorie oder Freude lösen Stress im Körper aus. Es sollte darum gehen, zur Ruhe zu kommen.

Marcus Täuber ist Neurobiologe und Buchautor. Er leitet das Institut für mentale Erfolgsstrategie in Wien und bietet dort Ausbildungen, Vorträge und Trainings an.

Tipp zur Vertiefung: Marcus Täuber: Gedanken als Medizin, Goldegg Verlag
 
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Foto Marcus Täuber © Weinwurm
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